Sehen und gesehen werden

Das slowenische Model Alen Kobilica wurde vor 15 Jahren plötzlich blind.

 

Es gibt Menschen auf der Sonnenseite des Lebens. Ihnen fliegt scheinbar alles zu. Andere scheinen alles zu verlieren. Ihnen drohen Absturz, Dunkel, Depression. Und dann gibt es Menschen, die scheinbar alles verlieren, aber nicht aufgeben, neu anfangen und sogar andere inspirieren. Alen Kobilica verkörpert alle drei Varianten in einer Person.

Ein Apartment in einem zweistöckigen Haus am westlichen Stadtrand Ljubljanas. Die Tür öffnet sich, ein kleiner Junge schaut den Gästen neugierig entgegen. Val Alen ist zweieinhalb Jahre alt, hinter ihm erscheint sein Vater, Alen Kobilica, 1,85 Meter groß, durchtrainiert, Jeans, Hemd, kurzes dunkles Haar. Strahlend streckt er die Hand zum Gruß entgegen. Die Hand ergreifen muss der Besucher selbst. Alen Kobilica ist blind.

"Kommt rein", sagt der 53-Jährige. "Maja stillt gerade das Baby. Wir gehen nach oben, um nicht zu stören." Maja Prasnikar ist seine 41-jährige Partnerin und Mutter seiner beiden Kinder. Tochter Inti Aurora ist sechs Monate alt. Kobilica gibt seinem Sohn eine kleine Aufgabe. Dann führt er über eine Wendeltreppe ins Dachgeschoss. Er bewegt sich langsam, aber sicher. "Das ist mein privates Sportstudio hier oben. Hier trainiere ich etwa drei Stunden pro Tag auf dem Laufband, mit Gewichten und den anderen Fitnessgeräten." Schon immer sei er ein vielseitig interessierter Mensch gewesen, der die Natur und den Sport liebt. "Das habe ich vielleicht in den Genen, denn mein Vater spielte Fußball. Und Bewegung in gesunder Umgebung ist sehr wichtig, um Probleme zu lösen." Kobilicas Leben scheint dem Motto "Lauf, Alen, lauf" zu folgen, denn was auch immer geschah, er blieb zuversichtlich, fand einen Weg, um neu anzufangen.

Als 16-Jähriger erhielt er von einem Klassenkameraden die Ausgabe eines Katalogs von "Sportscheck". "Ich fand die Kleidung cool, die Locations, die Models und dachte, das muss toll sein, so etwas zu machen." Kobilica studierte Sport, liebte das Lesen. Da sein Aussehen auffiel, ergab sich zufällig der Start einer Modelkarriere in Slowenien. "Ich bekam tatsächlich die wichtigsten Jobs im Land", erzählt er, noch immer erstaunt. Doch bald habe es keine Herausforderungen mehr gegeben, als sich plötzlich eine Tür öffnete. "Mit einem Partner hatte ich eine Reiseagentur. 1997 veranstalteten wir ein Programm in Athen. Auf der Akropolis sprach mich ein Italiener an, der aus der Modewelt kam." Er machte Kobilica Komplimente und lud ihn nach Mailand ein, um vielleicht internationale Jobs zu erhalten. "Als dann die nächste Mailänder Modewoche stattfand, habe ich meinen Urlaub genommen und bin mit dem Auto nach Mailand gefahren." Jedes Jahr nehmen an der Modewoche Tausende Models teil, viele fest gebucht, aber auch viele auf der Suche nach einem Job. Kobilica wollte diese Chance nutzen und sprach Tag für Tag vor. "Eines Morgens erhielt ich den Anruf meiner Agentur. Giorgio Armani wolle mich sehen. Ich sollte alle anderen Termine an dem Tag absagen. Und dann bin ich tatsächlich auf dem Laufsteg dieses berühmten Mannes gewesen, der aufgeregt italienisch redete. Was er nicht wusste: Ich verstand jedes Wort, also auch, dass er mich für seine Kollektion wollte", erzählt Kobilica lachend. Als einer von fünf Neulingen und einziger seiner Agentur erhielt er eine Zusage, wurde in den folgenden Jahren zu einem international berühmten Model, auch 13 Jahre lang für "Sportscheck". Seinen Schlüssel zum Erfolg sah er darin, "dass nicht nur das Aussehen zählt, sondern dass man auch witzig, fit und professionell sein muss. Am Ende zählt nicht das Label, nicht das Etikett, sondern der Inhalt. Das haben die Leute bewundert." So wurde er auch zum Gesicht des Parfüms "Aquaman Rochas". "Das bedeutet viel mehr, als ein Model für Kleidung zu sein. Die Jahreszeiten wechseln und damit Mode und Models, man ist schnell vergessen. Aber mit einem Parfüm bleibt ein Gesicht immer verbunden. Es hält ewig."

Kobilica genoss ein Luxusleben, reiste zu den schönsten Plätzen der Welt, jeden Tag umgeben von anderen Menschen. Im Alter von 38 Jahren verlor er plötzlich seine Energie. Ein Arzt, den er aufsuchte, fand nichts Beunruhigendes. "Er erzählte mir, ich sei in einer Midlife-Crisis, aber mir war klar, dass das nicht der Fall sein konnte." Bei weiteren Untersuchungen wurde ein großes Meningeom entdeckt, ein gutartiger Tumor der Hirnhaut. "Der Tumor wurde erfolgreich entfernt, und ich war erleichtert, doch nach einigen Tagen war ich völlig erblindet", berichtet er sachlich. "Man sagte mir, diese Nebenwirkung trete häufig auf, aber verschwinde wieder. Doch nach 15 Jahren warte ich immer noch darauf, dass ich wieder sehen kann." Er akzeptierte nie eine Opferrolle, machte nie andere für seine Situation verantwortlich. "Auch Humor hilft. Und wie kann ich denn meine Situation bedauern? Ich bin als gereifter Mensch erblindet, habe zuvor die Welt bereist, alles gesehen und in vollen Zügen genossen. Ich habe, was ich brauche, und bin fest überzeugt, eines Tages wieder zu sehen. Denn Wissenschaft und medizinische Technik entwickeln sich rasant."

So lernte Alen Kobilica, sich neu zu orientieren, die Kommunikation über eine Standard-Einstellung seines Smartphones, die Texte in gesprochene Sprache umwandelt. Er betrieb weiter Sport, gewann bald Preise bei Weltcups und Europameisterschaften, vor allem im Paratriathlon. Dort hat er einen Partner, mit dem er gemeinsam schwimmt, läuft und auf einem Tandemrad fährt. "Wir reden nicht viel während des Wettkampfs, wir berühren uns, das sind unsere Signale." Trotz der Erfolge sagt er: "Blindheit ist etwas Unpraktisches. Am meisten vermisse ich meine Unabhängigkeit, weil ich immer Menschen um mich haben muss, die mir bei der Orientierung im Alltag helfen." So führt ihn sein Trainer durch unbekannte Räume, indem er Kobilicas Hände auf Möbel und Wände legt, sodass er sich an deren Position im Raum erinnern kann. Sein Erinnerungsvermögen hilft ihm in vielen Situationen. Früher hatte er den Marathon in Ljubljana von seinem Balkon aus beobachtet. Erst als er erblindet war, lief er zum ersten Mal und seither öfters mit. Er liebt es, durch die leere Stadt zu laufen, ohne Straßenverkehr. "Denn wenn ich laufe, sehe ich die Stadt, ich kann mich noch daran erinnern, wie sie aussieht, und dann rieche, höre, erlebe ich sie immer wieder."

15 Jahre nach der Erblindung lebt Alen Kobilica glücklich mit seiner Familie, wird noch immer für Aufnahmen gebucht, so für Spyke-Motorradkleidung, betreibt eine eigene Modelagentur und gründete mit Partnern das Unternehmen Indy & Pippa, das organische, vegane und glutenfreie Produkte produziert und vertreibt, auch nach Deutschland. Vor allem liegt ihm seine Initiative Vidim cilj, "Ich sehe das Ziel", am Herzen, die behinderten Kindern hilft, ihre Träume im Sport zu verwirklichen. Ihnen spendet er auch das Gehalt, das er als Motivationsredner für Unternehmen erhält. "Durch diese Auftritte kann ich Menschen inspirieren. Aber es liegt natürlich an ihnen selbst, ob sie etwas in ihrem Leben ändern." In seiner neuen Rolle hat Kobilica große gesellschaftliche Anerkennung gefunden. Mit Borut Pahor, dem ehemaligen slowenischen Staatspräsidenten, verbindet ihn eine Freundschaft. "Positive Empathie ist das Beste, was es gibt. Man sollte alle Menschen ermutigen, ihre eigenen Fähigkeiten, Kompetenzen und Potentiale zu entdecken und zu entwickeln." Er unterstützt seinen Sohn, seine Sinne zu nutzen. "Abends schalten wir oft das Licht aus. Dann sind wir beide 'blind' und berühren Dinge im Raum, um sie zu erkennen und um uns zu orientieren. Val hat aber nicht nur Spaß an diesem Spiel. Wenn er mir etwas zeigen möchte, sagt er heute: 'Papa, schau mal!' und legt meine Hand auf den Gegenstand, den er mir zeigen will." Alen Kobilicas Lauf geht weiter. "Das Universum ist unendlich. Alles ist möglich!", sagt er zum Abschied. "Wir sehen uns."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2023, Nr. 223, S. 26 - Doroteja Drevensek, Tin Soskic Institut Discimus Lab, Videm pri Ptuju

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