Lautern wurde Landessieger beim Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft". Der Ortsvorsteher erzählt.
Ma muss wissa: Wenn ma a gude Idee hat, dann entwickelt ma die immer für sich selba - ma darf net glauba, dass ma Ideen für andre entwickelt. Aber d's Schönste an Ideen isch, wenn andre dann au davo profitiern." Bernhard Deininger sitzt auf seinem Sofa, umgeben von frei stehenden Balken, in seinem renovierten Fachwerkhaus und lächelt zufrieden, allzeit bereit, über "sein Lieblingsthema", sein Herzensprojekt zu sprechen, natürlich auf Schwäbisch, mir sand ja auf d'r Ostalb. Er erscheint wie ein Mann um die sechzig, tatsächlich ist der pensionierte Elektriker zehn Jahre älter. Trotzdem sind die schwarzen Locken nur von wenigen grauen Strähnen durchzogen, sein Gesicht ist geprägt von Lachfältchen, die dunkel gerahmte Brille umgibt neugierige Augen. Seine Frau sitzt im angrenzenden Esszimmer, die vier Töchter sind fast alle aus dem Haus. Im Radio läuft leise Musik aus den Achtzigern im Hintergrund. "Zu einer positiven Entwicklung eines Dorfes gehört vieles. Natürlich auch die Vereinsgemeinschaft, denn die bringt gesellschaftliches Leben. Ohne Vereine wären wir eine reine Wohnstadt, ohne Verbindungen zum Inneren des Dorfes."
Als Ortsvorsteher seit 1990 begleitet er das Dörfchen Lautern, eine Stunde Autofahrt östlich von Stuttgart gelegen, seit mehr als 30 Jahren und damit länger, als ein Teil der 1300 Einwohner überhaupt alt ist. "Ich glaube, dass wir generationenübergreifend aktiv werden müssen." Lautern hat vieles vorzuweisen: einen Kindergarten mit Dorfhaus, eine Grundschule, eine kürzlich renovierte Mehrzweckhalle und eine katholische Kirche im Dorfzentrum, aber auch Vereine und Initiativen wie den Musikverein, den Förderverein "Schule im Dorf", einen Heimat- und Geschichtsverein, die Jugendinitiative Lautern, einen Sportverein, einen Liederkranz und den Verein "Älter werden in Lautern".
"Eine Gemeinde muss sich vehement dafür einsetzen, dass ältere Menschen in ihrer Heimat verbleiben können, dort, wo sie verwurzelt sind." Das ist das Ziel des Vereins, in dem Bernhard Deininger wie in so vielen anderen Vereinen mit von der Partie ist. Nun soll sogar ein zentral gelegenes betreutes Wohnen entstehen. Wenn man sich im Wohnzimmer des Ortsvorstehers umschaut, findet man dort neben einem Bücherregal mit vielen regionalen Themen eine Zeitung aus Schwäbisch Gmünd, der nächstgrößeren Stadt, einen Flyer des kürzlich realisierten Historischen Marktes in Lautern, eines Bauernmarktes, der das Dorfleben "anno 1900" erfahrbar macht, und einige Briefe der hiesigen Vereine, die ihn zur Mitgliederversammlung, zum nächsten Konzert oder einfach als Dankeschön einladen. "Die Aufgaben eines Ortsvorstehers sind, dass er sich um möglichst vieles kümmert, auch um die Kleinigkeiten, und dass er andere gewinnt, um einen Weg in die Zukunft zu finden." Denn Lautern kämpft natürlich mit ähnlichen Problemen, wie sie in vielen Dörfern allgegenwärtig sind: "Es muss eine Innenentwicklung stattfinden, denn wir müssen dafür sorgen, dass keine Leerstände entstehen und bestehende Leerstände behoben werden. Im Ortskern muss die Gemeinde Flächen erwerben oder deren Nutzung lenken, damit die Seele des Dorfs belebt wird."
Wenn man auf den Hauptverkehrsstraßen durch Lautern fährt oder läuft, mag es zunächst wie jedes andere Dorf erscheinen: zwei Bushaltestellen mit miserablen Verbindungen, eine freiwillige Feuerwehr, die Kirche, ein Kindergarten, die Breulingschule und die neu renovierte Pfaffenberghalle. Hebt man den Blick, schaut man ringsherum auf drei Berge, die das Dorf einrahmen, darunter der namensgebende Pfaffenberg, wo der Legende nach ein Pfarrer in einem Fass den Berg hinuntergerollt wurde, als er sich schützend vor das Dorf stellte, um es im Zuge des Dreißigjährigen Krieges vor einem Angriff zu bewahren. Wenn dann im Frühjahr die Bäume grünen oder sich das Laub im Herbst in feurige Kronen verwandelt, ist Lautern umgeben von einem riesigen Farbenmeer. Dies gilt es zu erhalten, denn "wenn wir Gewerbe fördern, würden wir Landschaft zerstören. Und damit auch einen Erholungsraum, wegen dem viele Menschen überhaupt erst nach Lautern kommen." Bunte Farben entdeckt man aber auch innerhalb des Dorfes, wenn man auf Details achtet: die Schilder mit der Aufschrift "Gärtnerdorf" zum Beispiel, die auf mehr oder weniger bekannte Gärtnereien im Dorf hinweisen. Aber auch der Garten der JIL ist meistens bunt, denn die Jugendinitiative Lautern veranstaltet mehrmals im Jahr Freizeiten und Erlebnistage für Kinder verschiedener Altersgruppen. "Ich glaube, man schaut ganz neidisch auf Lautern und sagt: 'In Lautern funktioniert's halt noch. Da halten die Leute noch zusammen.' Wir in Lautern wissen schon, dass hier auch nicht alles Gold ist, was glänzt, aber von außen sieht man das halt anders." Er spricht davon, wie viel Arbeit hinter jedem einzelnen Projekt steht, wie schwierig es mittlerweile ist, genügend freiwillige Helfer für ein Fest zu finden, welcher bürokratische Aufwand mit jedem Verein verbunden ist, und schlicht davon, wie viel freie Zeit und persönlicher Stress hinter all den Lauterner Aktionen stecken, an denen er beteiligt ist.
Ein geheimes Rezept für ein perfektes Dorf - nachhaltig, zukunftsfähig, attraktiv und gleichzeitig doch ländlich -, das gibt es einfach nicht. "Jeder Quadratmeter Fläche, der bebaut wird, ist eine Fläche, die versiegelt ist und die unwiederbringlich weg ist - wenn wir an den Klimawandel denken, ist auch dies ein Grund, warum wir in unserer Tallage möglichst wenige Flächen versiegeln sollten. Wir müssen vorsichtig sein mit unserem Flächenverbrauch, denn wir sollten der nächsten und übernächsten Generation nicht die Entwicklungsmöglichkeiten nehmen. Ich bin für ein gesundes, für ein stetiges Wachstum, damit neue Bürger überhaupt in die Dorfgemeinschaft integriert werden können. Das zeichnet Lautern auch aus, unsere funktionierende Dorfgemeinschaft."
Was ist es, das Lautern anders macht? "Wir sind tatsächlich Landessieger beim Wettbewerb 'Unser Dorf hat Zukunft' und haben von den Goldmedaillenträgern als Einzige eine Weiterreichung zum Bundeswettbewerb erhalten - das ist wichtig, aber nicht das Wichtigste. Viel wichtiger sind die Arbeitskreise, in denen man zusammensitzt und überlegt: Wo müssen wir uns weiterentwickeln? Was haben wir schon? Wo liegen unsere Schwachstellen? Das sind die Dinge, die uns weiterbringen."