Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Darstellerin Chryssanthi Beck kennt das gut


Zwei Wochen später kam der Anruf, und das war ein Gefühl, als würde man fliegen können, ein sehr leichtes, glückliches." Gedankenversunken geht sie durch ihr dichtes, braunes Haar und streicht ihr graues Top glatt. Chryssanthi Beck, vielen besser bekannt als Chryssanthi Kavazi, schlägt ein neues Kapitel auf, als sie sich als 23-Jährige dazu entschließt, ihren bisherigen sicheren Job als Industriemechanikerin zu kündigen und sich an der "Film Acting School Cologne" zu bewerben. Seit 2017 ist die zierliche, temperamentvolle 34-Jährige festes Mitglied der erfolgreichsten deutschen Fernsehserie ihres Genres, "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", GZSZ, des Senders RTL. Sie spielt die Figur der Laura. Mit ihrem Ehepartner Tom Beck, auch Schauspieler, ist sie seit 2018 verheiratet. Der geheime Traum, geboren auf der Dorfbühne im Dorf Hillerse des Landkreises Gifhorn, wurde mit Durchhaltevermögen und Furchtlosigkeit Realität.

Enthusiastisch berichtet sie, dass sie schon als Kind die Gäste im Hillerser Hof, dem Restaurant ihrer Eltern, unterhielt und Applaus erntete. Den Wunsch, Schauspielerin zu werden, äußert sie das erste Mal mit 14 Jahren. Für die Eltern, die in den 1970er-Jahren als Gastarbeiter aus Griechenland kamen, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, kommt ein künstlerischer Beruf nicht infrage. Chryssanthi soll sich mit einem klassischen Job eine finanziell abgesicherte Existenz aufbauen. 

Schmunzelnd denkt sie an ihre Kindheit zurück. Beim Fernsehen schreibt sie angeregt Szenen mit, um sie der Familie vorzuführen. Nachdem sie mit 17 Jahren ihren Realschulabschluss macht, geht sie aus Liebe zu den Eltern die Absprache ein, sich auf einen Ausbildungsplatz bei VW zu bewerben. Sie seufzt, denn dort wird sie angenommen. "Ich habe während der Lehre immer noch mit Freunden Werbevideos gedreht." Durch einen schweren Schicksalsschlag in der Familie wird ihr bewusst, dass sie es bereuen wird, ihre Träume nicht zu verwirklichen. Sie nimmt allen Mut zusammen und entscheidet, Schauspielerin zu werden. Belächelt wird sie von vielen. Für die Eltern ist es nicht einfach zu akzeptieren, dass sie die sichere Stelle kündigt und ins Ungewisse aufbricht. "Sie sind davon ausgegangen, dass ich nach zwei Jahren wieder zurückkehren würde." Heute seien die beiden sehr stolz auf das, was sich ihre Tochter aufgebaut hat. 

Voller Leidenschaft eignet sie sich Wissen über den Weg zur Schauspielerin an. "Ich habe auch mehrere Gesangs- und Schauspielstunden in Berlin genommen, denn bei mir in der Region wird ja leider nicht gedreht." Die lebenslustige junge Frau zuckt mit den Schultern. Zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung war der Anmeldeschluss der staatlichen Schauspielschulen schon überschritten. Sie bewirbt sich an der privaten "Film Acting School Cologne". Diese will sie mit dem über ihre Berufsjahre angesparten Geld bezahlen. "Ich habe denen einen ganz langen Brief geschrieben, in dem ich erzählt habe, warum ich das unbedingt will." Sie wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Auf dem Weg nach Köln wird sie von Hoffnung und Nervosität begleitet. Ihr Vorhaben hält sie zunächst geheim, keiner soll eine Erwartungshaltung aufbauen. Mit Kribbeln im Bauch kehrt sie nach Hause zurück. Sie hat alles gegeben, eine nervenaufreibende Wartezeit beginnt. "Dann hatte mich damals die Schulleiterin der Schauspielschule angerufen", sie strahlt und erhält eine Zusage. Bei VW lässt sie sich freistellen und zieht nach Köln.

Eine große Veränderung im Alltag empfindet sie nicht. Vergleichbar sei die Schauspielausbildung mit einem Studium. Sie überlegt kurz. "Was mir am Anfang schwerfiel, war das Auswendiglernen der Texte", sich nach einer Zeit im Arbeitsleben wieder diszipliniert hinzusetzen, zu lernen und die langen Texte nicht nur zu können, sondern auch darzustellen. "Man macht Sachen, die man sonst nicht gemacht hätte. Man tanzt Giraffen nach oder seinen Namen, es müssen einem spontan die Tränen in einer Szene kommen", erzählt sie lachend. "Du arbeitest viel mit dir und lernst dich kennen. Ich habe mich nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Mensch hinterfragt und bin über mich hinausgewachsen." Nach der zweijährigen Ausbildung geht es Monat für Monat von Casting zu Casting, ohne Erfolg. Mit leicht traurigem Unterton erzählt sie, dass das Thema Diversity noch nicht präsent war und sie mit ihrem südeuropäischen Aussehen nicht ins Bild "einer typisch deutschen Tina" passte. Nach jeder Absage stellt sie sich die Frage, woran es wohl gelegen hat, und zweifelt ständig. Auch die finanzielle Situation wird schwieriger, die Reserven neigen sich dem Ende zu. Aus Scham traut sie sich nicht einmal, ihren Eltern von ihrer Notsituation zu erzählen. "Ich stand teilweise am Bankautomaten und konnte mir nicht einmal das Geld für Nudeln leisten." Der Einzige, an den sie sich mit der Bitte um Unterstützung wendet, ist ihr Bruder, von dem sie sich am meisten verstanden fühlt. Sie gibt zu, dass es schwer war, von einem festen Gehalt zu 200 Euro Ausbildungsgehalt im Monat zurückzukehren.

Dann kommt, nach einem Jahr ohne feste Anstellung, die Anfrage von GZSZ, in der ein südeuropäischer Typ gesucht wird. Sie nimmt ihren Mut zusammen und besucht das Casting. Beck gibt preis, dass, wenn auch dieser Versuch gescheitert wäre, sie in ihr altes Leben zurückgekehrt wäre. Beim Vorsprechen gibt sie alles, zeigt ihr ganzes Können. Mit strahlenden Augen erzählt sie von der Zusage. Jetzt kann und darf sie schauspielern und verdient damit auch endlich ihren Lebensunterhalt. Doch auch die Ausbildung zuvor war nicht umsonst. Disziplin und Struktur aus dieser Zeit helfen ihr heute noch, den künstlerischen Alltag zu bewältigen. In diesem Jahr kam die Teilnahme in der Tanzshow "Let's Dance" vor einem Millionenpublikum hinzu und damit ein Schub an Popularität. Sie berichtet stolz, dass sie menschlich, aber auch physisch noch mal über ihre Grenzen hinausgewachsen ist. "Ich glaube, grundsätzlich ist der Weg, den man beschreitet, immer ein guter, und man muss einfach durchhalten." Für sie ist auch heute noch das morgendliche Wachwerden mit dem Geräusch der Berliner S-Bahn im Hintergrund ein Zeichen dafür, dass sie alles richtig gemacht hat.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2023, Nr. 223, S. 26 - Charlotte Herold, Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

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