Spitzensport im Rollstuhl. Für Sandra Graf änderte sich das Leben durch einen Sturz. Sie nahm ihr Schicksal an und verwandelte es in eine Chance.
Ein Leben kann sich schlagartig auf den Kopf stellen. So auch das von Sandra Graf. Im September 1991 fiel die damals 22-Jährige beim Turntraining von in vier Meter Höhe schwingenden Schaukelringen. Gut 30 Jahre später sitzt sie in ihrem schwarzen Rollstuhl am Tisch ihres Esszimmers und erzählt gefasst von diesem tragischen Augenblick und dessen Auswirkungen auf ihr Leben. Seit dem Sturz ist Graf in den Beinen querschnittsgelähmt, man spricht von einer Paraplegie. "Eigentlich hatte ich ein riesiges Glück im Unglück." Die Lähmung hätte noch ein größeres Ausmaß haben können, bei dem Brust- und Armmuskulatur oder die eigenständige Atmung betroffen gewesen wären.
Die Appenzellerin wusste vom ganzen Unfall nichts mehr, als sie am nächsten Tag nach einer Operation aufwachte. Andere sagten ihr, dass sie ansprechbar gewesen sei und geantwortet habe. "Als ich dann aufgewacht bin, habe ich zwar gewusst, was ich habe, doch ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde und was das für mich bedeutet." Graf kannte niemanden im Umfeld mit einer ähnlichen Verletzung und hatte sich zuvor auch nicht mit einer solchen Behinderung beschäftigt. Nach dem Unfall kam die braunhaarige Frau für ein halbes Jahr nach Nottwil im Kanton Luzern in ein Paraplegikerzentrum zur Rehabilitation. Verschiedene Funktionen mussten neu erlernt werden, denn neben der Einschränkung der Beinbewegungen funktionierten auch Blase und Darm nicht mehr richtig. Das größte Problem war aber die fehlende Kraft und die neu zu erlernende Geduld: Sandra Graf braucht seither für alles viel mehr Zeit, egal ob beim Anziehen oder beim Einsteigen ins Auto. Ihr speziell umgebautes Automatikauto bietet viel mehr Selbständigkeit im Alltag. Ein Griff rechts neben dem Lenkrad ermöglicht das Beschleunigen und Bremsen von Hand. Nach drei Wochen saß die Sportlerin im Rollstuhl und musste lernen, mit diesem umzugehen: "Die Rehabilitation in Nottwil ist sehr gut, sie bereitet den Patienten auf sein zukünftiges selbständiges Leben vor und sorgt dafür, dass man in ein passendes Umfeld kommt." Für Graf war dies wichtig. Sie setzte sich schnell Ziele. Beim Bau von neuen Wohnblöcken in Teufen ergab sich die Möglichkeit, dass eine rollstuhlgerechte Wohnung für sie und ihren Mann Martin eingeplant werden konnte. Dazu gehört die unterfahrbare, tiefere Küche und die angepasste Dusche. Mittlerweile wohnt die Familie aber in einem typischen Appenzellerhaus in Gais. Durch die weißen Armaturen, den dunkelgrauen Boden und die Lederstühle wirkt der offene Wohn- und Essbereich modern.
"Ja, ja, wir schaffen das schon", habe ihr Mann reagiert, sagt Graf. Hingegen war ihre Mutter ängstlich und wollte ihre Tochter behüten. Dies kann die 53-Jährige erst nachvollziehen, seit sie eigene Kinder hat. Selbst dachte sie, dass sie Glück hatte im Vergleich zu anderen Patienten, denen sie in Nottwil begegnet ist. So war es einfacher, ihr Handicap anzunehmen: "Das hat mir viel gegeben, so bin ich nie groß in ein psychisches Tief gefallen."
Anfangs war der Umgang mit dem Rollstuhl schwierig. Die Familie hat einen Lift eingebaut. Die Unterstützung durch das Umfeld und ihre schnellen Fortschritte waren wichtig, um die Motivation aufrechtzuerhalten, um weiterkämpfen zu wollen. Vorher war die zweifache Mutter sportlich aktiv und unter anderem Skilehrerin. "Im September hatte ich den Unfall, und in der Reha im Februar stand ich schon das erste Mal wieder auf den Skiern." Dies funktioniert für einen Querschnittsgelähmten mit der Hilfe eines Monoskibobs: Er besteht aus einem Schalensitz, der mit einer Federkonstruktion auf einem Ski befestigt ist. Zusätzlich gibt es zwei je ein Meter lange Unterarmstützen, die am Ende mit kleinen Skiern ausgerüstet sind. Diese Stabilos dienen zur Stabilisierung und Steuerung und zum Anschieben im ebenen Gelände. Graf wurde im Herbst in ein Trainingslager eingeladen. Es entstand gleich der Traum, bei einem Rennen dabei zu sein. Auch ihre beiden Schwestern waren talentierte Skifahrerinnen, alle drei nahmen an Wettkämpfen teil. "Man merkt, wenn man so aufgewachsen ist und einmal Wettkampfsport betrieben hat, dass man diesen gern weiterführt und uskützlet." So geriet sie in den Profisport: Als großer Bewegungsmensch hatte sie bald einen Rennrollstuhl und trainierte. "Ich bin nicht eine, die den ganzen Tag im Rollstuhl sitzen und nicht viel machen kann", sagt die Frau im grauen Kapuzenpullover mit der Aufschrift "Chicago Marathon". Pferdeschwanz und die frische, ungeschminkte Haut untermalen ihre sportliche Aktivität. 1992 nahm sie an ersten Wettkämpfen teil. Das Rennrollstuhlfahren gehört in die Leichtathletik und lag nah, da Sandra Graf zuvor im Leichtathletikverein aktiv war. Anfangs fuhr sie auch intensiv Ski und nahm erstmals an den Europameisterschaften und später an den Paralympischen Winterspielen teil. Einige Jahre später trat sie bei Weltmeisterschaften als Fahrerin von Bahnrennen und bei Marathons an. Seither startete sie nur noch bei Leichtathletikwettkämpfen. Ein guter Ausgleich zur Arbeit, nach dem Umfall nahm sie ihre Teilzeitarbeit in der Werbeabteilung der Warenhandelskette Spar wieder auf. "Die Bewegung gibt mir Kraft, die vieles im Alltag erleichtert. In einem gewissen Sinn ist das Ganze bis heute noch Therapie."
Die Leichtathletin kennt das Gefühl von Demotivation im Sport nicht. "Wenn ich fahren gehe, kann ich abschalten." Noch nie kam ihr der Gedanke, aufzuhören. Jedoch sollten die Paralympics in Tokio, die wegen Corona um ein Jahr in den Herbst 2021 verschoben wurden, ihr letzter Wettkampf sein. Das Zusammensein mit den anderen Sportlern fehlt ihr am meisten. Sicher sind die Trainings weniger geworden, doch sie macht jeden Tag "ihri Rundene". Graf trat wegen ihres Alters zurück: "Man sollte dann abtreten, wenn es einem gut geht, und nicht, wenn man in einem Tief ist." Ihr persönlicher Höhepunkt waren die Paralympischen Spiele in London, bei denen sie mit der Unterstützung der gesamten Familie zum ersten Mal ganz oben auf dem Podest stehen konnte. An zwei Metallstangen hängen 22 Auszeichnungen. Stolz ist Graf auf die drei Paralympics-Medaillen. Lachfältchen bilden sich um die braunen Augen, als sie die Abzeichen betrachtet. Oft hatte die Optimistin viel Pech an den Wettkämpfen und gewann ganz knapp nicht den Titel. Sie sei aber eher der Typ, der "förschi luegt". "Einmal hat man das Glück auf seiner Seite, ein anderes Mal ist es auf der anderen Seite." Und: Der Sport ist nicht alles, eine gesunde Familie ist für Sandra Graf viel wichtiger.