Männer lieben das Theater

Eine Schiedsrichterin der Frankfurter Eintracht über Unterschiede, ob sie bei den Herren oder Damen pfeift.

 

Seitdem ich denken kann, bin ich fußballverrückt", sagt Julia Boike. Die heute 27-Jährige spielte schon bei den Bambinis der FSG Altenstadt. Seit 2011 ist sie eine der rund 170 Schiedsrichterinnen in Hessen. Was mit einem Lehrgang und ein paar Spielen in der E-Jugend anfing, führte schnell zu Erfolgen. Aktuell pfeift Boike in der 2. Frauen-Bundesliga und im Herrenbereich in der Verbandsliga. Auch als Schiedsrichterassistentin ist die Unparteiische aus der Schiedsrichtervereinigung Büdingen schon weit gekommen. Bereits in der 1. Frauen-Bundesliga und bei den Herren in der Hessenliga wird Boike, die für den Verein Eintracht Frankfurt pfeift, bei Spielen als Assistentin eingesetzt. "Das ist ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist."

 

Mit sechs Jahren begann die Liebe zum Fußball. Zehn Jahre lang spielte die Altenstädterin als einziges Mädchen in ihrer damaligen Mannschaft. Wurde sie von den Jungs akzeptiert? Sie antwortet mit einem klaren: "Total!". 2009 wechselt sie in eine Mädchenmannschaft, mit der sie schließlich in der Junioren-Hessenliga spielt. Eine Anmeldung zum Schiedsrichterlehrgang durch ihren Verein, der zu wenige "Referees" hatte, leitet den Seitenwechsel ein. Mit viel Organisation schafft es die damals 16-Jährige, vorher zu ihren Spielen zu gehen und anschließend zum Lehrgang. An vier, fünf Abenden in einem Zeitraum von drei Wochen nimmt sie an Lehreinheiten für Fußballregeln teil. Abschlussprüfung im Bereich "Regeln und Ausdauer": sehr gut. Ihr erstes Spiel pfeift sie in der E-Jugend und wird von einem erfahrenen Schiedsrichter gecoacht. "Das Erste, was passierte, war natürlich, dass ich falsch stand beim Anstoß." Dennoch bekommt sie nach dem Schlusspfiff viel Lob. "Nach dem Spiel kamen die Trainer und meinten, du musst das öfters machen, weil du das gut machst."

 

Die Projektmanagerin im Gesundheitswesen hat von Anfang an einen großen Förderer: Der Kreisschiedsrichterobmann Edgar Schäfer sieht in Boike früh ein großes Talent. Durch ihn kann sie bald als Linienrichterin in der Gruppenliga mitfahren. "Da muss ich einen ganz guten Job gemacht haben." Rasch steigt sie zur Assistentin der Verbandsliga auf. Mit 17 Jahren meistert sie souverän ihr erstes Herrenspiel. "Seit diesem Zeitpunkt ging es rasant bergauf." Kreisliga A, Kreisoberliga, dann doch der Rückschlag. Zwei ganze Jahre lang kämpft sie sich immer wieder durch die in der Ausbildung vorgeschriebenen Lauf- und Sprinttests: 20 Intervalle über 150 Meter und eine Gehpause von 50 Metern muss sie meistern, allerdings am Ende für sie ohne Erfolg. So kommt es nicht zum erhofften Aufstieg, "weil ich einfach nicht trainiert habe". Sie gibt nicht auf, trainiert und erreicht letztendlich auch die vorgeschriebenen Zeiten in den Überprüfungen. Im Sommer 2016 der erhoffte Aufstieg in die Gruppenliga der Männer, nach einem weiteren Jahr in die Verbandsliga, wo sie vier Jahre lang pfeift. Auch im Frauenbereich geht es aufwärts. "Hab mich da dann durchgekämpft." Inzwischen pfeift sie in der 2. Frauenbundesliga. "Es lohnt sich wirklich, an sich zu arbeiten, zu trainieren, Erfahrung zu sammeln, selbstkritisch zu sein und vor allem immer wieder die Spielleitung und das Ganze zu reflektieren." Sie sagt aber auch: "Das ganze Leben oder auch die Schiedsrichterlaufbahn ist wie eine Achterbahnfahrt." Spiele, die nicht so gut gelaufen sind, oder die nicht bestandenen Lauftests sind für sie persönlich Tiefpunkte. Am Ende, meint sie, sollte man daraus lernen und weitermachen. Das Hobby "Schiedsrichtern" lehrt einen vieles, das man auch im Alltag umsetzen kann: Entscheidungen zu treffen, sich durchzusetzen, zu kommunizieren oder zu lernen, wie man mit stressigen Situationen umgeht. Um sich fit zu halten, trainiert Julia Boike vier- bis fünfmal die Woche. "Man muss immer an sich weiterarbeiten." Zweimal die Woche läuft sie, das reiche. "Ich finde Laufen nach wie vor langweilig." Das sah sie schon als Spielerin so. "Mit großem Abstand war ich die lauffaulste Spielerin des ganzen Teams." Trotzdem hat sie es weit gebracht. "Das geht alles nur über Training." Auf ihrem täglichen Plan stehen Intervalltraining, Sprinttraining, Krafttraining, Mobility Training: "Hauptsache, von allem so ein bisschen was."

 

Zwei bis drei Wochen vor ihrem Spiel erhält sie die Ansetzung mit ihren Assistenten. Anschließend kommuniziert sie mit ihrem Schiedsrichterteam, um sich am Spielort zu verabreden. Auf ihr Training achtet sie genau vor jedem Spiel. So steht einen Tag vorher Regeneration an. Außerdem packt sie ihr ganzes Equipment, das sie für ein Spiel braucht, in die Schiedsrichtertasche. Angekommen am Spielort: Platzbesichtigung, Gespannabsprache mit den Assistenten, Warmlaufen, mentale Spielvorbereitung. Und dann der Anpfiff! Für sie ein tolles Gefühl. "Es macht mir einfach nur sehr viel Spaß." Auf die Frage, ob sie lieber Männerfußball oder Frauenfußball pfeift, antwortet sie: "Ich pfeife jedes Spiel gerne. Es ist für mich generell Fußball." Und doch gibt es für sie Unterschiede. Bei den Männern ist das Tempo höher und die Zweikampfhärte ausgeprägter. Dazu gebe es viel Gemecker und Theatralik im Bereich der Herren. Und bei Frauenspielen? "Die wollen ehrlichen und guten Fußball spielen, das steht im Fokus." Dass eine Frau ein Spiel leitet, ist im Herrenbereich auch kein Problem. "Ich bin voll akzeptiert und respektiert." Für die Spieler zählt die Leistung und nicht, ob Mann oder Frau pfeift, meint sie. Wenn mal Fehler unterlaufen, sei das nicht dramatisch. "Es ist nicht schlimm, wenn man Fehler macht, das was zählt, ist das, was man daraus mitnimmt." Denn kein Schiedsrichter sei fehlerfrei. Anfeindungen erlebt sie selten. "Natürlich kommt es vor. Das soll es nicht, das darf auch nicht sein." Wichtig sei, nicht jede Kleinigkeit an sich ranzulassen. "Es gibt auch Vereine, Mannschaften und Trainer, die wirklich sehr respektvoll und dankbar mit den Schiedsrichtern umgehen, das sollte man auch nicht vergessen."

 

Auch nach dem Schlusspfiff drehen sich ihre Gedanken um das Spiel. "Die Reflexion, die Aufarbeitung nach Spielen ist das Wichtigste." Für sie gibt es immer Situationen, die man im Nachhinein anders bewertet hätte. Zum formal gültigen Abschluss gehört, den Spielbericht online auszufüllen. Tore, Auswechslungen, persönliche Strafen oder die Nachspielspielzeit trägt sie ein. "Du lernst, mit verschiedenen Menschentypen umzugehen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.2023, Nr. 49, S. 26 - Lea-Sophie Busch, Franziskanergymnasium Kreuzburg, Großkrotzenburg

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