Die Modelagenturchefin Ursula Knecht hat schon viele Schweizer Models ins internationale Rampenlicht geführt. Und sie kennt auch die Schattenseiten.
Vivienne Rohner, das aktuelle Aushängeschild von Chanel, Sarina Arnold, besser bekannt als das "Buttermeitli", das Buttermädchen, und internationale Modelgrößen wie Julia Saner, Nadja Strittmatter und Manuela Frey. Unterschiedliche Laufbahnen, verschiedene Geschichten, doch ein gemeinsamer Beginn: All diese Schweizerinnen wurden von Ursula Knecht ins Rampenlicht geführt. An einem Freitagnachmittag in Zürich sitzt die Modelmacherin allein in den Büros ihrer Modelagentur Option. Die Stille lässt sie in Erinnerungen schwelgen. "In meinen 20ern stand ich selbst vor der Kamera", erzählt sie. "Aber ich wusste, dass es mehr für mich gibt." Jetzt ist sie 66 Jahre alt und hat die anmutige Eleganz und den unverkennbaren Charme ihrer Modelzeit bewahrt. Trotz der Jahre, die vergangen sind, bleibt sie schlank und mit einer sportlichen Figur. Ihre kurzen blonden Haare rahmen ein Gesicht ein, das von leuchtenden blauen Augen und einem strahlenden Lächeln geprägt ist. Sie ist seit 32 Jahren mit einem Vermögensverwalter verheiratet. Das Paar lebt mit einem Labrador und einer Französischen Bulldogge in einem Dorf bei Zürich.
Die Zürcherin wurde schon als Teenager wegen ihres herausragenden Aussehens als potentielles Model angesprochen. "Bevor ich mich dem Modeling zuwandte, schloss ich jedoch eine solide Ausbildung als Medizinische Praxisassistentin ab. Ich wollte zunächst einen festen Boden unter den Füßen haben." Doch ihre Karriere als Model entwickelte sich gut. Ein Höhepunkt sei ihre Teilnahme an einer siebenwöchigen Modenschau für das Modehaus Bally gewesen, ein Engagement, das sie quer durch die Schweiz führte und ihre Position als eines der bevorzugten Models des Labels festigte. Zusätzlich wirkte sie in Werbespots für bekannte Marken wie Kellogg's und Colgate mit. Ihre Professionalität und Zuverlässigkeit ließen sie schnell in der Branche aufsteigen. Einige Fotografen sprachen sie sogar an: "Warum gründen Sie nicht Ihre eigene Modelagentur in der Schweiz?"
1987 setzte sie diese Idee mit der Gründung ihrer Agentur Option um. Heute gehört sie zu den renommiertesten Agenturen auf der ganzen Welt. Die Agenturbesitzerin gibt einen Einblick in ihre Arbeit: "In der Modelwelt bin ich stets auf der Suche nach dem nächsten großen Talent. Ab einem Alter von 14 Jahren können sowohl junge Frauen als auch Männer bei mir vorsprechen, wobei natürlich entsprechende Betreuung gewährleistet ist. Die meisten Bewerber kommen über meine Website zu mir. Interessenten können sich dort bewerben, indem sie Fotos und ihre Maße einsenden. Basierend auf diesen Einsendungen wähle ich Kandidaten aus, mit denen ich dann bei Interesse ein Interview führe. Es kommt zwar vor, dass ich gelegentlich junge Leute in Zürich direkt anspreche, aber das ist eher selten." Ursula Knecht sagt aber auch: "Leider ist nicht jedes hoffnungsvolle Gesicht auch für den hart umkämpften Markt geeignet. Wenn ich Potential sehe, coache ich die Models, bereite sie auf Shootings vor und gebe Ratschläge für den Laufsteg. Meine Hauptaufgabe ist, die richtigen Gelegenheiten für sie zu finden und sie zu vermitteln, sei es für Modenschauen oder Werbekampagnen."
Angesprochen auf das junge Einstiegsalter in der Modelbranche von 14 Jahren, räumt die Geschäftsfrau ein, dass das in der Tat sehr jung sei. Deshalb habe ihre Agentur ein 'On-Hold'-System eingeführt: Jugendliche mit Potential werden zwar aufgenommen, starten ihre aktive Modelkarriere jedoch erst zwischen 16 und 18 Jahren. In der Zwischenzeit beginnen sie mit Training und Ausbildung. "Es ist wichtig, in diesen Jahren keinen Körperdruck auszuüben", betont sie, "denn diese Phase ist geprägt von physischem und psychischem Wandel."
In ihrer Agentur sind derzeit mehr als 600 Models unter Vertrag, wobei mehr als die Hälfte internationale Talente sind und der Rest aus der Schweiz stammt. Auf die Frage nach der Geschlechterverteilung antwortet sie: "Ein Drittel meiner Models sind Männer, zwei Drittel Frauen. Es gestaltet sich oft schwieriger, engagierte männliche Models zu finden, die ihre Arbeit mit derselben Passion verfolgen wie ihre weiblichen Kolleginnen." Besonders hervorheben möchte sie die 30 New Faces: junge Talente am Beginn ihrer Karriere, die mit großem Potential gesegnet seien. Ein kürzliches Highlight: "Für eine Modenschau von Odeeh konnte ich 14 meiner Models platzieren, eine echte Bestätigung unserer harten Arbeit."
Mit ihrer Agentur verfolgte Ursula Knecht ein klares Ziel: "Ich wollte junge Schweizer Talente fördern und auf die internationalen Laufstege bringen. Deswegen habe ich auch im Jahr 1993 den Model-Wettbewerb 'Elite Model Look Schweiz' mitbegründet." Wer den nationalen Contest gewinnt, hat die Chance, am international renommierten "Elite Model Look" teilzunehmen. Dieser Wettkampf, durch den Supermodels wie Cindy Crawford und Gisele Bündchen entdeckt wurden, zieht jährlich mehr als 350.000 Bewerber aus rund 30 Ländern an. Mit Stolz blickt Knecht auf die Erfolge von Sandra Wagner im Jahr 1995 und Julia Saner im Jahr 2009 zurück, die mit ihrer Unterstützung nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene im Elite-Model-Look-Wettbewerb triumphierten. Ebenso erinnert sie sich an Manuela Frey, die 2012 den dritten Platz im selben Wettbewerb belegte und dadurch internationalen Ruhm erlangte.
Doch was genau bedeutet es, in der Modelbranche durchzubrechen? Für Knecht ist die Antwort klar: "Es sind die Momente im Rampenlicht auf den bedeutenden Laufstegen von Paris bis New York, das Erscheinen auf den Covern von wichtigen Magazinen wie 'Vogue' oder 'Elle' und natürlich die begehrten langfristigen Verträge mit führenden Marken wie Chanel oder Louis Vuitton. Wenn ein Model all diese Höhepunkte erreicht und es schafft, über längere Zeit an der Spitze zu bleiben, dann hat es sich zweifellos in der Elite der Branche etabliert."
Es gibt bestimmte Standards in der Modebranche, und während sich manche über die Jahre nicht ändern, hat die Forderung nach Diversität zugenommen. "Früher gab es kaum Anfragen für dunkelhäutige Models, außer vielleicht für Topmodel Naomi Campbell. Heute aber wollen Designer explizit dunkelhäutige oder asiatische Models. Die Expansion der Designer in internationale Märkte hat zu einer erhöhten Nachfrage nach ethnisch diversen Models geführt."
Gegenüber TV-Formaten wie "Germany's Next Top Model" von Heidi Klum zeigt sie sich kritisch: "Es ist Unterhaltung, oft weit weg von der Realität des Model-Business." Während das Fernsehen eine breitere Palette von Modeltypen zeigt, betont Knecht, dass die tatsächliche Nachfrage der Designer immer noch hauptsächlich schlank und groß ist. "Diese Präferenz hat sich bislang nicht wesentlich gewandelt und wird sich wahrscheinlich auch nicht in näherer Zukunft ändern, denn diese globalen Standards haben sich über Jahre etabliert. Zudem wollen Marken einen Traum verkaufen, auch wenn er für die meisten unrealistisch ist." Ursula Knecht räumt jedoch ein, dass heutzutage eine größere Vielfalt gefragt ist, mit "Plus Size"- und "Petite"- Models, jedoch würden diese Segmente weiterhin als Nischenmärkte gelten. "Ich bin durchaus bereit, in meiner Agentur eine größere Diversität zu fördern", sagt sie, "doch die Nachfrage bestimmt das Angebot, die leider außerhalb meines direkten Einflussbereichs liegt."
Im Umgang mit Bewerbungen von Mädchen, die nicht den branchenüblichen Massen entsprechen, wählt Knecht einen direkten Ansatz. Sie informiert die Bewerberinnen ehrlich und respektvoll darüber, dass ihre Maße nicht den aktuellen Marktbedingungen entsprechen. Dies, so betont sie, sei eine harte Realität in der Modelbranche.
Bezüglich des Problems der Essstörungen in der Modelwelt äußert sich Knecht besorgt: "Es ist wahr, dass viele Models mit Essstörungen zu kämpfen haben. In einem Beruf, in dem der Körper das Kapital ist und konstante Maße gefordert werden, ist das Risiko für solche Probleme erhöht." Sie betont, dass sie stets ein Auge auf die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Models habe und bevorzugt mit Personen zusammenarbeite, die von Natur aus schlank sind und ihre Figur ohne große Anstrengungen halten können. "Wer hungern muss, um die Figur zu halten, ist im falschen Beruf", sagt sie. "Der psychische Druck ist enorm, und viele Models beenden ihre Karriere deswegen. Es ist eine harte Realität, dass die Branche langfristige Konstanz bei den Körpermaßen fordert, was nicht für jeden geeignet ist."
Sie ergänzt, dass neben den äußeren Anforderungen auch charakterliche Eigenschaften von großer Bedeutung sind. "Ein Model muss nicht nur durch sein Äußeres überzeugen, sondern auch durch innere Werte wie Respekt, Zuverlässigkeit und einen interessanten Charakter", erklärt sie. "Fotografen und Designer verbringen oft viel Zeit mit den Models bei Shootings oder längeren Modenschauen. In solchen Situationen ist es unerlässlich, dass das Model auch menschlich überzeugt und eine angenehme Arbeitsatmosphäre schafft."
Trotz ihrer Erfolge bleibt Knecht bescheiden. Während die praktizierende Buddhistin Tage in ihrer Agentur genießt und sich dem Motto "Carpe diem" verschrieben hat, sucht sie nach einer jüngeren Partnerin, die bereit ist, das Zepter zu übernehmen. "Ich denke noch nicht ans Aufhören", sagt sie lächelnd, "aber ich möchte sicherstellen, dass mein Baby, die Agentur, in guten Händen ist, wenn dieser Tag kommt."