Siggi Schwarz schaut auf ein bewegtes Leben mit prominenten Musikern zurück
Schade, dass man diesem Raum seine Historie nicht ansieht. Man weiß gar nicht, was sich hier alles abgespielt hat", meint Siggi Schwarz an seinem Schreibtisch sitzend, beinahe etwas wehmütig. Der 65-jährige, sportlich wirkende Mann wirkt gelassen und aufgeschlossen. Wenn man sich umsieht, erblickt man ein Schlagzeug, viele Verstärker, ein Dutzend Gitarren, die Hälfte davon auf Gitarrenständern, die andere Hälfte an der Wand hängend, sowie unzählige Bilder an den Wänden, die alle Schwarz mit Musikern wie zum Beispiel Billy Gibbons von ZZ Top zeigen - Siggi Schwarz selbst ist auch Musiker, genauer gesagt, Gitarrist.
Schwarz interessierte sich früh für Gitarrenmusik: Mit 12 Jahren war er von den Künsten von Carlos Santana, Jimi Hendrix und Eric Clapton, die auf der Woodstock-Dokumentation zu hören waren, stark beeindruckt, den Blues-Rock-Gitarristen Gary Moore sieht er als Vorbild, als Schlüsselerlebnis sieht er jedoch den Moment, als er in einem Musikhaus in Ulm einen Studenten der hiesigen Universität "Hey Joe" von Jimi Hendrix spielen hörte. Er erinnert sich an den Geruch eines Musikhauses, schließt die Augen, atmet ein, "da war's um mich geschehen, da wusste ich, das will ich auch können". Mit viel Übung und Ehrgeiz gelang es ihm mit seiner Band VIP 1987 den Marlboro Music Award als beste deutsche Rockband unter 1200 Mitstreitern zu gewinnen, woraus sich ein Plattenvertrag, eine Produktion in Peter Maffays Studio sowie einige Fernsehauftritte ergaben.
Tatsächlich hatte sich der gelernte Siebdrucker auch vorher schon einen Namen gemacht - als Musikalienhändler. Schon während seiner Lehre fing Schwarz als erster Deutscher an, Gitarren und Verstärker aus den USA zu importieren. Um diese Tätigkeit mit der Lehre vereinbaren zu können, war es Kunden erlaubt, auch in der Druckerei anzurufen, was zur Folge hatte, dass einer der Chefs einmal sagte: "Hier gehen mehr Anrufe für den Schwarz als für uns ein." 1980 eröffnete er sein Musikgeschäft "Pro Music", das nach zweimaligem Umzug und einer Umbenennung zu "Siggi Schwarz Music" im Heidenheimer Gewerbegebiet, etwa 1,5 Autostunden östlich von Stuttgart, liegt. Bediente der Laden in den Anfangstagen noch lokale Kundschaft, so hatte er sich mit dem Umzug zu einem weltweit bekannten High-End-Musikgeschäft etabliert, was den Grund hatte, dass "der Gitarrenguru von der Ostalb" kaum Anfängermodelle von Gitarren und Verstärkern im Sortiment führte, sondern sich auf Sondermodelle und alte Gitarren aus den Anfängen der Rockmusik spezialisiert hatte. Zu seinen Kunden zählte er Aerosmith, Steve Vai und Rammstein, aber auch Normalsterbliche, die "aus nahezu jedem europäischen Land, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Japan, Kanada und den USA" kamen.
Zeitgleich arbeitete er als Gitarrist und Produzent. Im Studio von Peter Maffay spielte Schwarz 1988 mit VIP die Maxi-Single "Factory Girl" ein, jedoch kam es im gleichen Jahr aufgrund von Spannungen zur Auflösung der Band. 1990 gründete der Gitarrist das Plattenlabel Schwarz Music, da er unabhängig von der Plattenindustrie werden wollte, auf dem dann eigene Projekte, aber auch Singles von "Hot Boogie Chillun", der Band von Sascha Vollmer, der später "The Boss Hoss" mitbegründen würde, veröffentlicht wurden. Ein Beispiel für ein eigenes Projekt ist das 2004 veröffentlichte Album "Siggi Schwarz & The Electric Guitar Legends", bei dem unter anderem Michael Schenker mitwirkte, der wegen seiner Zeit bei UFO und den Scorpions bekannt ist, sowie das 2008 erschienene Album "In the Midst of Beauty", das Schwarz, Schenker und Rolf-Michael Schickle zusammen produzierten.
2011, nach dem Tod Gary Moores, nahm er ein Tribute-Album "für ihn" auf, das wie alle folgenden Veröffentlichungen bei Sony Music veröffentlicht wurde. 2008 schloss schließlich "Siggi Schwarz Music" sehr zum Bedauern einiger Stammkunden, da Schwarz sich auf das Musizieren und Konzertegeben konzentrieren wollte. So sollte er 2015 und 2017 mit den Ulmer Philharmonikern Meilensteine der Rockgeschichte aufnehmen, die Arbeit mit so vielen Musikern beschreibt er als "Wahnsinn". Ebenso hatte er angefangen, in seinen Räumlichkeiten Gitarrenunterricht zu geben und das Brenzpark Open Air Festival zu organisieren. Außerhalb der Musik interessiert sich Schwarz für philosophische Fragen und Medizin und entdeckte autogenes Training für sich. Er liebt die Natur, ist "bestimmt 330 Tage im Jahr gelaufen", außerdem seien ihm die besten Einfälle beim Joggen gekommen.
Krisen kennt Siggi Schwarz ebenso wenig wie Stress, nicht einmal die Corona-Pandemie würde er als Krise beschreiben. "Klar, du konntest nicht auf die Bühne, aber jeder konnte daheim Musik machen." Trotzdem sieht er ein, dass es einigen, vor allem jungen Musikern den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. So leistete er Aufbauarbeit an seelisch instabilen Musikern, indem er lange Telefonate mit ihnen führte. Was sein kreatives Schaffen anging, empfand er die Zeit des Lockdowns eher als Höhepunkt: Innerhalb von vier Wochen komponierte er 15 Lieder, die 2021 auf seinem 11. Studioalbum "The Fire Inside" veröffentlicht wurden. Für dieses Album nutzte Schwarz Verstärker der von ihm, Michael Kast und Eddy Lenz 2022 gegründeten Firma Lenz Amplification GmbH - modifizierte Verstärker, "deren Sound ich noch nie gehört hatte, ich aber schon immer haben wollte".
Mit der Firmengründung und dem Erscheinen seiner Biographie 2023 erfüllte er sich lang gehegte Träume. Er hat 50-jähriges Bühnenjubiläum und blickt auf mehr als 3000 Auftritte zurück. Lampenfieber habe er nie gehabt, "die Befreiung ist gekommen, wenn ich die ersten Töne gespielt habe". Für ihn sei es zu jeder Zeit wichtig gewesen, Demut zu zeigen, denn nur wer das tue, sei für ihn "ein echter Star". Abschließend stellt er fest, dass "manchmal die Realität größer wird, als es die Träume je gewesen sind".