Manches fällt wirklich schwer

Slackline-Weltrekordler Alexander Schulz weiß, wie man sich fallen lässt

Schwindelerregende Höhen, 800 Meter über dem Boden, das entspricht ungefähr zweieinhalbmal der Höhe des Eiffelturms. Kalte Winde und nur ein daumendickes Seil, das einen am Fallen hindert. Diese Kulisse liebt Alexander Schulz, Slackliner aus Rosenheim. Er balanciert seit seinem sechzehnten Lebensjahr auf einem etwa 2,5 Zentimeter breiten Kunstfaserband, das zwischen zwei Fixpunkten aufgespannt ist. Diese Fixpunkte sind meistens zwei Felsen, die den Rand einer Schlucht säumen. Seine erste Slackline war in seinem Garten zwischen zwei Bäumen gespannt. Die hatte ihm ein Freund der Familie geschenkt. Er übte jeden Tag, von der einen auf die andere Seite zu kommen. "Am dritten Wochenende, nachdem ich die Slackline bekommen hatte, bin ich einmal rübergekommen," erzählt der 32-Jährige.

 

Später machte er sein Hobby zum Beruf und hat barfuß, sich auf einem dünnen Band vorwärtstastend, viele Weltrekorde aufgestellt, beispielsweise einen Rekord für die längste Longline über Boden, mit 610 Metern Länge in China, oder die längste Strecke über Wasser, die 674 Meter betrug.

 

Nur zwei Jahre, nachdem Schulz über seine erste Slackline gelaufen ist, kam er durch einen Zufall zum Highlinen. Dies ist eine Variation des herkömmlichen Slacklinen, das in einigen bis mehreren Hunderten Metern Höhe stattfindet. Man spricht von einer Highline, wenn das gefahrlose Abspringen von der Slackline nicht mehr möglich ist, also zwischen fünf und zehn Metern Höhe. Ein Bekannter hat ihn zu seiner ersten Highline gebracht: In der Wolfsschlucht bei Neubeuern, südlich von Rosenheim, die bei Slacklinern beliebt ist. Es ist eine Schlucht im Wald, die zwar leicht zu erklimmen, aber dank ihrer Höhe von 30 Metern trotzdem eine intensive erste Highline-Erfahrung ist. So wurde Schulz Teil der Slacklineszene. "Diese ist sehr offen und tolerant und heißt jeden herzlich willkommen." Er hat es genossen, dass er akzeptiert wurde und sich frei entfalten konnte, was in seiner Schulzeit aufgrund von Mobbing nicht der Fall war. "So habe ich mich durch den Eintritt in die Slacklineszene sozial fortentwickeln können", was ihn als Person weitergebracht hat. Nur ein Jahr nach seiner ersten Highline stellte er einen Weltrekord auf, für die damals längste Strecke mit 115 Metern Länge. Die nächsten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten, was auf seinen Ehrgeiz und seine Motivation zurückzuführen war.

 

"Ich habe nach dem Abi nichts anderes mehr gemacht." Er hat sich nach seinem Abitur zwei Jahre Zeit genommen, um zu slacklinen, da er so motiviert war. Die Reaktion seiner Eltern war erfreulich, da er auch ihre Erwartungen erfüllte und einem Sportmanagement-, einem Wirtschaftsrecht- und anschließend einem Geographiestudium nachging. Jedoch hat er nichts davon abgeschlossen. Durch den Sport wurde sein Selbstbewusstsein gestärkt. Das Laufen über eine Highline ist für Schulz auch nach vielen Jahren Erfahrung immer noch angsterfüllend. Immer noch gehen ihm Fragen durch den Kopf: "Bin ich richtig gesichert?" Er nutzt aber auch die Chance des grenzenlosen Gedankenflusses in der Luft, um Gedanken aus dem Alltag zu verarbeiten. Anfangs hatte er Angst, sich in sein Sicherungsseil fallen zu lassen, erzählt er. Der Moment des Fallens war so intensiv, dass sein Herz stockte und er das Adrenalin in seinem Körper spürte. "Man muss das Risiko runterzufallen eingehen." Da man sich darauf einlassen muss, sei es ein sehr mentaler Sport, aber auch ein wahnsinnig sicherer, erklärt er. Gegen die Angst helfen ihm oft Atemübungen oder bewusste Bewegungen, um ein Gefühl für die Slackline zu bekommen.

 

2013 hat sich die Gruppe "One Inch Dreams" gegründet, in der er mit seinen Kollegen angefangen hat, ihre Projekte zu filmen, zu dokumentieren und auf ihre Internetseite zu stellen. Die amerikanische Längenangabe "One Inch" entspricht etwa 2,5 Zentimetern, der Breite einer Slackline. Damit wollten sie zeigen, was sie machen und schaffen. Schnell wurden sie in der Szene bekannt und nutzten dies, indem sie eine Slackline-Firma gründeten und am Anfang einen Flaschenzug, der zum Spannen von Slacklines verwendet wird, verkauften. Später kam anderes Zubehör hinzu wie Karabiner oder Ratschen, eines der beliebtesten Spanngeräte, um die Slackline auf die gewollte Spannung zu ziehen.

 

Mittlerweile haben sie sich einen Ruf weit über das Voralpenland hinaus erarbeitet. Ein Projekt war eine Kooperation mit der Deutschen Botschaft in Neu Delhi. In Indien feierte man die 75-jährige Unabhängigkeit von den Briten, wozu auch die Deutsche Botschaft eingeladen wurde. Alexander Schulz und seine Kollegen haben mit der Deutschen Botschaft innerhalb eines Monats ein Slackline- und Kulturevent organisiert: Highlinen auf dem Roten Fort.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.06.2023, Nr. 139, S. 26 - LENA MÜLLER, Karolinen-Gymnasium, Rosenheim

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