Im Rosenheimer Slotcar-Racing-Verein gerät so manches Mitglied auf die schiefe Bahn. Motorsport im Miniformat.
Five! Piep . . . Four! . . . Piep . . . Three! . . . Piep . . . Two! . . . Piep . . . One!" - Ein Knall, rasende Autos blitzen vorbei. Nur noch bewegte Farbflächen sind zu erkennen, heulende Motorengeräusche und stechender Geruch verbrannter Autoreifen erfüllen den Raum. Hektische Blicke folgen den Autos, schweißige Hände drücken auf Handregler. So verläuft ein üblicher Freitagabend im Verein Karo Slot Racing (KSR) in Großkarolinenfeld, einer Gemeinde in Oberbayern bei Rosenheim.
Slotcar-Racing, ein wettbewerbsorientiertes Hobby für Rennen mit kleinen elektrisch angetriebenen Automodellen, sogenannten Slotcars, die über Modellrennbahnen heizen, auch bekannt als Carrera-Bahn. Seit 2017 wird dort dem Slotcar-Racing nachgegangen, die Geschichte des Vereins beginnt bereits Jahre vorher. Der Erste Vorsitzende Michael Bleyhl erzählt: "Unsere Geschichte beginnt im Jahr 2010, als sich zwei alte Freunde auf dem Christkindlmarkt trafen und über alte Zeiten plauderten. Dabei stellte sich heraus, dass jeder eine eigene digitale Rennbahn zu Hause hatte: Carrera Digital 132 oder Scalextric Digital." Man besuchte sich gegenseitig, um Probe zu fahren. Bald fanden regelmäßige Treffen statt, auch Freunde konnten begeistert werden.
"Heute sind wir weit über unseren Freundeskreis hinausgewachsen und können mittlerweile 70 aktive Teilnehmer zu unseren Mitfahrern zählen", berichtet der 68-jährige Unternehmensberater. Nun ist der Verein stolzer Besitzer eines einladenden Vereinsheims. Goldene Pokale stechen ins Auge. Das größte Highlight bleibt jedoch die 45-Meter-Bahn mit dekorativen Landschaftselementen wie einer Tribüne, dem dreistöckigen Presseturm oder einem Figurensatz Fans vor der Startlinie. Die Bahn zählt zu den größten öffentlichen Carrera-Rennbahnen Bayerns. Daneben gibt es noch eine magnetlose 25-Meter-Bahn. Auf der kleineren Bahn können die Autos besser driften. Sie wird hauptsächlich zu Übungszwecken verwendet.
Für viele im Verein begann die Faszination schon im Kindesalter. Jedoch entwickelt sich aus dem Zeitvertreib eine Tiefe in Technik und Fahrfertigkeiten, je länger man sich mit ihm beschäftigte. "Auf den ersten Blick scheint es so leicht, dennoch ist höchste Konzentration gefragt bei den ganzen 37 Runden." Bleyhl bestätigt das. So ist das Slotcar-Racing ideal zum Trainieren der Konzentrationsfähigkeit, denn man muss bei einem Rennen mit 37 Runden sieben Minuten lang den Slotcars aufmerksam folgen. Dennoch könne es "manchmal zum Kindergarten" werden, sagt Bleyhl. Gerade die "Unbesiegten" im Verein können zum Problem werden. Andere fühlen sich von einem unschlagbaren Gewinner demotiviert und verhalten sich wie trotzige Kleinkinder, indem sie eine weitere Teilnahme an Rennen verweigern. Andererseits eröffnen die "Unbesiegbaren" dem Verein neue Chancen: so bei deutschlandweiten Rennen wie der Oesselser Championship, einer national besetzten Slotcar-Gemeinschaft mit Motorsportenthusiasten. Jeder Verein hat sich auf sein eigenes ausgeklügeltes System spezialisiert, bei KSR wird vor allem die Carrera-Digital-132-Technik durchleuchtet. Dazu gehört das Ausprobieren neuer Modelle, das Modifizieren und der Diskurs über die Technik. "Aufgrund dessen erweist sich die Gestaltung von nationalen und internationalen Wettbewerben als Herausforderung, da man sich auf ein System beschränken muss", erläutert Bleyhl. Deutschlandweit findet man das Hobby selten. Schätzungen belaufen sich auf unter 100 öffentliche Bahnen.
Für das Beisammensein mit und manchmal ohne Fachgespräche hat der Verein eine Bar eingerichtet. Zwei Vereinsmitglieder witzeln miteinander: Da ein schwarzes Automodell gefahren wird, fährt man ja "schwarz". Bei KSR findet eine obligatorische Hauptmodifizierung statt. Dabei werden die hinteren Reifen zuerst entfernt und durch Ortmann-Reifen, kleinere Reifen aus Polyurethan, ersetzt. Dies dient dem strategischen Aspekt, so erhalten die Slotcars den optimalen Grip auf den Schienen. Zudem werden die Autos dekorativ bemalt. Der Verein besitzt ein Auto mit bunten Smileys, lila Sternen und "Bang"-Aufschrift. Beliebt sind farbenfrohe Graffitis und ornamentale Verzierungen.
"Die Situationen, in denen man schmunzeln kann, machen das Hobby besonders", sagt Bleyhl. Beim 6-Stunden-Rennen mit 1300 Runden kam es dazu, dass die Zeitdifferenz zwischen dem Erst- und Zweitplatzierten im Hundertstelbereich lag. Solche Kuriositäten sorgen für Gelächter. Auch muss man improvisieren können. "Während eines Rennens kam es dazu, dass sich die Reifen von meinem Auto gelöst haben, weshalb ich auf den bloßen Felgen weiterfahren musste", berichtet eine Teilnehmerin.
"Definitiv ist das Slotcar-Racing das Hobby der Zukunft", meint Bleyhl. Die Modelle sind nämlich eine maßstabsgetreue Nachbildung der entsprechenden realen Modelle aus dem Rennsport. Umweltfreundlich ist es allemal, es gibt beinahe keinen CO2-Ausstoß. Das nächste Rennen wird angekündigt: Es braucht wieder Fingerspitzengefühl, die Nervosität ist greifbar. Die Rennleitung verfolgt das Rennen analytisch. Verschränkte Arme. Der Großbildmonitor strahlt. Feierliche Musik ertönt. Applaus. Sieger: "Topspeed 426 Stundenkilometer, Rundenzeit 12,172 Sekunden."