Schwarze Schafe

Ernst Hörler in der Rolle des Hirten der etwas anderen Art. Er ist im Kanton Zürich Gefängnisseelsorger. Beten ist eine Heidenarbeit mit Menschen, die straffällig geworden sind.

 

Meine Arbeit gibt mir das Gefühl, beschenkt worden zu sein", sagt Ernst Hörler und setzt sich auf die saftig grüne Wiese im Schatten einer großen, alten Eiche und lässt seinen Blick unter der Sonnenbrille über die Menge gleiten. Es ist kurz vor Feierabend. Um diese Zeit herrscht hektisches Treiben rund um den Bürkliplatz in Zürich. Trotz des sonnigen Tages weht eine feine Brise, die das akkurat gestylte weiße Haar des Pfarrers leicht von der faltenfreien Stirn abheben lässt. Heute war der 60-Jährige wieder der "Hirte" vieler Seelen. Doch seine "Schäfchen" sitzen nicht fromm in den Reihen zwischen Kirchenmauern, sondern hinter dick verschlossenen Gefängnistüren aus Stahl, in denen er seit 2020 Vollzeit als Seelsorger tätig ist. Davor war er 20 Jahre Gemeindepfarrer in Wädenswil. "Die Aufgaben waren vielseitig, und ich konnte wortwörtlich auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen." Trotzdem bezeichnet er die Zeit als anstrengend. Als Pfarrer ist man Ansprechpartner in vielen Situation - und das rund um die Uhr. Seine zusätzlichen Verpflichtungen als Dekan entlasteten ihn dabei nicht gerade. So war es an der Zeit für einen Wechsel.

 

Stellt man sich seinen Arbeitsplatz wie in Hollywoodfilmen als ein düsteres Gebäude vor, auf dessen von Stacheldraht umgebenem Hof die harten Jungs Basketball spielen und beim "Pumpen" die tätowierten Muskeln spielen lassen, folgt rasch die Ernüchterung. Die meisten schweizerischen Gefängnisse geben sich auf den ersten Blick kaum als solche zu erkennen, wären da nicht die omnipräsenten Absperrungen und Kameras. Jeden Tag bekommt Hörler zwei Gefängnisse mit ihren Insassen zu Gesicht und arbeitet engagiert. Und das, obwohl er nie Pfarrer werden wollte.

 

"Mich interessieren und berühren Menschen und ihre persönlichen Geschichten sehr." Doch war sein Bild eines Pfarrers von Konservativismus und Frömmigkeit geprägt, der mit seinen Doktrinen auf jede Frage eine Antwort hatte, sich aber nicht auf die Menschen dahinter einlassen kann. Daher hatte Hörler in jungen Jahren ganz andere Ideen, wie er seine Interessen ausleben könnte. Sein Kindheitstraum war es, Flight Attendant zu werden. "Wie die meisten in meinem Alter wollte ich die weite Welt bereisen, möglichst viele Kulturen und Menschen kennenlernen und in gewisser Hinsicht auch von meinem Elternhaus und dem kleinen Langnau am Albis wegkommen, welches zwischen dem Ufer des Zürichsees und den kleinen Hügeln des Mittellandes liegt." Doch wirklich weit weg kam er nie. Auch an diesem Tag wechselt er wie üblich mittags den Standort in ein weiteres der sechs Kurzzeitgefängnisse des Kantons Zürich mit dem Ziel, möglichst vielen dieser Menschen zu helfen, ihre Verbindung zwischen ihnen und Gott zu stärken. "Dabei geht es nicht darum, zu missionieren. Vielmehr möchte ich diejenigen, die ihr Vertrauen in die Hände Gottes legen, dabei unterstützen. Viele der Insassen würden gerne beten. Sie wissen allerdings nicht, wie, da sie denken, nur mit vorgegebenen Gebeten Gott zufriedenstellen zu können. Ich zeige ihnen, wie sie das selbst individuell für sich tun können, indem ich aus dem Gespräch heraus zusammen mit ihnen bete." Dass er dieser Aufgabe nachgeht, ist alles andere als selbstverständlich. "Auch wenn meine Eltern reformiert waren, spielte die Religion nur eine geringe Rolle. Mich zog der Glaube jedoch in seinen Bann, sodass ich mich bereits früh in der Kirche engagierte. Während des Konfirmandenunterrichtes besuchte ich den Gottesdienst 30 Mal, anstelle der obligatorischen zwölf, einfach, weil es mich interessierte." Trotzdem kam für Hörler eine Arbeit in der Kirche noch nicht infrage, sodass er erst eine Banklehre antrat. Doch in alltäglicher Monotonie mit makellosem Lächeln hinter einem mächtigen Schreibtisch zu stehen, die Kunden mit einem freundlichen "Grüezi" zu begrüßen und anderer Leute Geld umherzuschieben erfüllte ihn nicht. So absolvierte er nebenbei die Erwachsenen-Matura und schrieb sich für ein Studium der Theologie ein, jedoch ohne die Absicht, Pfarrer zu werden. Beim ersten Anlauf scheiterte er an der Abschlussprüfung. Nach einem Leidensjahr kam es eines Tages im Alter von 30 Jahren plötzlich über ihn. "Ich erkannte erst da, dass ich die Aufgaben eines Pfarrers auch auf meine weltoffene, progressive, für mich reizvolle Art übernehmen konnte." Wider anfängliche Zweifel fand Hörler Gefallen an seiner Arbeit. "Ich glaube daran, dass es da oben etwas gibt, zweifelsohne", meint er und zeigt mit seinem Finger durch die Blätter der alten Eiche zum wolkenlosen Himmel, "mich interessierte es brennend, wie es sich in unserem Alltag bemerkbar macht und was es mit dem Menschen an sich zu tun hat."

 

Zurück im Gefängnis, erhält Hörler bei der Ankunft in den aufgeräumten, fast schon steril wirkenden Hallen eine Liste mit den Namen aller Insassen. Bei den Betreuern informiert er sich über den aktuellen Gemütszustand Einzelner und fragt nach besonderen Vorkommnissen wie Schlägereien. Anschließend lässt sich der Seelsorger zu den Zellen führen. Je nach Gefängnis unterscheiden sich diese. Während die einen Insassen von dicken, undurchdringbaren Stahltüren umgeben sind, befinden sich andere hinter dünnen Holztüren - eines eint jedoch alle; sie trennen Menschen von der Freiheit.

 

Die Gespräche mit den Gefangenen führt Ernst Hörler unter vier Augen. Die Tat, welche sie in diese Lage brachte, erfährt er meist erst währenddessen. Obwohl er es tagtäglich mit Delinquenten, Vergewaltigern, Pädophilen und Mördern zu tun hat, reduziert Hörler die Insassen nicht auf ihre Taten. Im Zentrum stehen für ihn die Menschen und deren Lebensgeschichte mit allen Höhen und Tiefen. "Es sind nicht die Gewinner in dem Spiel des Lebens um Profilierung und Erfolg. Vielmehr sind es jene, welche in ihrem Leben mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, scheiterten und dabei andere und sich selbst enttäuscht haben. Dabei ist es interessant, zu sehen, wie Menschen in dieser Situation damit umgehen und an einer Hoffnung festhalten können, die für Außenstehende gar nicht mehr zu bestehen scheint. Wie sie auf ihrem Weg hinfallen, sich aufrappeln, es erneut versuchen und vielleicht wieder hinfallen."

 

Viele Insassen nehmen das Gefängnis als ihr persönliches Ende wahr. Denn der temporäre Aufenthalt fernab des öffentlichen Lebens fordert seinen Tribut: Zu oft mit seelischen Schmerzen verbunden, sehen sie ihr altes Leben an sich vorbeiziehen, und in dem strömenden Fluss des Verlustes schmelzen Wohnung, Familie und ihr ganzes Hab und Gut dahin. Als einziger düsterer Rückstand bleibt ein neuer, befleckter Strafregisterauszug und allenfalls auch die Angst vor einer potentiellen Ausschaffung in ein Land zurück, das sie aus gutem Grund hinter sich gelassen hatten. Da tut es gut, mit einem anderen darüber zu sprechen. "Ich kann diese Probleme der Menschen nicht lösen, sondern nur zuhören und ihnen zusprechen - das wissen sie auch. Wenn mir diese fremden Menschen trotzdem das Vertrauen entgegenbringen und ihre persönlichen Geschichten und Emotionen zeigen und dabei ihr Herz öffnen können, finde ich das etwas ganz Schönes und Bereicherndes", sagt Hörler und lächelt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2023, Nr. 128, S. 26 - ANDRIN SCHMIDLIN, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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