Sich schrittweise näher kommen

In der Tanzschule fühlen sich viele gut aufgehoben. Lorenz Schmitt begann eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik. Nun ist er Tanzlehrer und glücklich.

 

Mit 14 Jahren habe ich im Schülerkurs angefangen", sagt Lorenz Schmitt. Er findet schnell Spaß daran und meldet sich mit seinen beiden besten Freunden bei der Tanzschule Pelzer in Schweinfurt an. Nach der Schule beginnt Schmitt zunächst eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik, merkt aber bald, dass er dort falsch aufgehoben ist. "Ich habe dann überlegt, was mir Spaß macht. So bin ich auf die Tanzschule gekommen." Für die Theorie muss er zweimal in der Woche nach Nürnberg fahren. Der Unterricht dort besteht eher aus Praxis. "Man ist fast die ganze Zeit auf der Tanzfläche und lernt Sachen wie: Wo stehe ich im Raum? Wie tanzt man welche Figur? Wie stehe ich da?", erklärt Schmitt. Noten gibt es fast keine, Abfragen zählen eher als Wiederholung. Nur am Ende eines jeden Jahres findet eine Prüfung statt. Ein Teil Theorie, ein Teil Praxis.

 

Hierbei soll eine Figurenabfolge getanzt werden, die aber das ganze Jahr über einstudiert werden kann. Am Ende der Ausbildung müssen neun Prüfungstänze präsentiert werden: Wiener Walzer, langsamer Walzer, Slow Foxtrott, Quickstep, Tango, Jive, Samba, Cha-Cha-Cha und Rumba. Dabei tanzt man gleichzeitig mit anderen auf der Tanzfläche, jedoch ohne Partner. Die "Fassungshaltung" wird trotzdem eingehalten, damit die Prüfer die korrekte Ausführung bewerten können. Zunächst wird der Herrenteil präsentiert. Sobald die Musik endet, wird in den Damenteil gewechselt. Die wichtigsten Kriterien sind Tanz und Rhythmus. "Wenn das nicht passt, dann bist du gleich durchgefallen", sagt der 23-Jährige. Außerdem wird auf die richtige Ausführung und Haltung sowie die Selbstpräsentation geachtet. "Man hat dann schon einen Anzug an, aber mit Weste, weil das mehr hermacht. Beim Laufen auf die Fläche muss man sehr präsent sein, denn am Wichtigsten ist es, einfach aufzufallen."

 

Während der Ausbildung müssen die Tanzlehrer zwei Fortbildungsbereiche bestreiten - in Level 1 und 2. Dabei gilt: je höher, desto anspruchsvoller. Im zweiten und dritten Lehrjahr findet jeweils eine Lehrprobe statt. Zuvor müssen sich die Prüflinge Begrüßung, Motivation und Zeitplan für eine Unterrichtsstunde überlegen und diesen an die externen Prüfer schicken. Mit dem Abschluss der privaten Ausbildung ist man ein vom Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband anerkannter Tanzlehrer. Seit 2021 ist Schmitt ausgebildet und arbeitet als fester Angestellter der Tanzschule Pelzer in Schweinfurt.

 

Der Familienbetrieb, geführt von Hans-Jürgen und Bianca Pelzer sowie ihren drei Töchtern, hat sechs festangestellte Mitarbeiter. Für Hip-Hop-Kurse kommen auch externe Trainer dazu, die teilweise selbst in dieser Tanzschule begonnen haben. Die vier Säle des Gebäudes sind regelmäßig komplett besetzt. Schmitt unterrichtet Salsa und Discofox, übernimmt aber auch externe Termine wie die Tanzkurse an Schulen. Die Schüler lernen hier Grundschritte und erste Figuren verschiedener Tänze. "Wir sind fast eine Stunde Fahrtzeit um Schweinfurt herum an sehr vielen Schulen vertreten", meint er. Ziel ist es, die Schüler auch nach dem ersten Tanzball zu behalten. Dennoch hören die meisten nach dem zehn Wochen langen Kurs wieder auf. Vor allem Jungs seien eher schwer zu motivieren. "In manchen Fällen werden die Jungen auch einfach dazu überredet, mitzumachen, und sind am Ende froh, dabei gewesen zu sein."

 

Bei gleichgeschlechtlichen Paaren gibt es nicht direkt Frau und Mann, sondern einfach einen Follower und einen Leader. Es kommt mittlerweile häufiger vor, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer zusammen tanzen. Die meisten sind entweder Lebenspartner oder lang befreundet. Manche tanzen jedoch einen komplett anderen Rhythmus. Tanzen ist ein Sport. "Man braucht nicht unbedingt eine musikalische oder sportliche Ader, schaden tut es aber auch nicht", schmunzelt Schmitt.

 

Die Kurse funktionieren nach einem Tanzkreis-Prinzip. Es werden die Tanzkreise 1 bis 5 angeboten, wobei es bei 1 mit den Grundschritten losgeht und sich weiter steigert. Dieses Haupttanzprogramm geht über 10 Jahre. Im Anschluss daran gibt es den Tanzkreis "Infinity", eine Kombination aus früher gelernten Elementen und schwierigeren Figuren. "Es gibt tatsächlich auch Stammkunden, die seit 40 Jahren dabei sind, also fast schon seit der Gründung vor 47 Jahren bei uns tanzen", sagt er stolz. Die Kursteilnehmer lernen nach dem Welttanzprogramm. Jeder auf der Welt, der nach diesem Prinzip unterrichtet wurde, kann das Gleiche oder zumindest Ähnliches tanzen. Neben dem normalen Kursbetrieb findet regelmäßig am dritten Freitag im Monat ein Tanztreff statt. Für Kursteilnehmer ist dieser kostenlos, andere zahlen 5 Euro Eintritt. Auf einer Tanzfläche wird nur Discofox-Musik gespielt, weshalb einige diese auch als Kennenlernbörse nutzen. Außerdem werden Tanzpartys, unter anderem in Restaurants, veranstaltet. Mit solchen Salsa- oder Latino-Partys sowie dem Tag der offenen Tür und den kostenlosen Workshop-Tagen versucht die Tanzschule, neue Kunden zu erreichen. "Ich selbst habe mich durch die Showtanzformationen beim Tanzball angezogen gefühlt, weil ich den Anreiz hatte, auch so gut zu werden", sagt Schmitt. Die Tanzschule Pelzer hat zwar auch Wettkampfformationen, jedoch sind diese durch Corona stark eingebrochen. Auch bei den Kursen sind die Auswirkungen von Corona noch zu merken. "Die 10 Monate Schließzeit haben der Tanzschule sehr zugesetzt, doch glücklicherweise hat mein Chef vorher gut gewirtschaftet, und die staatlichen Zuschüsse haben sehr geholfen."

 

Mittlerweile ist wieder Normalität eingekehrt, aber es sind noch lange nicht so viele Tänzerinnen und Tänzer wie vor Corona. "Gerade nach Abschluss meiner Ausbildung war es nicht ganz klar, ob oder wie lange ich dableiben kann. Erst hatte ich nur einen 28-Stunden-Vertrag, mittlerweile sind es 40 Stunden. Und wenn das im nächsten Jahr wieder geht, dann erhalte ich einen festen Vertrag mit der Tanzschule", meint Schmitt.

 

Er unterrichtet sowohl Line Dance als auch Discofox und Salsa. Die Kurse finden meist abends ab 18 Uhr statt, der späteste dauert bis 22.15 Uhr. Außerdem gibt es den "Rentnerkurs" freitags früh um 9 Uhr. Pro Kurs tanzen meist acht bis zwölf Paare. Die Aufgabe des Tanzlehrers ist dabei weniger das Tanzen an sich. "Ich zeige eigentlich nur die Figur. Manchmal mache ich auch mit, aber meistens gebe ich eher Tipps oder zeige, wie es sein sollte", erklärt Schmitt. Neben den Kursen selbst gibt es auch anderes für ihn zu tun wie etwa Verwaltungsdinge oder die Erstellung von Playlists für die Tanzpartys. Bei Jugendlichen spielt er viele moderne Lieder, bei Erwachsenen ist es eher 80er-, 90er- und 2000er-Musik. Neben der Arbeit tanzt er ab und zu auch in seinem Heimatort Niederwerrn als Volkstänzer oder besucht Tanzfestivals mit Arbeitskollegen. "Dort lernt man bei Workshops neue Sachen dazu, und natürlich gibt es auch gewisse Höhepunkte wie den Galaabend mit Livemusik und bekannten Profitänzern", erzählt er begeistert. "Schon in der Ausbildung erlebt man das besondere Miteinander von Tanzlehrern. Ich glaube, es gibt keinen anderen Beruf, bei dem man auf eine Fortbildung geht und niemanden kennt, aber es trotzdem so ist, als ob man schon ewig befreundet ist."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2023, Nr. 101, S. 30 - AMELIE BRETSCHER, Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium, Münnerstadt

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