Im Zürcher Oberland unterstützt eine Familie Kunstschaffende mit Handicap
Das künstlerische Potential lässt sich bei jedem Menschen abholen, sofern der Mensch den Zugang zur Kunst hat." Markus Bless lächelt und hält kurz inne. Leise Jazzmusik begleitet die Besucher der Ausstellung im Atelierhaus Dürnten im Zürcher Oberland. Ein französisches Béret rundet die weißen Haare des Rentners von mittlerer Statur mit feiner Körperhaltung ab, die Augen strahlen Eloquenz aus. Er räuspert sich: "Darum ist es wichtig, KünstlerInnen wie Alexa zu fördern."
Die Familie Bless schafft Kunst, stellt sie aus, arbeitet mit anderen Ateliers international zusammen und bildet Leute aus. Sie besitzt eine Galerie und ein Atelier in Dürnten. Bewaldete Tobel und tiefe Senkungen liegen im hügeligen Tössbergland der Nordostschweiz. In dieser bewegten Landschaft, die den Wellen eines Meeres gleicht, läuft eine Pop-Art-Ausstellung. Künstler wie Andy Warhol und Antony Donaldson sind vertreten. Und unter ihnen ist auch Alexa Bless. Die 30-Jährige mit kurzem Bobschnitt und frechen Fransen grinst verschmitzt.
Ihr Vater erklärt: "Bei Pop-Art arbeiten wir mit Instrumenten, die Werke vervielfältigen. Dazu benutzen wir die Serigraphie, den Siebdruck. Das funktioniert so: Auf eine Oberfläche legen wir ein Netz aus Nylon, überlagern es mit einem speziellen Film und belichten ihn. So wird der Film ausgeschwemmt, und der Druck bleibt zurück." In der Tat: Bedruckte Taschen mit Alexas Bild sind an einem Tisch zum Trocknen aufgereiht. Ein Bild erstreckt sich dutzendfach darüber: Ein Paar streckt sich voller Sehnsucht einander entgegen, die Lippen geöffnet zum Kuss. Tränen fließen ihnen über das Gesicht, während sie sich wehmütig in die Augen blicken. "Das sind zwei Menschen, die sich für immer lieben", erklärt Alexa Bless. Die ausgebildete Bildnerin wohnt allein in der nächstgelegenen Stadt Wetzikon. Der Weg zu diesem Beruf ist für geistig behinderte Menschen wie Alexa schwierig. Nach der Schule zahlte die Invalidenversicherung nicht mehr für die Ausbildung. Die Familie fühlte sich im Stich gelassen. "Glücklicherweise hatten wir damals Kontakt zur Kunstschule in Wetzikon", meint ihre Mutter Lisa Bless. Alexa bekam eine Chance für eine Kunstausbildung. Vier Jahre lang besuchte sie einmal wöchentlich einen Kurs an der Schule, den Rest der Woche arbeitete sie in einem Atelier. Markus Bless erinnert sich: "Wenn wir diesen Menschen etwas zutrauen, dann kann ganz viel passieren." Heute ist Alexa fest angestellt bei der Kunstfabrik in Wetzikon. Den Verein Kunstfabrik gründeten Lisa und Markus Bless zusammen mit dem damaligen Leiter der Kunstschule, Werner Casty, um benachteiligte Menschen in der Kunst zu fördern und bekannt zu machen.
Zu Besuch in der Kunstfabrik in Wetzikon eine Woche darauf, tut sich ein Raum in eine ganz andere Welt auf: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit." Der Zettel mit dieser Aufschrift klebt präsent über dem Spülbecken. Reihenweise stapeln sich farbige Bechergläser, Pinsel liegen herum, und Farbkleckse schmücken alle möglichen Gegenstände. Ein bemalter Rucksack hängt von der Decke, Skulpturen, Papiere, Staffeleien in Bearbeitung füllen das große Atelier im ersten Stock der Kunstschule Wetzikon.
Und in der Mitte: ein Tisch und eine emsige Gruppe von Künstlerinnen, ganz vertieft in ihre Arbeiten. Sie malen, drucken, stechen, schleifen. Die Fenster sind offen und bringen Stimmen von den unten stattfindenden Kursen hinauf. "Das hier ist mein Lieblingswerk." Aline Paixao de Limas Augen leuchten auf. "Ich habe bis jetzt neun Stunden daran gearbeitet", verkündet die Künstlerin stolz. Hier in der Kunstfabrik lernen und lernten seit der Öffnung vor fünf Jahren ein Dutzend Menschen mit geistigem Handicap über mehrere Monate hinweg das Kunsthandwerk. An diesem sonnigen Tag wuseln fünf Ausgebildete und Lernende im geräumigen Zimmer herum. Der Spaß bei der Arbeit ist allen Beteiligten anzusehen.
Die Buchbinderin und Quereinsteigerin Sara Hess erzählt eine Anekdote: "Wir haben mit Holz gearbeitet. Einmal mussten wir in den Keller zum Sägen gehen, da ist unsere Begleiterin Antje Rövekamp der Ständer für den bereits bestehenden Teil des Kunstwerkes geworden." Die Runde lacht, und Antje ruft aus: "Die haben mich total vergessen, aber ich bin tapfer stehen geblieben. Alles für die Kunst!" Die coole, lockere Allrounderin streicht sich die langen Haare aus dem Gesicht. Seit der Gründung der Kunstfabrik vor bald sechs Jahren arbeitet sie mit den Künstlern zusammen. "Hier treffen so viele verschiedene Menschen aufeinander, dass ein vielfältiger Austausch entsteht." Die Kunstfabrik ist wie eine ganz normale Arbeitsstelle, sagt Geschäftsfrau Lisa Bless. Es sei manchmal eine Herausforderung, auf Befehl kreativ zu sein. "Kunst ist schön, macht aber wahrhaftig viel Arbeit." Auch Alexa arbeitet unermüdlich an ihren Kunstwerken. Zurück in Dürnten, meint sie beflissen: "Ich male Bilder meist nach Aufträgen und stelle diese auch aus." Im Moment beschäftigt sie sich mit zwei Aufträgen. "Mit dem ersten bin ich fertig, am zweiten bin ich noch dran." Eines Tages möchte sie auch lernen, ihre Bilder selbst zu vermarkten. Schon von klein auf machte Alexa viel und verschiedene Kunst. Sie singt leidenschaftlich, auch in einem Chor, spielt Geige, tanzt und reitet gerne. Hinzu kommt ihr besonderer Bezug zu Farben und ihren Kompositionen. "Das spiegelt sich in jedem ihrer Werke wider und macht sie so besonders", lobt der Vater, selbst Künstler und ihr größter Unterstützer. Die Künstlerin habe über die Jahre ihren ganz eigenen Stil entwickelt. Der Prozess von der Idee zum fertigen Bild sei immer derselbe, erklären sie. "Zunächst suche ich mir immer ein Hauptthema aus und entwickle daraus einen Plan. Ich stelle mir die Frage: Wie kann ich meine Vorstellungen in Bildern ausdrücken? Anschließend fotografiere ich oder suche Bilder im Internet und drucke sie aus. Ich pause den Umriss ab und fange an, frei zu interpretieren." Diese Vorgehensweise sei immer wieder aufs Neue beeindruckend, hebt Bless hervor. "Viele Farben und kleinste Details, Dinge, die Außenstehende selbst niemals sehen würden, geben dem Bild schließlich Alexas Charakter." In der Tat stehen die einzigartigen Bilder von Alexa den anderen ausgestellten internationalen Künstlern in nichts nach. "Das erste Bild, das wir in dieser Ausstellung verkauft haben, war eines von ihren", sagt Markus Bless. Alexa winkt belustigt ab. "Ach du . . .!"
Auf die Frage, ob es sich bei Bildern von Menschen wie Alexa um Art brut handle, sagt ihr Vater vorsichtig: "Natürlich hat diese Art von Kunst einen Bezug zur Art brut. Als Art brut bezeichnet man Arbeiten von Menschen mit Beeinträchtigungen, die weder eine Ausbildung noch Unterstützung erfuhren. Alexa und alle unsere Künstler sind jedoch ausgebildet. Die Art-brut-Museen lehnen die Anfragen unserer Leute ab, da wir ihre Fähigkeiten unterstützen. Und damit sind wir einverstanden. Wir sind der Meinung, dass man den Künstlern ihre Werkzeuge geben muss. Wir wollen etwas machen, das stimmt und Qualität hat. Das hebt uns von den anderen ab." Alexa meint: "Weiter nach vorne, sagt man doch so schön." An der Wand strahlt ihr aufgedrucktes Liebespaar.