Ptuj ist echt goldig

Römisches Erbe und Traditionen in Sloweniens ältester Stadt

 

Poetovio - Pettau - Ptuj. Die Namen der ältesten Stadt Sloweniens erzählen von einer vielfältigen Geschichte. Das römische Poetovio hatte eine besondere Bedeutung. Am Fluss Drau, kreuzten sich damals wichtige Verkehrswege von West nach Ost und von Nord nach Süd. Vespasian wurde im Jahr 69 von seinen Truppen hier zum römischen Kaiser ausgerufen. Mit etwa 40.000 Einwohnern hatte die Stadt damals ungefähr doppelt so viele wie das moderne Ptuj.

Noch heute findet man viele Zeugnisse aus römischer Zeit. Andrej Klasinc möchte dieses kulturelle Erbe bewahren. "In der Schule hatte ich ein indifferentes Verhältnis zum Thema Geschichte", schmunzelt der 52-Jährige, "das Schulfach hat mich kaum interessiert." Heute ist die römische Geschichte in Ptuj "ein wichtiger Teil meines Lebens", sagt der Vater von zwei erwachsenen Kindern. Dem Direktor des Studentenwerks der Universität Ljubljana geht es nicht nur um die Bewahrung der Geschichte, er möchte sie als Teil des Lebens in Ptuj zu einer lebendigen Erfahrung machen.

Dazu hat der ehemalige Manager der Therme Ptuj das Projekt "Poetovio LXIX" gestartet und im Jahr 2000 ein vier Hektar großes Gelände auf einem Hügel gekauft, der etwa drei Kilometer nördlich von Ptuj liegt. Dort befindet sich heute das sogenannte "Römer Camp", mit dessen Aufbau Klasinc vor zehn Jahren begann. Über einen Wiesenweg mit Kopien von antiken Säulen geht man am Nachbau eines römischen Ziegelofens vorbei, "denn Poetovio war für seine Ziegelwaren im gesamten römischen Reich bekannt", erzählt Klasinc. Weiter geht man zur Nachbildung eines zweistöckigen römischen Landhauses. Darin gibt es einen Ofen nach römischem Vorbild für die Zubereitung von Speisen nach antiken Rezepten. Vor dem Gebäude stehen ein Brunnen und vier Säulen im korinthischen Stil, darauf Kopien römischer Gottheiten der vier Jahreszeiten. Daneben befindet sich ein offenes Theater. Die Tribünen für etwa 700 Besucher wurden im Halbkreis in den Hang des Hügels betoniert. Von hier aus blickt man Richtung Südosten und auf die Geschichte der Stadt: auf das mittelalterliche Schloss und Häuser mit roten Ziegeldächern aus der Zeit, als die Stadt deutschsprachig war und bis 1918 Pettau hieß. Und man schaut auf Teile der modernen Stadt Ptuj, und über diese hinweg auf eine Hügelkette, die Slowenien und Kroatien trennt.

Im "Römer Camp" begrüßt Klasinc seine Gäste oft in der Tunika eines vornehmen römischen Senators. Er ist zwar Gründer und Leiter des Projekts, aber "Kaiser sein wollte ich nicht", sagt er lachend, "denn die sind oft vergiftet worden." Sein Gewand wurde nach historischen Vorlagen von Hand gefertigt.

"Wir haben keine festen Mitglieder, niemand zahlt Beiträge, aber mittlerweile sind ungefähr 800 Menschen mit ihren handgemachten römischen Gewändern bei Aktivitäten und öffentlichen Auftritten dabei. Obwohl die Gewänder bis zu 80 Euro kosten, kommen immer mehr, vor allem Kinder und Jugendliche." Attraktiv sind die "Römischen Spiele" an vier Tagen im August, organisiert mit 100 ehrenamtlichen Helfern. Seit sieben Jahren finden sie jährlich statt. Es gibt Umzüge in historischen Kostümen, Theateraufführungen und Workshops zum Kochen, Töpfern, zu Mosaiken und Brettspielen, zur Schmiedekunst und Ziegelherstellung "und ein bisschen Latein", sagt Klasinc.

Ähnliche Projekte gibt es in den Nachbarländern Italien, Österreich, Ungarn, Kroatien und in Serbien. Klasinc erzählt stolz: "Wir haben zwar nicht so große römische Relikte wie zum Beispiel das Amphitheater in Pula, Kroatien. Aber unsere römischen Spiele sind die größte Veranstaltung dieser Art in der internationalen Region." Oberhalb des römischen Landhauses plant Klasinc Terrassen für Glamping-Unterkünfte. "Hier sollen Schulklassen und andere Gruppen die Möglichkeit haben, Teile des römischen Alltags nachzustellen. In Slowenien sind wir mit unseren Projekten Pioniere im Bereich der experimentellen Archäologie, die Jugendliche noch mehr für die Beschäftigung mit Geschichte motivieren kann." Eins ist ihm wichtig: "Wir wollen hier kein Disneyland. Alles ist auf historischen Kenntnissen aufgebaut." Stolz erzählt er, dass er "von Museen und Instituten angefragt wird, ob ich vielleicht dieses oder jenes Buch zur römischen Geschichte in meiner Bibliothek habe und ausleihen kann". Natürlich hat er Unterstützung. "Ohne Marija Hernja Masten wäre das alles nicht möglich. Sie ist meine Muse. Wenn immer ich Rat brauche, dann spreche ich mit ihr. Denn sie ist geradezu ein wandelndes historisches Lexikon." Hernja Masten wuchs in der Altstadt von Ptuj auf, "umgeben von historischen Zeugnissen, die ich begreifen und verstehen wollte", sagt die 72-jährige Historikerin, die Archivarin der Stadt war. Die verwitwete Großmutter von sechs Enkeln ist unermüdlich als Ratgeberin und Reiseleiterin aktiv.

Bei Bauarbeiten werden immer wieder Zeugnisse aus römischer Zeit entdeckt. "Fundamente von Gebäuden und Straßen, aber auch Keramiken, Trinkbecher, Grabbeilagen, zum Beispiel Schmuck und Musikinstrumente." Wichtig sei die Lage am Fluss gewesen. "Die Drau war einfach und leicht schiffbar, das hat den Verkehr und die Kommunikation erleichtert und zur zentralen Bedeutung Poetovios beigetragen. Auch wurde hier Gold geschürft, was zum Reichtum der Siedlung beigetragen hat. Funde wie das Goldkettchen eines Mädchens, aber auch der Name des Ortes Zlatolicje, Golddorf, nicht weit von Ptuj zeugen noch heute davon." Bei einer Führung durch Ptuj zeigt die Archivarin viele römische Artefakte, die das Stadtbild prägen. So die ausgegrabenen, konservierten Mithräen, "Stätten an denen hauptsächlich von Adligen der Mithras-Kult gepflegt wurde, eine der wichtigsten Religionen vor dem Christentum", sagt Hernja Masten. Vorbei geht es am mächtigen Orpheus-Denkmal im Zentrum und an Grabsteinen aus römischer Zeit, die später im Stadtturm verbaut wurden. Auf dem Stadthügel "Panorama", der neben dem Schloss liegt, erklärt Hernja Masten, dass dort Ausgrabungen durchgeführt wurden und sich darunter noch viele archäologische Schätze befinden. Leider sei aber von der antiken Leitung, die Poetovio mit Wasser versorgte, kaum noch etwas zu sehen.

Natürlich trägt auch Hernja Masten zu passenden Anlässen ihr römisches Gewand. So wie Ivan Tusek. Zum Interview kommt der hagere, weißhaarige Mann als Kaiser Vespasian mit Lorbeerkranz und Zepter. Der 82-jährige Archäologe arbeitete am Institut für den Schutz des kulturellen Erbes in Maribor und publizierte unter anderem ein Buch über die römische Armee in und um Poetovio. Dieses Wissen möchte er verbreiten. "Denn das moderne Rom und Italien sind oft besser bekannt als das römische Erbe gleich vor der Haustür", bedauert Hernja Masten.

Auch Andrej Klasinc hat Pläne, er möchte nicht nur Kräuter, Beeren und Reben anbauen, sondern auch Wein nach römischem Vorbild produzieren lassen, "mit nackten Füßen gepresst, das wird sicher lustig." Auch soll die Organisation aus seiner privaten Hand in eine Stiftung oder ein Unternehmen übergehen. Dann möchte Klasinc zurücktreten. "Mittlerweile habe ich viel private Mittel investiert. Wir erhalten von der Stadt Ptuj und privaten Spendern jährlich Hilfe für die Römischen Spiele. Um das Projekt erhalten und erweitern zu können, hoffen wir aber auf Fördergelder von der EU, damit wir an diesem Platz ein europäisches Kulturgut in Slowenien bewahren und viele Menschen es intensiv erleben und daraus lernen können."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2023, Nr. 264, S. 26 - MARUSA ANTONIC, TADEJ BOZICKO, ADAM ROBIN, HANA ROZMAN, Discimus Lab, Videm pri Ptuju

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