Joonie nimmt sie ganz gefangen

Therapiehund in der Jugendanstalt Hameln: von der Straße ins Gefängnis

Joonie, komm zurück! Passt auf, er läuft weg!" Sätze, die man in der Jugendanstalt Hameln nicht gerne hört und die für einen Aufruhr sorgen. Doch Joonie ist nicht etwa ein Insasse, der einen Fluchtversuch startet. Der Vierbeiner ist einer der zwei Therapiehunde der Jugendanstalt und gerade beim Spazierengehen auf Entenjagd entflohen. Seit sieben Jahren unterstützen diese die Jugendanstalt, eine offizielle Ausbildung für die Tiere ist in Planung.

 

Es gibt noch andere, wenige Therapiehunde in Deutschlands Jugendanstalten, wie zum Beispiel in der Jugendanstalt Wuppertal-Ronsdorf. Dort wurde der Hund offiziell für eine ,,Tiergestützte Intervention mit Hunden im Strafvollzug" ausgebildet. Auch Joonie hat, ähnlich wie die Insassen, die oft mit Drogen oder Alkohol aufgewachsen sind, von Heim zu Heim geschickt wurden und im Gefängnis landen, in seinem Leben schon schlimme Dinge erlebt.

 

Der dreijährige Mischling mit kurzen Beinen und strubbeligem Fell stammt aus Ungarn. Dort irrte er als Welpe durch die Straßen auf der Suche nach Futter, bis er schließlich eingefangen wurde. Doch nicht etwa von einem Mitleid habenden Passanten oder dem Tierheim. Der Straßenhund landete auf der Tötungsstation zwischen vielen weiteren Tieren, wo ihm nur noch wenige Wochen bis zu seinem vorgesehenen Tod blieben. Glücklicherweise entkam der Rüde knapp dem Tod. Denn Janet Juvet, die auf der Suche nach einem Hund war, fand online eine Anzeige von einer Organisation, die diese Tiere rettet und ihnen ein neues Zuhause in Deutschland organisiert, sofern sich jemand findet, der sie adoptiert. Ein paar Wochen später kam der verängstigte Hund nach einer langen Reise in seinem neuen Zuhause an, in dem man sich nun liebevoll um ihn kümmert. Joonie hat es weit gebracht. Denn sobald er sich eingelebt hatte, nahm sein Frauchen ihn mit zur Arbeit. ,,Joonie ist ein Türöffner bei unseren Therapiegesprächen", erklärt Janet Juvet, die Pflegedienstleiterin der psychiatrischen Abteilung der Jugendanstalt ist. "Oft schämen sich die Gefangenen bei Gesprächen, weil sie anders sind oder merken, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Wenn sie Joonie sehen, fangen sie meist direkt an zu reden. Denn Joonie begrüßt sie freundlich mit seinen großen Augen. Und dies erwärmt ihr Herz, und sie fangen an zu lächeln." So lockert der süße Mischling den verkrampften Anfang auf, und es wird schneller Vertrauen gefasst. Manchmal haben die Gefangenen selbst Hunde zu Hause, und Joonie erinnert sie an ihren Liebling.

 

Viele Jugendliche in der JA wissen nicht, was es heißt, eine Familie zu haben und geliebt zu werden. Sie kennen keine Umarmungen. Wenn sie dann auf den liebenswürdigen Hund treffen, den sie kuscheln und streicheln können, verspüren sie ein Gefühl der Geborgenheit durch seine Wärme. "Ich finde Joonies Fledermausohren lustig, und oft liegt er im Sommer mit uns im Gras und entspannt sich. Er ist wie einer von uns geworden", schwärmt der 19-jährige Brandon, einer der Gefangenen. Der freche Vierbeiner ist wie ein Symbol, auch er war anfangs chancenlos, das ist es, was die Insassen mit ihm sympathisieren lässt. Joonie erwartet nichts, er möchte einfach nur Aufmerksamkeit und Zuneigung. "Auch wenn ich einen schlechten Tag hatte, aggressiv war oder Scheiße gebaut hab, Joonie ist nie böse auf mich", gesteht der 16-jährige Ali. Hunde beurteilen Menschen nicht aufgrund ihrer Vergangenheit oder ihres Verhaltens. Sie sind treu und freuen sich über jeden, der lieb zu ihnen ist. Jemand, der einen nicht verurteilt und keinen Unterschied aufgrund von Straftaten macht. Jemand, der bleibt, wenn man mal einen Fehler macht, das ist es, was die Jugendlichen manchmal brauchen. Joonie motiviert sie für den Tag. Denn egal, wie wenig Lust man hat, den Tag zu beginnen, zur Schule oder Arbeit zu gehen, wer freut sich nicht, von einem süßen Hund geweckt zu werden?

 

Mit der Zeit hat sich der kleine Hund sehr gut eingelebt, er rennt in den Zellen umher und leistet beim Frühstück Gesellschaft. Dabei begrüßt er jeden mit einem glücklichen Schwanzwedeln und bringt Freude. ,,Wenn er auftaucht, sieht man ein Lächeln im Gesicht der Menschen. Auch der Coolste und Männlichste wird bei Joonie schwach", erklärt Janet Juvet mit einem Schmunzeln.

 

Natürlich mögen nicht alle Menschen Hunde, manche haben sogar Angst vor ihnen. Die Gefangenen kommen aus verschiedenen Kulturkreisen, in denen sie andere Verhältnisse zu Tieren haben. Beispielsweise in Somalia kennen die Menschen Hunde nicht als Haustiere zum Spielen. Dort leben die Vierbeiner meist auf der Straße und werden als lästig und dreckig angesehen. In so einem Fall kann man die Insassen manchmal vorsichtig an Hunde gewöhnen. Doch man sollte auch das Desinteresse akzeptieren. Mittlerweile kommt Joonie ein- bis zweimal die Woche mit in die Jugendanstalt, wo therapeutische Spaziergänge angeboten werden und er sein Frauchen auf die Suchtabteilung begleitet. Auch die antriebslosesten Insassen fangen dabei an, draußen mit Joonie umherzurennen und zu spielen. Der Spaziergang ist wie eine Belohnung, auf die sie sich die ganze Woche freuen. Joonie bringt Ruhe. Sobald er da ist, werden die Gefangenen ruhiger, leiser und gehen besser miteinander um, weil sie Rücksicht auf den struppigen Vierbeiner nehmen. Dabei ermahnen sie sich sogar gegenseitig und übernehmen unbewusst eine Verantwortung für das Tier.

 

Doch auch wenn Joonie den Gefangenen helfen soll, ist es natürlich ebenfalls wichtig, auf den Hund Rücksicht zu nehmen, denn auch er kann einen schlechten Tag haben. Trotz dessen hat er Spaß an der Arbeit, da sich der Rüde immer sehr freut, sobald er die Jugendanstalt erblickt. Jede Woche stürmt er glücklich bellend und schwanzwedelnd zur Begrüßung in den Essenssaal und sorgt gleich für gute Laune.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2023, Nr. 128, S. 26 - ISABELLE JUVET, Humboldt-Gymnasium, Bad Pyrmont

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