Fremd in einem fremden Land

Im Jahr 1934 kommt der 23 Jahre alte Li Shon Beou nach einer langen Schiffsfahrt nach Portugal.

 

Im Dorf Qingtian, im Südwesten von Zhejiang, in China, 1934. Es ist ein schwülheißer Tag. Der Himmel ist mit Wolken bedeckt. Der grünliche Fluss, der dort fließt, ist ruhig. Der 23-jährige Li Shon Beou und vier seiner Freunde sind bereit, ihren Plan auszuführen. Die Wellen auf dem Fluss werden höher und wühlen das Wasser auf. Das Frachtschiff, auf das sie gewartet haben, nähert sich. Die fünf Freunde bereiten sich darauf vor, das Schiff zu besteigen. Sie springen heimlich auf und verstecken sich im Laderaum. Nach einer mehrwöchigen Reise beschließen sie, an dem sich nähernden Land von Bord zu gehen. Es stellt sich heraus, dass dieses kleine und unbekannte Land Portugal ist. So begann die Geschichte einer der ersten chinesischen Familien in Portugal.

 

"Auf der Suche nach einem besseren Leben", antwortet Y Ping Chow, der Enkel von Li Shon Beou, auf die Frage, warum seine Großeltern China verließen. Zu dieser Zeit gab es eine Reihe von Konflikten zwischen nationalistischen und kommunistischen Kräften in China, die in den chinesischen Bürgerkrieg mündeten.

 

Der 68 Jahre alte Y Ping Chow, Präsident der Chinesischen Liga in Portugal, einer gemeinnützigen Organisation, deren Ziel es ist, die Rechte chinesischer Bürger zu verteidigen und ihre Integration in Portugal zu unterstützen, kam 1962 wegen seines Großvaters als Siebenjähriger mit seinen Onkeln und Cousins aus der Provinz Zhejiang in China nach Porto, wo er heute noch lebt. "Wir waren die ersten chinesischen Kinder, die hier ankamen", sagt er stolz. Seine Eltern und Großeltern lebten schon seit einiger Zeit in Portugal und hatten bereits ein Unternehmen gegründet.

 

Li Shon Beou, sein Großvater, brachte einige von ihm hergestellte Krawatten aus China mit, die er in dem Land, in dem er angekommen war, verkaufen wollte. "Er verkaufte seine Krawatten nicht in Geschäften oder auf Messen. Er hatte eine Pappschachtel und eine Schnur, die er um seinen Hals legte und an der Schachtel befestigte. So ging er durch die Straßen von Porto und verdiente ein paar Groschen." Sie begannen als Straßenverkäufer in einem unbekannten Land. Schließlich war die ganze Familie hier, und man eröffnete 1955 ein Krawattengeschäft. Y Ping gibt zu: "Meine Großeltern sind in Portugal geblieben, nicht weil sie das Land mochten, sondern weil sie hier ihren Lebensunterhalt verdienen konnten."

 

Y Pings Eltern waren in Portugal, gingen dann aber für einige Zeit zum Arbeiten nach Deutschland und Holland, wo sich die chinesische Kultur bereits ausbreitete, vor allem mit Restaurants. Nach einer Weile kehrten sie nach Portugal zu ihrer Familie zurück, die nun über eine stabile Finanzierung verfügte. Inspiriert von ihrer Reise, beschlossen sie, die chinesische Gastronomie nach Portugal zu bringen, und eröffneten das erste chinesische Restaurant 1966 in Porto. Sie haben dem Restaurant nicht einmal einen Namen gegeben. Da es keine anderen chinesischen Restaurants gab, wurde es einfach "Das chinesische Restaurant" genannt. Am Anfang lief das Geschäft nicht gut. "Die Portugiesen dachten, wir würden Kakerlaken, Ratten, Katzen und Hunde essen." Mit der Zeit gewann das Restaurant einen guten Ruf, und die Leute begannen, sich für chinesisches Essen zu begeistern. Das Restaurant wird von Touristen aufgesucht, aber auch von Familien, die es seit seiner Eröffnung besuchen. Die Familie Chow besitzt noch ein weiteres chinesisches Restaurant namens "King Long", das 1973 gegründet wurde und das Y Ping, nach dem Tod seiner Eltern 2022, weiterführt.

 

Für Y Ping war der Einstieg in das Leben in einem anderen Land schwierig. Er kam als Kind hierher und sah, dass er anders als alle anderen aussah. Er konnte die Sprache nicht verstehen, die die Menschen untereinander redeten. Die Leute waren nicht daran gewöhnt, Chinesen in ihrem Land zu sehen. "Sie machten sich über unser Aussehen lustig, indem sie ihre Augen weiteten, sie versuchten, uns beim Sprechen auf Chinesisch zu imitieren." Chow fand es schwierig, Portugiesisch zu lernen. "Portugiesisch ist nicht wirklich eine leicht zu erlernende Sprache, aber mit der Zeit habe ich es dann doch geschafft."

 

Sein Vater erlaubte Y Ping nicht, portugiesische Freundinnen zu haben. Er heiratete auf Wunsch seines Vaters eine ihm vorgestellte Chinesin, die nur zum Heiraten nach Portugal kam. Sie kannten sich vor der Heirat nicht, aber schrieben sich Briefe und kommunizierten auch über Kassetten. Sie haben eine glückliche Familie gegründet. "Ich verstehe, dass mein Vater mir nicht erlaubt hat, mit einer Portugiesin auszugehen. Wenn ich eine Portugiesin geheiratet hätte, wäre ich zu 70 Prozent Portugiese geworden. Ich selbst wollte auch, dass meine Kinder Chinesen heiraten, aber meine Töchter haben Portugiesen und mein Sohn hat eine Deutsche geheiratet."

 

Y Pings Familie lebt nun schon in der fünften Generation in Portugal. An die ersten sieben Jahre seines Lebens, die er in China verbracht hatte, kann er sich nicht gut erinnern. Chow sagt, dass er sich eher portugiesisch als chinesisch fühlt, aber er würde sich gerne chinesischer fühlen und hätte gern, dass auch seine Nachkommen chinesischer wären. Dennoch fühlt er sich mit dem Leben und der Familie, die er hier aufgebaut hat, am richtigen Ort. Auch seine Kinder fühlen sich integriert in Europa und haben sogar Vorteile und berufliche Chancen, weil sie Mandarin sprechen. "Mein Sohn lebt in Esslingen und ist Maschinenbauingenieur, so wie meine andere Tochter Umweltingenieurin ist und in einer deutschen Autoteilefirma arbeitet. Die Älteste hat eine Firma, die rechtliche und steuerliche Dienstleistungen für die chinesische Gemeinschaft anbietet, sowie eine Mandarin-Schule, die sich die Verbreitung der chinesischen Sprache und Kultur zur Aufgabe gemacht hat." Zur Erhaltung und Förderung der chinesischen Kultur in Portugal gehören auch kulturelle Veranstaltungen. So ist das chinesische Neujahrsfest in Portugal bereits gut bekannt und beliebt. Darüber hinaus tragen chinesische Kunst- und Kulturausstellungen, Tanz- und Musikaufführungen dazu bei, die westliche Kultur zu erweitern. Laut Y Ping gibt es in Portugal keine Diskriminierung von Chinesen. Allerdings gibt es immer noch einige negative Stereotype, die mit Chinesen in Verbindung gebracht werden. Manche Menschen betrachten Chinesen immer noch als eine geschlossene Gemeinschaft oder als unzuverlässig im Geschäftsverkehr. Außerdem gebe es einen gewissen wirtschaftlichen Konkurrenzdruck zwischen portugiesischen und chinesischen Unternehmen, der zu Spannungen führt. "Die chinesischen Läden, die heute an jeder Ecke von Porto zu finden sind und die jeder wegen ihrer niedrigen Preise und ihres breiten Angebots an Produkten schätzt, nehmen den anderen kleinen Geschäften die Vorherrschaft weg", meint Chow. Es gibt auch Berichte über chinesische Investitionen in Portugal, insbesondere im Immobiliensektor, was den chinesischen Einfluss im Lande verstärkt. Nach der Übernahme des größten portugiesischen Versicherers durch eine chinesische Gruppe kamen Befürchtungen auf. "Einige befürchten, dass die Abhängigkeit Portugals von chinesischen Investitionen zu einem Verlust der Kontrolle über strategische Wirtschaftssektoren führen könnte."

 

Auch das Auftreten des Coronavirus hat die Meinung einiger Menschen beeinflusst. Das Virus führte zu einem Anstieg der Fremdenfeindlichkeit gegenüber Menschen chinesischer Abstammung. "Seitdem die Leute von einem chinesischen Virus gehört haben, leiden unsere Restaurants unter Kundenmangel. Die Menschen dachten, alle Chinesen hätten Covid, und hatten Angst, sich anzustecken, wenn sie mit einem Chinesen in Kontakt kämen. Sie nannten uns schuldig." Negative Einstellungen gegenüber Chinesen spiegelten aber nicht die der portugiesischen Bevölkerung im Allgemeinen. Viele haben positive Beziehungen zu Chinesen und ihrer Kultur. "Chinesen fühlen sich in Portugal willkommen", sagt Y Ping mit einem Lächeln im Gesicht. Laut Chow leben in Portugal derzeit etwa 40.000 Chinesen. Die Freundlichkeit und das Wetter in Portugal ziehen viele Chinesen an. "Jetzt würde ich mein Leben in Portugal nicht mehr mit einem Leben in China tauschen wollen. Ich bin beeindruckt von der portugiesischen Kultur, dem Essen, den Getränken, den Beziehungen zu meinen Freunden. Ich bleibe hier bis zu meinem Tod", sagt Y Ping Chow.

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2023, Nr. 169, S. 26 - FRANCISCA CHOW LAPA, Deutsche Schule zu Porto

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