Beim bulgarischen Mittsommertag-Ritual Nestinarstvo tanzen auserwählte Menschen auf der Glut.
Die Luft ist erfüllt vom magischen Duft der Kräuter, während die Morgenröte über den Himmel kriecht. Auf der beleuchteten Tauwiese unterhalb des Hügels im Dorf Bulgari im Strandscha-Gebirge sammeln sich viele Menschen. Sie warten auf die Sonne. Ihren Schatten betrachten sie, indem sie über ihre Schulter schauen. Das soll ihnen das ganze Jahr über Gesundheit bringen. Heute ist der 24. Juni. An diesem Tag feiern die Bulgaren den ,,Enjowtag" oder ,,Mittsommertag". Der Volksfeiertag ist nach Johannes dem Täufer benannt, der das Kommen des Messias ankündigte. Nach der sonnigen Begrüßung gehen die Bulgaren in die Natur, um Kräuter zu sammeln. Die Pflanzen gelten als magisch und haben an diesem Tag die stärksten heilenden Eigenschaften. Traditionell werden Enjow-Armbänder und -Blumenkränze am Feiertag aus den Kräutern geflochten. Es ist ein Wettkampf um den größten Kranz, begleitet von besonderen Volksliedern wie "Enjow mit einem Pferdewagen Kräuter sammeln geht". Unmerklich in Lieder und Gelächter vertieft, merken die Menschen nicht, wie der Tag endet und die Dämmerung hereinbricht. Dann erst fängt die wahre Magie an.
Die Männer stapeln Holz. Feuer werden angezündet. Die Menschen springen abwechselnd über das Feuer. Die Bulgaren betrachten es seit der Antike nicht als Symbol der Zerstörung, sondern als Symbol der Reinigung. Der Sprung über das Feuer am Mittsommertag ist gleichbedeutend mit der Reinigung der menschlichen Seele. Wenn die Feuer erloschen sind, kommt das einzige Licht von den Sternen am Himmel und von der goldenen Glut. Dann beginnen die Feuertänze. Nestinarstvo ist ein besonderes Ritual in Bulgarien, weshalb es in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde.
Frauen und Männer tanzen auf der Glut. Nestinari heißen die Menschen, die das Feuer nicht verbrennt. Sie treten barfuß darauf. Das Feuer breitet sich in einem Kreis aus. Zuerst beginnen die Versammelten im Zweivierteltakt der Trommeln und Dudelsäcke zu tanzen. Der charakteristische Tanz der Feuertänzer fängt mit der Figur eines Kreuzes an. Sie bewegen sich vorwärts und wieder zurück, danach von links nach rechts. Der oberste Nestinar spricht ein Gebet, nimmt die Ikone des heiligen Konstantin und seiner Mutter Helena in die Arme, und hinter ihm folgen die anderen. Die Hauptnestinarin Nelly Hristova ist 55 Jahre alt mit strahlenden Augen und schwarzen Haaren. Sie stammt aus einer Familie von Nestinari, ihre Eltern ermutigen sie schon in jungen Jahren, Nestinarin zu werden. Selbst in diesen Familien erbt jedoch nicht jeder diese Gabe. Sie manifestiert sich normalerweise bei Kindern im Alter zwischen fünf und sieben Jahren: ,,Ich weiß nicht mehr genau, wann die Begabung eintrat und die Bestimmung sichtbar wurde. Ich war noch sehr jung. So begann meine Ausbildung nach und nach. In der Ausbildung verstehen wir anfänglich nicht, dass wir unser ganzes Leben damit verbringen. Nestinarstvo ist eine außergewöhnliche Tradition, etwas Mystisches, das wir bewahren müssen. Aber in der realen Welt und im 21. Jahrhundert leben wir bis zum 24. Juni wie alle gewöhnlichen Menschen. Ich zum Beispiel bin nicht nur Nestinarin, sondern seit über 20 Jahren Lehrerin", sagt Nelly. Sie und ihre Brüder verspüren beim Tanzen keine Schmerzen und haben keine Verbrennungen an den Beinen.
"Schon vor Beginn des Tanzes bereiten die Gebete und der besondere Rhythmus der Nestinarskata-Musik den Körper und die Seele der Menschen vor." Normalerweise sind es zwischen sechs und zwölf Nestinari, die zusammen tanzen. Sobald die Nestinari einer nach dem anderen in den heißen Kreis eintreten, fallen sie in Trance. Nichts sehen und hören sie. Sie haben Visionen, stoßen Prophezeiungen aus und ihnen erscheinen Heilige. Es handele sich um einen Ritus thrakischen Ursprungs, den die Christen übernommen hätten, erklärt Nelly. "Es ist dem heiligen Konstantin und Helena gewidmet, und der Legende nach ging eine Frau selbstlos ins Feuer, als die Kirche im Dorf Bulgari, das im Strandscha-Gebirge liegt, in Brand geriet, um die Ikonen zu retten. Heilige erschienen als Zeichen der Dankbarkeit, um ihre Wunden von den Verbrennungen zu heilen. Diese mutige Tat markiert den Beginn der Tradition der Nestinari."
Nicht jeder Mensch könne Nestinar werden, erklärt sie. Die Tradition wird von Generation zu Generation weitergegeben. Wenn ein Familienmitglied nicht mit den erforderlichen Eigenschaften ausgestattet ist, um in Trance zu fallen, kann der Faden reißen. Früh ist klar, wer ein würdiger Nestinar wird, wenn die Kinder Visionen in ihren Träumen haben oder Heilige sehen können. Dann führen sie die Tradition des Feuerwesens in der Familie weiter. Manchmal werden Menschen begabt geboren und können, wenn sie diese natürliche Begabung entwickeln, eine neue Art von Nestinari gründen." Schwierig ist die Aufgabe des Hauptnestinars: "Der einzige Weg für jemanden, diese Berufung zu erhalten, besteht im Erbe. Wenn der Hauptnestinar auf seinem Sterbebett liegt, ernennt er öffentlich den nächsten Feuertänzer. Das muss eines seiner Kinder sein, gleichgültig ob Junge oder Mädchen." Nestinarstvo bedeutet nicht nur Tanzen auf der Glut ohne Schmerzen. Seit ihrer Kindheit lernen alle Nestinari bestimmte Bräuche. Sie tanzen, beten, fasten und reinigen ihre Seele. Die Musik stoppt. Die Stimmen verklingen, nur das stille gemeinsame Gebet ist zu hören. Die Menschen beginnen sich zu zerstreuen. Sie sind jetzt wie in Trance, fasziniert von der Magie des Feiertags. Aber wie jede Magie hat auch diese ein Ende. Der Enjowtag-Abend ist vorbei. Nächstes Jahr um diese Zeit werden sie sich wieder versammeln und mit ihren Liedern und Tänzen beginnen. Nelly wird diejenige in der Mitte des Feuers sein, die Ikone haltend, umgeben von ihren Brüdern.