Bei der Ankunft verstehen sie nur Bahnhof. Für ausländische Schüler der German Language School in Berlin ist der Anfang schwer.
Zu Hause sagt man, Deutsche sind pünktlich. Und dann kommt die S-Bahn nicht", sagt Zuzana und lacht. Der leichte Akzent der Schülerin verrät ihre slowakische Herkunft. Sie ist eine von etwa 160 Gastschülern, die mit der Organisation German Language School (GLS) jedes Jahr nach Deutschland kommen. Zu Hause bei ihrer Berliner Gastfamilie ist der 17-Jährigen anzusehen, dass sie sich wohlfühlt. Ganz am Anfang sei es schwierig gewesen in der Schule, erzählt sie. "Ich habe fast nichts verstanden. Vor allem mit den Masken - das hat auch nicht geholfen." Glücklicherweise waren die Lehrer eine große Hilfe. Um es für die Austauschschülerin einfacher zu machen, darf sie sich beispielsweise in die vorderste Reihe setzen und sich bei Tests ein paar Arbeitsminuten mehr erlauben als ihre Mitschüler. Obwohl diese viel Verständnis haben, ist es schwieriger, den Kontakt mit einheimischen Schülern zu finden, als Freundschaften mit Schülern, die ebenfalls aus dem Ausland stammen, zu schließen. Denn diese teilen ähnliche Probleme und Erfahrungen. Unabhängig von der Herkunft hat Zuzana die meisten Leute kennengelernt, weil sie um Hilfe bitten musste. Daraus, dass Zuzana lediglich nach dem Weg zu ihrer Klasse fragte, entwickelten sich Gespräche und später Freundschaften.
Wenn die Schülerin bei einer Konversation dann doch etwas nicht versteht, sind deren Englischkenntnisse zwar hilfreich, doch sie erklärt: "Viele Leute in der Öffentlichkeit erkennen, dass ich aus dem Ausland bin, weil ich einen Akzent habe, und sie reden sofort auf Englisch." Obwohl sie gute Absichten haben, hilft es Zuzana nicht dabei, ihr Deutsch zu verbessern. Auch der 18-jährige Zachary aus der Schweiz findet es schade, wenn seine Mitschüler mit ihm ins Englische wechseln, nur weil es einfacher ist. "Ich sage dann immer: ,Hör auf, Englisch mit mir zu sprechen, ich möchte Deutsch lernen. Sprich Deutsch mit mir.'" Der französischsprachige Gastschüler ist vor einem Monat in Berlin angekommen. Es sei immer eine Bereicherung, mit fremden Menschen zu sprechen, deren Leben und Erfahrungen sich stark von den eigenen unterscheiden. "Das Schulsystem, das politische System - das ist doch alles ganz anders in der Schweiz."
Besonders die Hauptstadt findet Zachary interessant. Für sein Hobby, die Fotografie, gibt es viel Material, so wie Architektur, Straßenkunst und Geschichte, die ihn faszinieren. Auch wenn ihm die Berliner im Verkehr manchmal unhöflich vorkommen, so seien die Menschen offen. Dennoch ist natürlich alles anders als zu Hause, und man fühlt sich schneller unwohl. "Einmal habe ich das Fahrrad meines Gastvaters kaputt gemacht. Das ist natürlich peinlich, weil, es ist nicht dein Fahrrad und nicht deine Familie."
In der Erfahrung fast aller Austauschschüler spielt die Gastfamilie eine zentrale Rolle. Zuzana musste ihre erste Gastfamilie sogar verlassen. "Wir haben uns einfach nicht verstanden. Nach einer Weile war es nicht mehr attraktiv, mit ihnen Zeit zu verbringen." Zu Beginn war Zuzana dadurch häufig traurig und wünschte sich nach Hause. Der Corona-Lockdown im Winter 2020 machte es zusätzlich schwierig, sich mit neuen Freunden zu treffen, und ließ Zuzana an diejenigen daheim denken. In dieser Zeit bewies die Schülerin Charakterstärke. Bewusst fuhr sie nicht heim, um zusätzliches Heimweh zu verhindern. Immer wieder entschloss sie sich, es von Neuem zu versuchen. "Als ich Freunde gefunden habe und mir sicher war, dass ich die Schule schaffe, hatte ich fast kein Heimweh mehr."
Ähnlich erging es Nina, einer gleichaltrigen Freundin, die im Sommer 2020 gemeinsam mit Zuzana aus der Slowakei nach Deutschland kam. Nach einem Jahr ist sie mittlerweile wieder nach Hause zurückgekehrt und erinnert sich an ihre erste Zeit im fremden Land. Ninas größtes Problem war nicht ihre Gastfamilie, sondern Anschluss zu finden. "In der Schule hatte ich nicht so viele Freunde. Ich musste beim Mittagessen zwar nicht allein sitzen, aber nachmittags hatte ich niemanden." Beziehungen entwickelten sich nur langsam, Nina fühlte sich einsam. Zu Beginn telefonierte sie jeden Tag mit ihrer Familie in der Slowakei. Doch mit der Zeit wurde es weniger und weniger. "Ich habe mich eingewöhnt nach drei Monaten. Zuletzt war es viel besser, als ich gedacht hatte, und die Familie war wirklich toll."
Nina und Zuzana sind gute Beispiele für die Eingewöhnung von Austauschschülern. High-School-Koordinatorin Sara Stukenbrock, die seit sechs Jahren bei der GLS arbeitet, spricht von einem Phasenmodell: Nach einer Hochphase, in der alles neu und aufregend ist, folgen ein bis zwei Monate Anschlussprobleme und Heimweh. Schließlich geht es immer besser. "Wenn man dann kurz vor der Abreise ist, will man gar nicht wieder weg", sagt Stukenbrock. Ein besonderer Integrationserfolg ist es, wenn die Schüler sich entscheiden, ihr Abitur hier zu machen oder für das Studium zurückzukehren. Sie berichtet, dass bei der GLS zuerst die Gastfamilie gewählt wird, dann die Schule. Die Familien werden über Gemeinden, Kollegen oder Vereine gefunden. "Wir hatten mal einen Schüler aus Korea, der war Vizemeister im, ja, Becherstapeln." In Berlin gibt es dafür einen Verein. Hat die Organisation für die Schüler eine Familie und eine Schule gefunden, ist es an ihnen, sich einzubringen. "Deutsche Klassen sind meistens nicht so offen. Da hilft es, wenn die Gastschüler extrovertiert sind." Dass die Schüler Regeln brechen und auf zu viele Partys gehen, ist sogar meistens viel weniger ein Problem, als dass sie sich auf ihrem Zimmer verstecken.
Auch kulturelle Unterschiede stellen in einigen Fällen Probleme dar. Stukenbrock erzählt von einem Mädchen aus Südkorea. Die Gastfamilie des Mädchens rief bei der GLS an, verärgert, dass die junge Südkoreanerin sie angelogen hatte. Als die Familie plante, eine Fahrradtour zu machen, bejahte das Mädchen die Frage, ob sie Fahrrad fahren könne. "Und dann ist sie erst mal in den nächsten Graben gefahren. Mir ist dann klar gewesen: Sie wollte nicht bösartig lügen, sondern einfach nur der Familie sozusagen einen Gefallen tun. Immer erst mal zustimmen und nicken. Das ist kulturbegründet."
Ein Gastfamilienwechsel kommt aber selten vor. Für Zuzana verlief dieser nach dem ersten halben Jahr reibungslos. "In meiner aktuellen Gastfamilie bin ich mehr als zufrieden. Ich bin glücklich, dass ich hier bin, und ich liebe sie." Gerne unternimmt sie nun etwas mit der Familie. Mit ihren zwei Gastschwestern hat Zuzana mehrere Serien und alle Twilight-Filme gesehen. Am Ende des Schuljahres bot Zuzanas Schule ihr an, auch ihren Abschluss dort zu machen. Zuzana wagte den Schritt zum deutschen Abitur und blieb ein zweites Jahr.