Der Bus, die Schüler, die Lehrergehälter und letztlich der Wandel / Erfahrungen deutscher Schüler an einem Lycée der Republik Kongo
Guten Morgen, Klasse!", begrüßt Audrey Kuifo die 35 Schüler verschiedenen Alters, die am Freitagmorgen vor ihr sitzen - eine Stunde später als ursprünglich geplant. Häufiges Zuspätkommen gehört zum Schulalltag. Im Raum vor der kleinen Lehrerin mit den perfekten Korkenzieherlocken befinden sich auch fünf deutsche Schüler, die für eine Woche zu einem Austausch gekommen sind. Der Raum ist voll, es ist warm und laut, an den kahlen, hellgelben Wänden blättert der Putz ab. Durch große Fenster strahlt die Sonne herein, aber die stickige Luft wird von keinem Windhauch bewegt. Normalerweise sind die Klassen am Lycée Chaminade noch größer. 60 bis 100 Schüler können zusammen unterrichtet werden, vor allem aus Mangel an Lehrern, wie die gebürtige Kamerunerin erzählt. Seit sieben Jahren lebt sie mittlerweile in Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo, und gibt Deutschunterricht. Bezahlt wurde sie in dieser Zeit allerdings nur selten. Das ist kein Einzelfall - auch Élodie Noumedem hat in ihrer achtjährigen Tätigkeit als Lehrerin kein regelmäßiges Gehalt erhalten. Heute arbeitet sie als Mitarbeiterin der deutschen Botschaft, ein verlässlicher Arbeitgeber, wie der Botschafter Wolfgang Klapper schmunzelnd anmerkt.
Trotz der Unzuverlässigkeit des Systems hat Madame Kuifo Freude an ihrer Arbeit. Mit ihren Schülern kann sie viel lachen. Sermie mag ihre Lehrerin, der Unterricht gefällt ihr, auch wenn Theorie wichtiger ist als Sprachpraxis. Die 19-Jährige besucht die Abschlussklasse und muss im Juni ihr "bac" schreiben, das Äquivalent zum Abitur. Das sorgt zwar für viel Stress, aber das schlanke Mädchen mit der schwarzen Brille winkt lächelnd ab: Die Schule sei nun mal anstrengend, aber man müsse eben diszipliniert und fleißig sein, um Erfolg zu haben. Am Unterricht stört sie nur, dass zu viele Themengebiete abgearbeitet werden müssen. Denn der Staat erstellt Lehrpläne, deren Einhaltung oft schwierig ist. Im Deutschunterricht stehen die vier Fälle auf dem Programm, außerdem Pronominal- und Adverbialsätze, Verbkonjugation, dazu lange Vokabellisten. Die Wiederholung und Festigung des Stoffs kommen deshalb meist zu kurz. Zusätzlich wird die Umsetzung der Lehrpläne durch die häufige Verspätung der Schüler und Lehrer erschwert. Nicht nur die schlecht ausgebauten, unzuverlässigen öffentlichen Verkehrsmittel sind dafür verantwortlich, auch die Einstellung zu Pünktlichkeit und festen Terminen ist in Zentralafrika anders als in Deutschland.
Wirft man einen Blick in die Abiturvorbereitung von Bélange, einem sportlichen Mädchen in Sneakern und Jeans, das fast immer ein breites Grinsen im Gesicht hat, erkennt man die Themen aus unserem Unterricht wieder: die Ursachen für den Zweiten Weltkrieg, die Kubakrise, der Fall der Berliner Mauer. Der Traum der 17-Jährigen ist es, die ehemals geteilte Stadt eines Tages mit eigenen Augen zu sehen. Die Geschichte des eigenen Landes rückt dabei in den Hintergrund, kritische Reflexion und selbständige Arbeit finden in den engen Pultreihen, die an eine europäische Schule im 19. Jahrhundert erinnern, sowieso selten statt. In die Deutschhefte notiert die Klasse vor allem grammatikalische Regeln, viele Schüler haben Schwierigkeiten, einfache Sätze zu verstehen und zu bilden. Weil Madame Kuifo die einzige Deutschlehrerin der Schule ist, werden die zehnte bis zur zwölften Klasse gemeinsam unterrichtet. Große Unterschiede im Sprachniveau machen es praktisch unmöglich, Dialoge oder gesprochene Sprache in den Unterricht zu integrieren. Für ihren Gegenbesuch in Deutschland wünschen sich Sermie und Bélange deshalb, mehr auf Deutsch zu arbeiten.
Die kleinen Unterrichtseinheiten, die die deutschen Schüler vorbereitet haben, werden mit viel Freude bearbeitet, das Interesse an Tipps für die Unterrichtsgestaltung ist groß. Sogar Deutschlehrer anderer Gymnasien sehen sich ihre Arbeit an und vereinbaren einen Termin mit den Lehrern der Gruppe aus Dresden, um über Methoden zu sprechen.
Es ist eine Herausforderung, fast ohne Schulbücher, ohne elektronische Geräte, nur mit einer Tafel, zu unterrichten, aber viele Lehrer strengen sich an und sind offen für neue Ideen. Auch Madame Kuifo behält viele der mitgebrachten Arbeitsblätter für ihren eigenen Unterricht. Die Gruppenarbeit zwischen Deutschen und Kongolesen und den Schüleraustausch findet sie fantastisch. In den Pausen füllt sich der Campus des Lycées mit Schülern. Über das großräumige Gelände mit 26 flachen Gebäuden, einem Basketballplatz, vielen Palmen und jeder Menge Müll verteilen sich dann die insgesamt etwa 2000 Jugendlichen. Die blau-braunen Uniformen müssen selbst bezahlt werden, auch Schulbücher oder Hefte, Papier und Stifte werden nicht bereitgestellt. Sermie und Bélange kommen oft nur mit einem kleinen Rucksack, mit einem Notizbuch für alle Fächer und einem Stift. Die Kugelschreiber, die die Dresdener für die Arbeit verteilt haben, sind nach wenigen Minuten verschwunden. Auch Blöcke, Scheren, Klebestift und Bleistifte werden gern angenommen.
Der Schulleiter, in roter Hose, gemustertem Hemd und polierten Lederschuhen, beteuert gegenüber den deutschen Gästen, dass er die Situation gern verändern würde, zum Beispiel durch kleinere Klassen, wenn es denn mehr Lehrer gäbe. Viel weiteres Arbeitsmaterial aus Deutschland soll übergeben werden. Sermie und Bélange erklären verbittert, dass es wahrscheinlich nie bei den Schülern ankommen wird.
Im Klassenraum sind mehr Handys als Bücher zu sehen, obwohl Telefone im Unterricht verboten sind, laden einige Schüler ihre Geräte an den Steckdosen. Trotz der vielen Hürden ist die Schule das Wichtigste im Leben von Bélange und Sermie, beide wollen studieren, Jura, und gerne im Ausland. Aber Stipendien werden eher an Neffen hochrangiger Regierungsmitglieder vergeben als an gewöhnliche Schulabgänger. Und auch wer studiert hat, findet in der Republik Kongo nur schwer Arbeit, die verlässlich bezahlt wird. Ob Schule dazu beitragen kann, die Situation im Land zu verändern? Bélange glaubt nicht daran, aber die Hoffnung will sie trotzdem nicht aufgeben.