Als Bieber zum "Tatort" wurde und der Bankangestellte einen Bankangestellten mimte: Ein Komparse erinnert sich an einen Dreh in Offenbach.
Es ist gewissermaßen die endgültige Tatortreinigung. 16 Jahre nach einer Bankraubserie, die im Offenbacher Stadtteil Bieber ihren Höhepunkt gefunden hat, wird die gesamte Schalterhalle der betroffenen Bank generalsaniert. Die dünne Schicht aus Staub und Dreck, die den Boden bedeckt, sowie die herausgerissenen Wandabdeckungen und fehlenden Möbel lassen den Betrachter nur noch schwer nachvollziehen, warum Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks Ende des Jahres 2006 die Innenräume der Bank als passenden Drehort für den Tatort "Waffenschwestern" ausgewählt haben.
Der Bankangestellte Peter Werner erinnert sich fast stolz an das Urteil der Fernsehleute: "Mit ein Grund, dass sie uns genommen haben, war das damals kurz zuvor neu gestaltete Erdgeschoss der Bank."
Als das Filmteam am Anfang des folgenden Jahres anreist, um die Szenen des Überfalls zu drehen, gewinnt das kleine Finanzinstitut in Bieber lokale Berühmtheit. Eine Tageszeitung berichtet über den "spektakulären Dreh" in der Raiffeisenbank. Ein Foto über dem Artikel zeigt den mit rotem Flatterband abgesperrten Gehsteig vor dem weiß getünchten, dreistöckigen Gebäude der Bank. Wäre auf dem Dach des damals dort parkenden, blauen HR-Kleinlasters eine Sirene befestigt gewesen, hätte man den Drehort tatsächlich mit einem Tatort verwechseln können.
Viele Mitarbeiter gehen mit Vorfreude in den langen Drehtag, weil sie als Statisten mitspielen dürfen. Auch wenn am Ende alle Mitwirkenden 90 Euro erhalten, unterscheiden sich die Komparsenrollen. "Wenn du mehr als einmal zu sehen bist, hast du eine erhöhte Rolle, es gibt aber auch Statisten, die Sprechrollen haben", erklärt Peter Werner und schmunzelt. "Da musst du dich schon weiter hochdienen. Wahrscheinlich machen das viele Leute, um dann den Durchbruch zu bekommen als Schauspieler, aber ich glaube die Chance ist da sehr gering."
Für eine große Karriere im Rampenlicht hat es für den 59-Jährigen nicht gereicht. Er arbeitet noch immer als Bankkassierer und hat sich so auch als Komparse kaum verstellen müssen. Im Krimi spielt er quasi sich selbst an seinem eigenen Arbeitsplatz, also einen Kassierer bei seiner Arbeit im Kundenservice.
Noch vor dem charakteristischen Tatort-Intro sieht man ihn im Gespräch mit einem Kunden, als der Wachmann vorbeiläuft und ihn fragt, ob er auch einen Kaffee möchte. Er hebt den Daumen. Einige Szenen später liegt der Kopf des Bankangestellten dann mit weit aufgerissenen Augen auf dem Tresen seines Schalters. Seine Haut ist bleich, sein Blick leer, während Blut aus einer Platzwunde von der linken Stirnhälfte tropft. Bankräuberinnen haben ihn niedergeschlagen und das Geld aus der Kasse geraubt.
"Ich musste liegen und entsetzt und stöhnend aussehen, was mir wohl gleich gelungen ist", scherzt der Mann, dessen damals dunkelblondes Haar nun von Grau durchzogen ist, "die Szene musste nur einmal gedreht werden." Das war eher die Ausnahme als die Regel. Obwohl sich die Dreharbeiten bis in den späten Abend zogen, tat dies der Laune der Statisten keinen Abbruch. Zahlreiche Szenen wurden wieder und wieder gedreht, obwohl die wenigsten von ihnen im Tatort zu sehen sind. Besonders traurig macht das Werner nicht, die erinnerungswürdigsten Momente sind ohnehin hinter der Kamera passiert. Die Wunde des Kassierers ist auf die falsche Seite geschminkt worden, was aber erst während des Filmens auffiel. Auch die Filmcrew ist im Gedächtnis geblieben. "Die, die hinter den Kulissen arbeiten, sind zwar alle freundlich, und auch zueinander überschwänglich nett. Aber wenn dann der eine oder andere nicht da ist, wird auf einmal schwer abgelästert."
In einer Szene in "Waffenschwestern" wird der Wachmann von einer Räuberin erschossen. Sein Körper kippt um und fällt daraufhin dumpf in den Aufzug zurück, aus dem er gerade erst gekommen ist. Nicht der Schauspieler selber, sondern eine extra aus Bochum angereiste Stuntfrau spielt in dieser Szene und muss sich zehnmal scheinbar erschießen lassen, bis der Regisseur zufrieden ist.
Der Erschossene ist im realen Leben der Schauspieler Fritz Roth gewesen, der vor seinem Tod 2022 noch als Polizist im Polizeiruf 110 aus Frankfurt an der Oder zu sehen war. Er ist die einzige Prominenz, die die Raiffeisenbanker an diesem Tag zu Gesicht bekommen. Die Hauptermittlerin, gespielt von Andrea Sawatzki, wird an diesem Drehtag nicht benötigt.
Für ein paar wenige Zuschauer, die um 20.15 Uhr an einem Sonntag im Dezember 2008 den Fernseher anschalten, spielt dann aber nicht die Kommissarin die Hauptrolle, sondern insgeheim sieben Offenbacher Bankangestellte. "Am Anfang ist es doch lustig, wenn die eigenen Kollegen in einem Tatort auftauchen, wo man ja denkt, dass die da nichts drin zu suchen haben", erinnert sich Werner. Er selbst wird auch im Fernsehen erkannt. Kurze Zeit nach der Ausstrahlung besuchen Tatortfans, die den Drehort anschauen und fotografieren wollen, ihn an seinem Schalter. "Das war sozusagen meine größte Fanbase", scherzt der gelernte Einzelhandelskaufmann, "die hat sich aber auch schnell wieder erledigt."
Nicht nur das Personal der Raiffeisenbank in Bieber dürfte gute Erinnerungen an den Tatort davongetragen haben, sondern auch einige lokalpatriotische Offenbacher Herzen. "Waffenschwestern" ist zwar ein Frankfurter Tatort, aber die sonst eher ungeliebte Nachbarstadt Offenbach kommt darin gut weg. Verantwortlich dafür ist der Regisseur Florian Schwarz. Er veranlasst, auf einem Schrank im Sozialraum der Bank einen Aufkleber der Offenbacher Kickers anzubringen, als dort gedreht wird. Außerdem lässt er den One-Night-Stand der Ermittlerin morgens im Trikot des örtlichen Fußballvereins aus dem Bett steigen. Das kommt gut an. In einer selbstironischen Filmkritik der "Offenbach-Post" wird die Szene mit "Kickers Fans sind sexy" interpretiert.
Im Vergleich zu den Filmszenen wirkt die weitläufige Schalterhalle nun eng und kahl. Eine weiße Wand schützt den größten Teil des Raums vor den Blicken neugieriger Kunden. Peter Werner steht im Schalter, ein würfelartiges Häuschen mit hölzerner Theke, das umgeben ist von gepanzertem Plexiglas und einem speziell gesicherten Eingang, um ihn und das Geld vor Überfällen zu beschützen. So bewusstlos geschlagen zu werden, wie es ihm in seiner Statistenrolle geschieht, wäre mit diesen Sicherheitsvorkehrungen nicht möglich gewesen.