Man kommt buchstäblich ins Paradies

Die Livraria Lello in Porto zählt zu den schönsten Buchhandlungen Europas


Vielleicht kommt die Magie von den Tausenden von Büchern, die in einer 117 Jahre alten Buchhandlung stehen, standen und stehen werden. Vielleicht kommt sie von den zahllosen Menschen, die hier vorbeigekommen sind und immer noch vorbeikommen. Von den Künstlern. Von der absolut schillernden, fast femininen Treppe. Vielleicht von der Magie der Geschichten der Bücher, der Bücherregale, einer Buchhandlung, die von Anfang an als Tempel des Wissens bekannt war." Das sagt Aurora Pedro Pinto, die Vorsitzende des Verwaltungsrats der Buchhandlung Livraria Lello.

In der Rua das Carmelitas, im Herzen von Porto, bildet sich täglich eine mehrsprachige Schlange, oft bis zu 50 Meter lang, die sich bis zur Tür mit der Hausnummer 144 hinaufwindet. 2500 Besucher betreten jeden Tag die Buchhandlung. Offiziell beginnt die Geschichte der "schönsten und verträumtesten Buchhandlung der Welt", wie es Pinto ausdrückt, "im Januar 1906 mit einem Projekt, das sich auf Wunsch der Brüder Lello entwickelt hat". Die eigentliche Geschichte beginnt jedoch viel früher, im 19. Jahrhundert, als Ernesto Chardron, ein junger französischer Verkäufer, der sich für Bücher begeistert, eines Tages den großen Preis der Lotterie gewann, mit dem er beschließt, seinen Traum zu verwirklichen und die Livraria Internacional Ernesto Chardron zu eröffnen. Diese wurde dann von den Brüdern Lello erworben.

Das im neugotischen Stil errichtete Gebäude hebt sich durch seine einzigartige Fassade von der Umgebung ab. Mit einem großen Bogen über dem Eingang, der von zwei Seitenfenstern flankiert wird, steht es "kurz vor der Einstufung als nationales Denkmal", worauf Pinto sehr stolz ist. Die Fassade ist mit dem Schriftzug "Lello & Irmão", Lello & Bruder, versehen. Darüber befinden sich drei Holzfenster, die von zwei Figuren des belgischen Künstlers Joseph Bielmann flankiert werden, links die "Kunst" und rechts die "Wissenschaft". "Die Schlange war zwar lang, aber das Warten hat sich gelohnt", sagt ein Amerikaner. "Die Dekoration ist umwerfend", meint ein anderer. Decken mit einem Buntglasfenster im Oberlicht unter einer zentralen, geschwungenen Treppe; gebrochene, auf Säulen gestützte Bögen über zwei Regalen, die einen großen Teil der "60.000 Bücher aller Genres, vom Roman bis zum Sachbuch, Poesie, Essays, Reise- und Gastronomieführer und Kinderbücher, nach Themen und Sprachen geordnet" enthalten, wie die Präsidentin des Verwaltungsrats erklärt. Unter den Baldachinen erscheinen die oberen Vitrinen mit 400 Büsten von Schriftstellern, Künstlern und Persönlichkeiten Portos. Ein Haus, das Pinto als "zeitlos, leidenschaftlich, kühn, als Rockstar" beschreibt.

"Wer durch den Raum geht, sieht die Treppe, die durch ihre scheinbare Leichtigkeit, die die Kühnheit ihres Konzepts verbirgt, überraschend attraktiv ist. Man verspürt den Wunsch, sie hinaufzusteigen, und die Angst, dass sie durch das eigene Gewicht zum Einsturz gebracht werden könnte", heißt es im Katalog der Livraria Lello & Irmão, der 1930 herausgegeben wurde, über die imposante Treppe, die strategisch in der Mitte steht und den Zugang zum ersten Stock ermöglicht. Diese karmesinrote Treppe, wahrscheinlich eine der am meisten fotografierten und instagramierten Treppen der Welt, sieht aus wie ein riesiger Drachenkopf, dessen Zunge, die zart entfaltet auf dem Boden ruht, die Neugierigen in ihren Bann zieht und zum Aufstieg einlädt. "Absolut atemberaubend. Es ist schwer, die Schönheit dieses Ortes zu beschreiben, man muss ihn wirklich selbst sehen", sagt ein britischer Tourist, An diesem magischen Ort kann man viel mehr als nur Bücher finden. Die Verwalterin beschreibt, dass man "Geschichte und Geschichten mit einem phantastischen Team von Buchhändlern findet, die in der Lage sind, das richtige Buch für jeden zu finden". Das Gebäude beherbergt so phantastische Räume wie den Sala Gemma im Untergeschoss, der die Crème de la Crème der seltenen Bücher und Erstausgaben enthält, und den Sala do Principezinho, des Kleinen Prinzen, der Saint-Exupéry gewidmet ist. "Es ist ein Buch, das von Träumen erzählt, und deshalb freuen wir uns, dass es unser meistverkauftes Buch ist, denn auch die Livraria Lello besteht jeden Tag aus Träumen", erklärt Pinto. Es gibt auch ein José-Saramago-Zimmer, das dem einzigen portugiesischen Literaturnobelpreisträger gewidmet ist. Die Magie, die das Lello umgibt, ist auch das Ergebnis eines "Mythos", der sich in der literarischen Welt verbreitete: nämlich dass die berühmte Treppe der Hogwarts-Schule von Harry Potter ein Spiegelbild der Treppe der Livraria Lello sei. J. K. Rowling sagte jedoch, dass sie zwar in Porto gelebt und gearbeitet habe, aber leider nie dort gewesen sei. Die Sammlung des Lello im Untergeschoss enthält Schätze. "Briefe von Eça de Queiroz und Camilo Castelo Branco, zwei der Pflichtlektüre-Autoren für jeden portugiesischen Oberstufen-Schüler; das Goldene Buch mit den Unterschriften der wichtigsten Persönlichkeiten, die im Laufe der Jahrzehnte die Livraria durchlaufen haben, wie Afonso Costa oder Guerra Junqueiro im Jahr 1906 oder Harrison Ford in jüngerer Zeit", erzählt Pinto. Ihre erste Wahl sind "die 42 unveröffentlichten Liebesbriefe von Bob Dylan an seine Freundin aus seiner Jugendzeit, die wir Ende 2022 bei einer Auktion in den USA erworben haben", für etwa 700.000 Dollar. An zweiter Stelle steht das älteste Buch, eine Inkunabel von 1472, die in Venedig gedruckt wurde, "eines der ersten Bücher, die mit der Gutenberg-Technik gedruckt wurden". Und schließlich, als dritte Wahl, "vielleicht die erste Ausgabe des Kleinen Prinzen aus dem Jahr 1943, vom Autor unterzeichnet, aus einer limitierten und nummerierten Auflage". In der Sammlung befindet sich auch eine Erstausgabe von "Harry Potter und der Stein der Weisen", die bei einer der letzten Auktionen für rund 500.000 Dollar versteigert wurde. Die meisten dieser Schätze wurden bei nationalen und internationalen Auktionen erworben und stehen nicht zum Verkauf.

Die Buchhandlung hat den Titel "schönste Buchhandlung Europas" erhalten. Der Eintritt ist seit 2015 mit einer Zahlung von 5 Euro verbunden, die auf den Kauf eines Buches angerechnet wird, um die große Anzahl von Neugierigen einzudämmen und die Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten zu unterstützen. So hat sich der Umsatz verdreifacht, sodass im Durchschnitt 2000 Bücher am Tag verkauft werden, von portugiesischen bis englischen, französischen und spanischen Büchern. Die Touristen kommen von überall, die Portugiesen sind immer unter den Top fünf der Besucher, "was uns sehr freut". Aurora Pinto sagt: "Ohne Bücher wäre es eine traurigere Welt, weniger integrativ, weniger verständnisvoll, diktatorischer und sicherlich weniger interessant. Der Schriftsteller Jorge Luis Borges sagte, er habe sich immer vorgestellt, dass das Paradies eine Art Buchhandlung sei."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2023, Nr. 193, S. 26 - Inês Montenegro, Deutsche Schule zu Porto

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