Goodbye, Schützenverein!

Portugiesischen Studenten fällt es nicht leicht, Untertitel für einen Film zu machen.

 

Die Zeit roch nach Veränderung, während vor unserem Haus ein überdimensionierter Schützenverein seine letzte Vorstellung gab." Gerade arbeiten die vier Studentinnen der Faculdade de Letras da Universidade do Porto an der Untertitelung des deutschen Films "Good Bye, Lenin!". Im Film sieht man, wie im Fernsehen über die Vorbereitungen für die große Militärparade zum 40. Jahrestag der DDR berichtet wird. Die Kommentare von Alex, dem Protagonisten, sind aus dem Off zu hören. Die portugiesische Übersetzung für "Schützenverein" ist "sociedade/clube de tiro". Ein Portugiese verbindet mit diesen Begriffen jedoch nicht dasselbe wie ein Deutscher. Eine Studentin schlägt vor, den Ausdruck "parada militar" zu wählen. "Dabei geht aber die Ironie verloren", argumentiert eine andere. Untertitelungen sollten jedoch sowohl sprachlich (Idiomatik) als auch funktional (Ironie) gelungen sein. "Wie wär's mit "confraria", Bruderschaft, schlägt eine dritte Studentin vor. "Das würde dann eher zutreffen." Das Adjektiv "überdimensioniert" wird aus Platzgründen wahrscheinlich weggelassen.

 

Der Kurs "Multimediale Übersetzung aus dem Deutschen in das Portugiesische" zielt darauf ab, die Studenten mit dem Bereich der Multimedia-Übersetzung und ihren Besonderheiten vertraut zu machen. "Ein Wort kann etwas sehr Spezifisches sein und muss in den meisten Fällen bei der Übersetzung umschrieben, paraphrasiert werden, denn es gibt in vielen Sprachen nicht immer eine direkte Übersetzung", sagt Mariana Pimenta Pinto, Studentin des ersten Studienjahres des Masters in Tradução e Serviços Linguísticos, als sie gefragt wird, welche die größten Schwierigkeiten sind. Alle, selbst die Professorin, stimmen Mariana zu, und sie ergänzt, "Untertitel müssen kompakt sein, und mit diesem Ansatz wird es schwierig". Kommilitonin Maria Rodrigues da Piedade sagt: "Beim Übersetzen muss man die Idee verstehen und sie meistens umformulieren, damit sie in der übersetzten Sprache noch verständlich ist."

 

Da die Untertitel im Bild stören, ist es wichtig, dass sie nicht zu viel Raum einnehmen. In der Regel sind sie nicht länger als zwei Zeilen. Dabei sollte man pro Zeile nicht die 40 Zeichen überschreiten. Das entspricht ungefähr zwei Dritteln der Bildbreite. Das führt dazu, dass wirklich nur das Wesentliche bewahrt werden kann und man entscheiden muss, welche Informationen gestrichen werden. "Während die Weltuhr am Alexanderplatz auf Mutters Geburtstag zuraste, vereinte ein kleiner runder Ball die gesellschaftliche Entwicklung der geteilten Nation und ließ zusammenwachsen, was zusammengehörte." "Enquanto o aniversário da minha mãe se aproximava": Die portugiesische Übersetzung lässt die Weltuhr am Alexanderplatz aus. Maria rechtfertigt ihre Entscheidung: "Das portugiesische Publikum kennt die Weltuhr am Alexanderplatz wahrscheinlich nicht, und die Uhr wird sowieso im Bild dargestellt. Meines Erachtens wird diese Auslassung dadurch legitimiert." Das Wichtigste ist hier tatsächlich die Information, dass die Zeit vergeht und Alex nach einer schnellen Lösung sucht, damit seine Mutter wie immer ihren Geburtstag feiern kann. Das berühmte Zitat aus der Rede Willy Brandts kennen die Studentinnen nicht, Professorin Joana Guimarães macht sie darauf aufmerksam, und schon suchen die vier Studentinnen eifrig im Internet nach der Übersetzung des Satzes "Wir sind jetzt in der Situation, wo zusammenwächst, was zusammengehört". Ob die Lösung dann dieselbe Wirkung wie der Ausgangstext erzielen wird, wird man sehen. Es muss immer ein Gleichgewicht gefunden werden zwischen dem, was verloren geht, und dem, was als Erklärung dem Text hinzugefügt wird. Im Unterschied zu Deutschland, wo die Synchronkultur sehr ausgeprägt ist, ist die Untertitelung eher die Tradition in Portugal. Die Kinder gewöhnen sich früh daran, Filme mit Untertiteln zu sehen. Untertitel sind nicht so teuer, aber das scheint nicht der einzige Grund zu sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Estado Novo, das diktatorische politische Regime, das Portugal 41 Jahre lang bis zur Revolution vom 25. April 1974 regierte, beschlossen, die Synchronisation zu verbieten. 1948 trat ein Gesetz in Kraft, das darauf abzielte, das portugiesische Kino vor der nordamerikanischen Industrie zu schützen und als Instrument der Bildung und der nationalistischen Propaganda zu nutzen. Zu dieser Zeit war etwa die Hälfte der portugiesischen Bevölkerung Analphabeten, was diesen Teil von Inhalten fernhielt, die möglicherweise für das Regime gefährlich waren. Da sich alte Gewohnheiten hartnäckig halten, wurde die Synchronisation, selbst als sie legalisiert wurde, nie relevant und war praktisch nur für Kinderfilme vorgesehen. Vor diesem Kurs wussten die Studentinnen wenig oder nichts über das deutsche Kino. Sie kannten nur die berühmtesten Filme aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und die wenigen Serien und Filme, die ab und zu im portugiesischen Fernsehen laufen. Ihre Neugierde wurde durch den Deutschunterricht geweckt. Sie stellten fest, dass es in Deutschland viele Filme über das Thema Migration gibt, und Serien, die ihnen helfen können, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. "Wegen der Geschichte des Landes ist es wichtig, Filme auf Deutsch zu untertiteln, denn sie erzählen die Geschichte aus einer anderen Perspektive, sie bereichern unser Leben und bringen uns dazu, aus einem anderen Blickwinkel als unserem zu denken, die Welt mit anderen Augen zu sehen", meint Marta Cortez. Der Film, an dem gerade gearbeitet wird, vermittelt ihnen Kontakt zu einer ihnen völlig unbekannten Realität; als die deutsche Wiedervereinigung stattfand, waren sie noch nicht geboren.

 

Nach der Auswahl des Films besteht der nächste Schritt darin, mithilfe von Untertitelungssoftware das Bild zu betrachten und die Untertitel genau im richtigen Moment zu positionieren, wenn sie auf dem Bildschirm erscheinen und wieder verschwinden sollen. Die große Herausforderung besteht darin, die Umschreibungen in den kleinen Raum der Untertitel auf dem Bildschirm einzupassen. "Wie schön wäre es manchmal, auf eine Fußnote oder eine Klammer mit einer Erklärung zurückgreifen zu können, denn viele Filme mit historischen Themen, und "Good Bye, Lenin!" ist dafür ein gutes Beispiel, haben neben dem historischen Hintergrund auch viele kulturelle Bezüge, die der durchschnittliche Portugiese nicht kennt. Während die angelsächsische Welt viel vertrauter ist, sind das Leben und die Kultur in Deutschland ganz anders als bei uns", sagt Professorin Guimarães.

 

Für Marta Cortez ist "das Gefühl, mehrere Herausforderungen gemeistert zu haben, das Gefühl, etwas geschaffen zu haben", das Beste an einer Untertitelung. "Es gibt viele Herausforderungen gleichzeitig, und es ist schwierig, einen Mittelweg zu finden, der alle gleichzeitig zufriedenstellt. Es ist unsere eigene Schöpfung, wir sind diejenigen, die ein Teil davon sind", sagt Mariana Pinto. Wenn alles wie vorgesehen läuft, wird es am Ende des Semesters einen kompletten Film mit Untertiteln geben, der den Kurskollegen in einer Art Erstaufführung vorgezeigt wird, vielleicht mit deutschem Bier und Würstchen anstelle des traditionellen Popcorns.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.07.2023, Nr. 151, S. 26 - ROSÁRIO MENDONÇA, Deutsche Schule zu Porto

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