Papas letztes Hemd

Das Zürcher Unternehmen The Pink Sheep setzt auf das Upcycling von gebrauchter Kleidung

Da sind ganz viele Erinnerungen dran. Ich mach es mit viel Liebe. Musst keine Sorge haben." Respektvoll und behutsam entfaltet die apart gekleidete Leila Hatt von The Pink Sheep die einzelnen Stoffe, bevor sie von einem sorgsam die Nähte auftrennt. Jeder einzelne Stoff habe seine Geschichte, deren Erinnerungen daran, bewusst wie in Watte gepackt, behütet und bewahrt werden, sagt die über 50-jährige Gründerin. Fein säuberlich zusammengelegt und geschichtet, präsentieren sich die Stoffe in ihrer vielfältigen Haptik und in jeglicher Couleur.

 

Beim Betreten der lichtdurchfluteten Räume von The Pink Sheep im Zürcher Viertel Seefeld empfängt einen der Duft frisch gebrühten Ingwertees. Ein kleiner Tresen mit einer Teebar zieht die Blicke auf sich. Hier stehen alte Keramikzuckerdosen, während eine Etagere mit Petits Fours verlockend auf der Ecke platziert ist. Im Mittelpunkt ein großer, freier, einladend wirkender Tisch. Der Blick wandert weiter und fällt auf ein antikes, hölzernes Regal, bestückt mit Garnrollen in allen erdenklichen Farben. In der Nähe des Tresens stehen farbenfroh neu bezogene, antike Sessel. Welch ein Kontrast zum grauen Rohbeton der Wände und den industriellen, metallenen Lüftungsrohren, die an der Decke verlaufen. Man könnte meinen, sich in einem magischen Theater zu befinden: Alte, mit Leinen bezogene Schneiderpuppen tragen Unikate in ihrer ganzen Schönheit zur Schau. Und als begrüßten sie die vorbeilaufenden Passanten, sind sie den großen Fenstern zugewandt.

 

Willkommen in der Welt von The Pink Sheep, wo alte, defekte oder abgelegte Textilien ein neues Leben beginnen. Durch Upcycling werden sie im Atelier zu einzigartigen Kreationen transformiert. The Pink Sheep ist aber auch Inspirationsquelle für jene, die hier einen Arbeitsplatz mieten. In Workshops oder individuell werden sie professionell unterstützt und beraten, selbst Hand anzulegen an den ausgedienten Stücken, die sie mitbringen. "Viele schenken uns auch Stoffe, die sie nicht mehr brauchen. Wir selbst wollen nicht einkaufen. Sonst würden wir den Konsum fördern. Wenn wir Kunden alte Kleider abkauften, würden wir ihr Gewissen beruhigen. Das wollen wir nicht. Wir wollen, dass sie aktiv werden", erklärt Hatt.

 

Neulich sei eine junge Frau gekommen, die sich aus dem Hemd ihres verstorbenen Vaters eine Bluse nähen ließ. "Eine alte Dame brachte uns ein Tischtuch. Sie habe gehört, dass wir gebrauchten Stoffen neues Leben schenken. Das Tuch war Teil ihrer Aussteuer aus den Fünfzigerjahren. Jetzt müsse sie ins Altersheim und sei glücklich, wenn jemand anderes daran Freude finde", erinnert sich Marianne Cereghetti, ebenfalls passionierte Gründerin und über 50 Jahre alt. "Ich bin gegen Mode, die vergänglich ist. Ich kann nicht akzeptieren, dass man Kleider wegwirft, nur weil Frühling ist", sagt sie. Die Gründer des Ateliers lassen sich von der zeitlosen Vision Coco Chanels inspirieren. Sie nehmen ihre wegweisende Haltung zu Mode und Nachhaltigkeit auf und interpretieren sie im Kontext der heutigen Zeit. "Mich stört, dass man diese Wertschätzung verloren hat: vor dem Leben und vor den Menschen. Deshalb sucht The Pink Sheep den sozialen Austausch und ist nicht nur Schneidereiladen", erklärt Leila Hatt.

 

Für viele sei Kleidung zum Wegwerfartikel geworden. Als das Herstellen von Kleidern noch mühsames Handwerk war, hatten die Menschen bloß das Nötigste in ihren Schränken. Sie flickten ihre Sachen immer wieder und trugen sie so lange, bis sie endgültig nicht mehr zu retten waren. Heute jedoch befinden sich 60 Prozent der Textilien, die in der Altkleidersammlung landen, in einem fast neuwertigen Zustand. Noch erstaunlicher: Laut einer Studie des Umzugsunternehmens Movinga glauben die Schweizer, nur 26 Prozent ihrer Kleidung ungenutzt im Schrank zu haben. In Wirklichkeit sind es 79 Prozent.

 

Das heutige Konsumverhalten polarisiere die Gesellschaft, bedauert Hatt. Immer noch seien Orte wie The Pink Sheep rar gesät: Orte, an denen Nachhaltigkeit und Kreativität harmonisch zusammenkommen.

 

Die Gründer des Ateliers sind Freunde. Mit ihren unterschiedlichen Berufen schaffen sie Synergien. Es falle ihnen leicht "out of the box" zu denken. "'Haben wir noch nie gemacht' gibt es bei uns nicht. Wir suchen einfach nach ungewöhnlichen Lösungen", freut sich Hatt, gelernte Grafikerin und Autodidaktin im Schneiderhandwerk. Sie weiß auch, wie man das auf allen Kanälen kommuniziert. Marianne Cereghetti, ursprünglich aus der Hotellerie, bringt ihr Faible für Gastfreundschaft ein, und Pascal Düringer, der Einzige im Trio mit professioneller Textilerfahrung als Modedesigner und Dozent an der Schweizerischen Textilfachschule, kennt sich nicht nur bei Schnittmustern aus. In entspannter Atmosphäre, bei einer Tasse Tee, werden revolutionäre Ideen geboren, Trends gesetzt und individuelle Stücke geschaffen. Ziel ist, den Gedanken des Upcyclings aus der Nische der selbst gestrickten Ringelsocke zu befreien.

 

The Pink Sheep geht auch in die Schulen: Mit ihrem Upcyclingprojekt "Relove Fashion" versucht das pinkfarbene Schaf, Jugendliche zu inspirieren, selbst Hand anzulegen an mitgebrachter, scheinbar ausgedienter Kleidung. Das Trio versucht, die jungen Leute dort abzuholen, wo sie stehen: bei ihrer Suche nach Individualität. "Wir können extrem viel beeinflussen mit solchen Projekten, weil Bildung ein Hauptmotivator hinter Gedanken wie Nachhaltigkeit und Klima ist."

 

Ein kleiner Junge sei in der Schule auf sie zugekommen: "Sie, Frau Hatt, meine Mami hat überhaupt keine Ahnung, dass es 8000 Liter Wasser für die Herstellung einer Jeans braucht." "Über die Jugendlichen können wir auch die Familien beeinflussen. Wir müssen inspirieren. Die USP, Unique Selling Proposition, aus den Neunzigerjahren ist nicht mehr zeitgemäß. Wir bieten die ISP, Inspiring Selling Proposition", resümiert Hatt. Gerne würden sie ihre Kreise zukünftig weiter ziehen: Ein wünschenswertes Projekt wäre eines mit Migranten, wirft Cereghetti ein. Es sei eine große Bereicherung, Schnittmuster und Ornamente aus verschiedenen Kulturen kennenzulernen und anzuwenden. Dies sei allerdings nicht nur als Austausch gemeint, sondern auch, um Integration in die neue Heimat und Identifikation mit der Herkunft zu stärken. Dabei seien alle im Geist von Vivienne Westwood aufgerufen: "Buy less, choose well, make it last."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2024, Nr. 6, S. 26 - Max Brauner, Kantonsschule, Uetikon am See

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