Marco Locati war ein erfolgreicher Architekt. Dann wurde ihm alles zu viel, und er wurde Busfahrer.
Marco Locati ist 61 Jahre alt und eine große, ruhige, sportliche Erscheinung. Seine Glatze trägt er selbstbewusst. Er wirkt offen und mit sich im Reinen. Doch wie wurde aus einem Partner in einem erfolgreichen Architekturbüro ein Busfahrer bei den Verkehrsbetrieben Zürichsee und Oberland?
Marco Locati wuchs mit seiner Schwester in Zürich auf. Seine Mutter war Italienerin, sein Vater Tessiner, zu Hause wurde viel Italienisch gesprochen. Er war 20 Jahre lang ein begeisterter Handballspieler und spielte bis in der höchsten Liga der Schweiz. Heute treibt er in seiner Freizeit immer noch viel Sport, zum Beispiel geht er oft joggen. Er hat eine 26-jährige Tochter und eine Frau, die Regisseurin und Schauspielerin ist.
Sein akademischer Werdegang war recht gradlinig. Er bestand die Matura, also das Abitur in der Schweiz, und begann direkt mit einem Architekturstudium. Seine technischen Interessen und seine Kreativität halfen ihm dabei, per Ausschlussverfahren den Studiengang Architektur zu wählen und das Studium erfolgreich zu beenden. Nach seinem Universitätsdiplom begann er als Architekt. Zu zweit eröffneten sie ein Büro, das sich erfolgreich weiterentwickelte. Marco Locati war schließlich einer von drei Partnern in einem Unternehmen mit 20 Mitarbeitern.
"An der Architektur schätzte ich besonders die Möglichkeit, dauerhafte Spuren zu hinterlassen, und die Freude, die schöne Gebäude den Menschen bereiten können", sagt er. Es gab aber nicht nur Positives an der Architektur. Der zunehmende Termindruck, die juristischen Probleme und die Kosten, die mit dem Bauen verbunden waren, verursachten ihm immer mehr Stress. Er konnte seinen Beruf nicht mehr so genießen wie zu den Anfangszeiten. Ebenfalls gab es zunehmend Konflikte mit seinen Partnern, die alle eine andere Zukunftsvorstellung für ihr Büro hatten. Sollten sie weiterwachsen und noch mehr Komplexität akzeptieren oder kleiner werden und wieder mehr fokussieren? Marco Locati fühlte sich nicht mehr glücklich, konnte aber lange keinen Ausweg aus diesem Dilemma finden, auch aus Angst, mit über 50 keine Berufsalternative mehr zu finden.
"Schließlich zwang mich das Leben, einen Entscheid zu treffen." Marco Locati spürte, wie sein Körper nicht mehr richtig mitspielte. "Ich war ausgebrannt und entschied, die Notbremse zu ziehen." Er kündigte seine Stelle. Daraufhin widmete er sich Dingen, die ihm Spaß machten. Dabei entdeckte er das Busfahren für sich. Zuerst ohne große Ambitionen für einen Beruf, er fuhr nur als Hobby. Als er dann aushilfsweise für einen Kleinbetrieb einsprang, sah er das Busfahren als eine Möglichkeit für einen neuen Berufsweg. Im Alter von 52 wagte er es, eine neue Stelle als Busfahrer anzunehmen.
Für Marco Locati gibt es eigentlich nur positive Aspekte in seinem zweiten Berufsleben. Das Busfahren ist im Gegensatz zur Architektur ein Routinejob, was auch als langweilig angesehen werden kann. Doch Marco Locati verspürt gerade das Gegenteil. "Ich genieße die Einfachheit des Jobs. Jeder Tag ist auf seine Art einzigartig. Die verschiedenen Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen bringen viel Abwechslung in meinen Beruf." Da Marco Locati nur Teilzeit fährt, verträgt er den Schichtbetrieb gut in Kombination mit seinen Ruhetagen, die er sehr genießt. Dann ist er viel in der Natur, joggt und wandert. Auch Kunst und Kochen interessieren ihn.
Die Entscheidung, sich von seinem alten Beruf zu trennen, war für Marco Locati sehr schwierig. Die Erfolge von 25 Jahren aufzugeben, ohne einen sicheren Beruf in der Tasche zu haben, war nicht leicht. Im Nachhinein war es für ihn aber das Beste, was er machen konnte. Der Berufswechsel brachte eine große Befreiung von vielem, was ihn belastete. Es brauchte viel Mut, er würde es aber, wenn er nochmals an so einem Punkt wäre, nochmals machen. Von der Architektur fehlt Marco Locati nichts mehr, er ist sehr froh über sein neues Leben. Er genießt die Freizeit und sieht sie als Kompensation für die viele Arbeit von früher.