Passagiere sind leicht zu durchschauen

Eine Sicherheitsmitarbeiterin am Flughafen Zürich mag ihre Röntgenarbeit


Wenn Helena Soti mit großen Schritten durch den Flughafen Zürich geht, sieht sie respekteinflößend aus. Sie trägt eine dunkelblaue Uniform, die sich nur im Detail von einer Polizeiuniform unterscheidet. Zudem ist die rothaarige Frau mit den Sommersprossen beinahe 1,80 Meter groß. Kein Wunder, dass sie viele erst einmal für eine Polizistin halten. Die 50-Jährige arbeitet als Zivilangestellte bei der Kantonspolizei Zürich in der Abteilung Flughafenpolizei-Sicherheitskontrolle. Wer dort arbeitet, lernt viele Leute und Kulturen kennen und hat einen nicht immer ganz ungefährlichen Job.

Um bei der Sicherheitskontrolle arbeiten zu dürfen, braucht es drei Dinge: einen Schweizerpass, einen Schulabschluss und eine einmonatige Ausbildung, die man nach einem Eignungstest beginnen kann. Zudem muss man jedes Jahr aufs Neue an Prüfungen und Weiterbildungen teilnehmen. Um diese zu bestehen, muss man unter anderem eine gewisse Anzahl an Trainingsstunden absolvieren, um zum Beispiel Röntgenbilder analysieren zu können. Ein Grund für die sich wiederholende Prüfung ist, dass man immer auf dem neusten Stand sein soll. "Da gibt es ein Handbuch, wo man die Regeln und Weisungen nachlesen kann, denn es gibt immer wieder Fälle, die nicht alltäglich sind", sagt Soti.

Außerdem ist man kein Polizist, wenn man dort arbeitet. Helena Soti ist von der Kantonspolizei Zürich als Zivilangestellte eingestellt. Diese sind grundsätzlich unbewaffnet. Wenn sie einen Einsatz hat, fährt sie am frühen Morgen mit ihrem Auto zum Flughafen. Im Aufenthaltsraum meldet sie sich am Computer mit ihrem Ausweis an. Der zeigt, wo, wann und mit wem sie an diesem Tag arbeitet und wer der Gruppenchef ist. Dann holt sie sich einen Kaffee. Danach muss sie sich zur richtigen Sicherheitskontrolle, auch Linie genannt, begeben. Für neue Mitarbeiter ist dies nicht immer so leicht, da der Flughafen weitläufig ist. Auch sie ist schon zu spät gekommen, da sie von Passagieren aufgehalten wurde. Diese fragen, wieso ihr Flug gestrichen ist oder wo sie ihr Ticket abholen können. Da muss sie natürlich höflich sein und helfen.

An einer Sicherheitskontrolle arbeiten immer fünf Leute zusammen. Ein Mitarbeiter ist an der Ladeposition, wo die Gepäckstücke auf das Förderband gelegt werden, der zweite sitzt hinter dem Bildschirm vom Röntgengerät und analysiert die Bilder, und der dritte öffnet die Gepäckstücke, um verdächtige Inhalte genauer anschauen zu können. Das muss unter Beobachtung des Besitzers des Gepäckstückes stattfinden. Zwei Sicherheitsleute stehen am Metallbogen, durch den die Reisenden hindurchmüssen. Sie selbst arbeitet am liebsten beim Röntgengerät oder beim Ladeposten. Die Positionen werden in einem bestimmten Intervall immer wieder gewechselt. Am Metallbogen müssen aber ständig eine Frau und ein Mann stehen. Diese Aufgabe ist meist ein Teilzeitjob. Deshalb kann es durchaus vorkommen, dass nur ein Mann in der Linie arbeitet, da Männer lieber eine Vollzeit-Festanstellung haben. Dieser kann dann nicht wie die anderen rotieren, sondern muss am Bogen bleiben. "Der arme Cheib muss dann dort die ganze Zeit stehen", sagt Soti mit einem bemitleidenden Ton in der Stimme.

Das Besondere an ihrer Arbeit ist, immer wieder neue Kulturen kennenzulernen. Das ist einer der Gründe, warum sie ihren Job mag. Je nach Herkunftsland und Kultur sind die Gesten und der Umgang mit den Sicherheitsleuten anders. So sind manche Leute respektvoll, andere aber wollen einfach nicht hören. "Das hängt auch vom sozialen Stand und natürlich vom Charakter ab, aber man kann zwischen Kulturen schon einen gewissen Unterschied erkennen." Zum Beispiel haben Leute aus ostasiatischen Ländern wie Japan großen Respekt vor ihrer Uniform und sind meistens höflich. Interessant ist für sie auch, wie die Leute sich kleiden. Manche tragen bequeme Jogginghosen, und immer wieder kommen Leute ganz aufgebrezelt daher. Da spielen sich auch lustige Zwischenfälle ab. Es kam schon vor, dass eine Dame ihren Mantel ablegen musste und darunter nur ein Babydoll trug. Ein anderer weigerte sich, seine Schuhe auszuziehen. Als er sich dann fügte, kam sein großer Zeh zum Vorschein, der durch ein großes Loch im Socken lugte.

Die Arbeit ist nicht immer ungefährlich. Bei der Sicherheitskontrolle müssen den Reisenden viele Dinge weggenommen werden, da sie nicht mit ins Flugzeug dürfen. Das sind oft zu große Scheren oder Sackmesser, mancher hat auch Alkoholflaschen dabei. Flüssigkeiten darf man natürlich nicht mit ins Flugzeug nehmen. So musste sie einmal einem deutlich angetrunkenen Passagier eine Flasche Wodka wegnehmen. Dieser wollte sie nicht hergeben und behinderte mit seinem Widerstand die ganze Linie. Aus Wut zerschlug er die Flasche, die zersplitterte. Er wurde von der Polizei abgeführt. Es gab schon Situationen, da wurden Angestellte mit einem Sackmesser, das ein Passagier nicht abgeben wollte, verletzt. Helena Soti ist das zum Glück noch nie passiert, aber sie musste auch schon laut werden. Die Sicherheit von Passagier und Flug hat oberste Priorität bei ihrer Arbeit.

"Ich verstehe diese Passagiere", sagt sie, "ich wusste zum Beispiel vorher auch nicht, dass Zahnpasta oder Senf zu den Flüssigkeiten gehören." Obwohl sie am Flughafen arbeitet, hat sie auch schon vergessen, eine Kinderschere oder einen Orangensaft aus dem Gepäck ihrer Kinder zu nehmen. Ihr tut es manchmal sehr leid, wenn sie einem Passagier die hausgemachte Marmelade oder ein schön verziertes Sackmesser wegnehmen muss. Auch wollte ihr schon ein Passagier ein teures Taschenmesser oder ein zu großes Parfum schenken, nur damit es nicht weggeworfen wird. Aber sie darf nichts annehmen. Über die beschlagnahmten Gegenstände darf man nicht mehr verfügen, da sie als verdächtig angesehen werden müssen. So wird jeden Tag vieles weggeworfen. "Da darf man gar nicht drüber nachdenken."

Außerhalb ihres Jobs ist Helena Soti ein fröhlicher Mensch. Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern ist froh, dass sie sich die Arbeitszeit zu einem gewissen Maß selbst einteilen kann. So kann sie so viel wie möglich für ihre Kinder da sein.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2023, Nr. 217, S. 26 - LISA CAVELTI, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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