Grenzenlose Menschlichkeit

Der Schweizer Grenzbeamte Paul Grüninger rettete Juden vor den Nazis. Ein Gespräch mit

 

seinem Enkel und einem Historiker.

 

Wer wie ich Gelegenheit hatte, die herzzerbrechenden Szenen, das Zusammenbrechen der Betroffenen, das Jammern und Schreien von Müttern und Kindern, die Selbstmorddrohungen anzuhören sowie Selbstmordversuche anzusehen, der konnte schließlich nicht mehr mittun", schreibt Paul Grüninger, Schweizer Grenzpolizist. - Die Wärme des Wohnzimmers löst die eisige Winterluft beim Eintreten in Dieter Roduners Haus in Rapperswil ab; er ist der Enkel von Paul Grüninger, der in den Jahren 1938 und 1939 viele jüdische Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung rettete. In der kleinen, gemütlichen Küche sitzt der 72-jährige Dieter Roduner in blauem Pullover und mit einer schwarzen Brille. "Mein Großvater war liebenswürdig, freundlich und geduldig, auch mit uns Kindern. Im Dorf war er ein geschätzter Mann." Im Jahr 1938, kurz bevor der Zweite Weltkrieg begann, war der damals 48 Jahre alte Paul Grüninger Polizeihauptmann der Kantonspolizei St. Gallen. Er arbeitete auch an der schweizerisch-österreichischen Grenze. Hitler hatte Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen, Juden wurden aus dem Reich vertrieben. Heinrich Rothmund, Vorsteher des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, hatte am 19.8.1938 verfügt, dass Juden ohne Visum ausnahmslos und sofort an der Grenze zurückgewiesen werden müssten. "Die Schweizer Regierung sah sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Seite der Gewinner und schrieb das unter anderem ihrer strengen Flüchtlingspolitik zu", erklärt Stefan Keller, Historiker und Zürcher Autor. 1993 publizierte er das Buch "Grüningers Fall". In einem Café am Bahnhof erzählt er von dem bescheidenen Hauptmann, auf den er vor knapp dreißig Jahren durch Zufall gestoßen sei. Der 64-Jährige erklärt, dass er eigentlich gar kein Buch über Grüninger geplant hatte. Er wurde angefragt, ein Buch über die Geschichte Grüningers zu schreiben.

 

Paul Grüninger rettete Flüchtende vor der nationalsozialistischen Regierung und ließ sie in die Schweiz einreisen, trotz des Einreiseverbots, das schweizweit seit August 1938 galt. Er datierte Einreisevisa vor, fälschte Einreisedokumente und arbeitete eng mit der Jüdischen Flüchtlingshilfe zusammen, die die Flüchtenden aufnahm oder ihnen half, weiterzureisen. 1939 aber wurde Grüninger aufgedeckt. In Bern wurde in Statistiken festgestellt, dass die jüdische Bevölkerung in St. Gallen ungewöhnlich stark gewachsen ist, und so wurde Grüninger denunziert. Er verlor seine Stelle als Hauptmann und hatte bis an sein Lebensende keine Festanstellung mehr, seine Pension wurde ihm aberkannt. Nach einem langen Prozess verurteilte das Gericht Grüninger 1940 zu einer Buße, in der Stadt verlor er sein Ansehen. Die Sankt Gallener verleumdeten ihn, und man warf ihm vor, die Geflüchteten bestochen und sie ausgeraubt zu haben oder gar selbst Nationalsozialist gewesen zu sein.

 

Heute sind diese Vorwürfe widerlegt. Nach dem Urteil zog Grüninger nach Au, wo er bis zu seinem Lebensende mit seiner Frau lebte. Er habe nicht viel von seinen Rettungen während des Zweiten Weltkriegs gesprochen, erinnert sich Dieter Roduner. Sein Großvater sei ein bescheidener Mann gewesen und habe nie bereut, was er getan hat. "Er habe sich nie für das Urteil geschämt, denn er habe getan, was er aufgrund seiner christlichen Weltanschauung als richtig empfand." Trotzdem muss das Urteil ein großer Einschnitt in seinem Leben gewesen sein. Von 1940 an arbeitete der ehemalige Primarlehrer als Vertretungslehrer und nahm Gelegenheitsjobs an, die Familie kämpfte mit der Armut. Ruth Roduner, Grüningers Tochter, musste ihren Sprachaufenthalt in Lausanne abbrechen und in St. Gallen arbeiten. Auch für sie war es schwierig, eine Stelle zu finden, sie durfte dann bei einer jüdischen Textilfirma arbeiten. Damit war sie gezwungen, auf eine Matura und eine höhere Bildung zu verzichten. Trotzdem war es für sie selbstverständlich. Es gab in diesem Moment einfach keine andere Wahl, meint ihr Sohn.

 

Stefan Keller durfte die Überlebenden interviewen und sagt: "Für mich war es sehr beglückend, mit den überlebenden Flüchtlingen zu sprechen, eben weil sie überlebt haben." Er lächelt, als er sich erinnert. Die Geflüchteten wurden alle zum wieder aufgenommenen Prozess eingeladen. "Das erhöhte den Druck, denn man kann ihnen ja nicht sagen, dass sie noch leben, sei illegal", erklärt er. Der Prozess wurde aufgrund seines Buches, "Grüningers Fall", wieder aufgenommen

 

Dieter Roduner findet, dass sein Großvater "moralisch" schon 1968 rehabilitiert wurde. Es war ein Artikel vom damaligen Ständerat Willi Rohner erschienen, der aufdeckte, was kurz vor dem Zweiten Weltkrieg an der schweizerisch-österreichischen Grenze geschah. Der Artikel erregte viel Aufsehen, und die Empörung über Grüningers Urteil war groß. 1993 wurde er mit einem Schreiben der St. Galler Regierung politisch rehabilitiert, dennoch wurde das Urteil erst 1995 aufgehoben und daraufhin der Prozess wieder aufgenommen. Daraufhin wurde Grüninger rechtlich rehabilitiert und entlastet.

 

Die Schweizer Regierung war überzeugt, dass "ihre Migrationspolitik sie auf die Seite der Gewinner brachte", sagt Keller. Trotzdem herrschte in der Schweiz kein Krieg, und zu dieser Zeit war diese Bewahrung, dieser Schutz das größte Ziel. Umso wichtiger sei es, sich heute kritisch mit der Geschichte der Schweiz auseinanderzusetzen, meint Keller. Einen weiteren Schritt in diese Richtung machten die Gründer der Paul Grüninger Stiftung im Jahr 1998. Sie ruft seine Taten immer wieder in Erinnerung. "Wir wollen Leute ehren, die Mut und Menschlichkeit bewiesen haben", sagt sein Enkel. Roduner war mit seiner Mutter Mitgründer. Auch in der Schweiz hatte der Krieg extreme Konsequenzen und Auswirkungen. Diese müssten aufgearbeitet werden, und zwar von jeder Generation aufs Neue, meint Keller. "Es ist wichtig, dass die Geschichte nicht vergessen wird, auch wenn es manchmal einfacher scheint. In der Schweiz war der Antisemitismus auch präsent - nur war er eben still."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2023, Nr. 37, S. 26 - Elisa Wiedemann, Kantonsschule Trogen

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