Nicht jeder muss dran glauben

Der portugiesische Jakobsweg führt zum Grab des Apostels und zu einem selbst

Diese Muschel ist für mich eine Auszeichnung, ein wahrer Schatz", sagt Lucília Lopes. Die alte Dame sitzt in ihrem Nachthemd und mit ihren Samtslippern auf dem Sofa und betrachtet die handtellergroße Muschel an der roten Schnur, die mit einem roten Kreuz bemalt ist. "Die Muschel wurde mir geschenkt, als ich den Jakobsweg zum ersten Mal beendet habe. Seitdem bin ich denselben Weg noch mehrere Male gegangen. Aber das erste Mal, als ich auch schon 60 war, war etwas Besonderes."

 

Die Legende besagt, dass ein Mann namens Cayo Carpo gesehen haben will, wie der Leichnam von Jakobus auf einem Schiff transportiert wurde. An seinem Körper hingen Jakobsmuscheln fest, daher die Symbolik der Muscheln. Von dem, was er sah, fasziniert, wollte sich der Römer taufen lassen und zum Christentum konvertieren. Der Leichnam des Apostels ist in Santiago de Compostela begraben worden. 800 Jahre später beschloss König Alfonso II., den Ort, an dem der Apostel von Asturien begraben wurde, zu besuchen und eine Pilgerreise zum Grab zu unternehmen. Nun wurde angeordnet, dass an der Stelle, an der das Grab gefunden wurde, eine kleine Kirche gebaut werden sollte. Im Laufe der Jahrhunderte entstand ein Dorf, Jahre später wurde eine Kathedrale gebaut. Der Ort wurde zu einer Stadt, die den Namen Santiago de Compostela erhält. Von diesem Zeitpunkt an begannen Tausende von Pilgern Jakobswege von überallher zu gehen, wobei der französische und der portugiesische Weg die bekanntesten sind. "Ich habe drei Jakobswege gemacht, den französischen und den an der kantabrischen Küste, aber mein persönlicher Lieblingsweg ist und bleibt der portugiesische", erklärt Lucília Lopes mit leuchtenden Augen. "Ich bin kein Nationalist. Nur weil es portugiesisch ist, ist es nicht deshalb schon gut. Im Gegenteil, ich neige eher dazu, zu kritisieren, was portugiesisch ist. Aber der portugiesische Teil der Strecke ist phänomenal, zwar anstrengend, aber toll." Die 240 Kilometer von Porto nach Santiago führen durch einfache, schöne Dörfer mit der lokalen Folkloregruppe, die auf den Megafonen spielt. Ziel dieser musikalischen Gruppen ist es, die alten Traditionen ihres Gebiets durch Auftritte in der Öffentlichkeit darzustellen, bei denen die Motive in traditionellen Volkstrachten präsentiert werden, die aus der Feldarbeit stammen.

 

Die Musik ändert sich je nach Region, besteht aber im Wesentlichen aus verschiedenen Frauenstimmen, während Konzertinas, Akkordeons und Kastagnetten gespielt werden. "Die Auf- und Abstiege durch die Pinien- und Eukalyptuswälder, die Flüsschen und das Moos sind herrlich. Alle 15 Kilometer finden sich Herbergen. Die gelben Pfeile, die uns wie der Polarstern leiten, sind alles, was man braucht", sagt sie.

 

Warum ist sie den Weg mehrmals gegangen? Sie habe es für sich und für Gott getan, sagt die Rentnerin. "Es ist katholische Tradition. Sonst lohnt es sich nicht, dann ist es viel schöner, eine Safari in Afrika zu machen. Natürlich hatte ich auch Spaß und traf neue Leute mit interessanteren und schwierigeren Lebensgeschichten als meine. Aber die Kraft der Stille unter uns allen, die mit mir liefen, und die Kraft des Nachdenkens und des Glaubens sind etwas, das leider nur wenige erfahren. Der Körper mag schwach sein, aber die Willenskraft ist entscheidend."

 

Lucília Lopes erhebt sich vom Sofa, nimmt ein gerahmtes Bild in die Hand und schweigt kurz. Sie zeigt auf das Foto mit einem jungen Mädchen und einem jungen Mann: "Das bin ich und mein älterer Bruder vor 40 Jahren. Er ist nicht mehr bei uns. Wenn ich könnte, würde ich, bevor ich sterbe, gerne noch einmal, auch wenn es nur die Strecke von Tui ist, nach Santiago gehen, damit ich mit reinem Gewissen und einer ruhigen Seele gehen kann."

 

Außer ihr pilgern jedes Jahr mehr als 60.000 Menschen auf dem portugiesischen Weg nach Santiago. Darunter ist auch ihre 46-jährige Tochter Silvia Soares, die 2022 zum ersten Mal den Jakobsweg gegangen ist. "Die Person, die mich überzeugt hat, den Weg zu gehen, war meine Mutter. Seit sie den Weg gegangen ist, spricht sie dauernd davon. Letzte Weihnachten mit den Enkeln konnte sie über nichts anderes mehr reden. Also nahm ich eine Woche Urlaub. Mein Mann und ich packten die Rucksäcke, und wir wanderten in einer Woche und zwei Tagen von Porto nach Santiago. Der Weg war nicht so schön, wie sie es beschreibt. Aber es war anders schön." Die junge Frau zeigt Fotos auf ihrem Smartphone: "Ich gebe zu, dass ich weniger an Christus glaube, ich würde sagen, anstatt religiös zu sein, bin ich eher touristisch gegangen. Ich habe die Landschaften fotografiert, die unzähligen Steinhaufen, die von den Pilgern aufgeschichtet wurden, die schönen Städte und Dörfer und auch einen Pilger, der zu Pferd unterwegs war." Silvia Soares berichtet: "Ich habe es sehr genossen, in meinem Land und auch in Spanien als Touristin unterwegs zu sein. Aber am meisten haben mir die Begegnungen mit unbekannten Menschen gefallen. Wann immer jemand unseren Weg kreuzte, haben wir uns ein wenig unterhalten, und war es nur, um ihm einen Bom Caminho, einen guten Weg, zu wünschen. Diese Beziehung, die durch den Weg zu all den Pilgern entsteht, ist ein Phänomen, mit dem ich nicht gerechnet habe. Die Verbindung zwischen den Menschen hat mich positiv überrascht."

 

Es sind 240 Kilometer zu Fuß. "Die Anstrengung, die das erfordert, übertrifft das, was man erwartet. Und dann noch im Sommer. 20 oder 30 Kilometer am Tag in der Sonne bei über 30 Grad zu wandern, das ist eine Menge Holz. Immerhin trainiert es den Körper und hilft auch, einige Kilos zu verlieren, was manchmal notwendig ist", sagt sie lächelnd. "Es ist ein unglaubliches Gefühl, nach so viel Anstrengung in Santiago anzukommen, den Bürgersteig mit dem großen Steinpflaster zu betreten, den großen Platz voller Menschen zu sehen, die Fotos machen. Und dahinter dann die Kathedrale von Santiago de Compostela. Ich würde es jedem empfehlen, unabhängig von seinen Motiven." Die Erfahrung sei einzigartig und befriedigend. Ihre Mutter unterbricht sie: "Ich würde gerne noch erleben, wie du den Caminho mit mir gehst, ich würde gerne sehen, wie stark du bist." Die Tochter lächelt. "Eines Tages werden wir es gemeinsam tun, und du wirst es sehen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2023, Nr. 123, S. 30 - GUILHERME FRUTUOSO, Deutsche Schule zu Porto

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