Drei Schwestern aus Afghanistan über ihr Leben in Deutschland.
Der Krieg brachte Verzweiflung und Dunkelheit. Er war unüberwindbar und sprach nur eine Sprache: Die lauten Stimmen der Waffen waren ein Teil unseres Lebens geworden. Die Angst, erschossen zu werden, war immer da. "Unsere Eltern haben unser Leben gerettet" - das sagen heute wir drei Schwestern einer Familie aus Afghanistan. Ende 2017 sind wir mit unseren Eltern in Deutschland, in Mülheim an der Ruhr, angekommen. Im niedersächsischen Schaumburg durften wir endlich die Schule besuchen, zum ersten Mal in unserem Leben. Wir waren damals fünf, sieben und 13 Jahre alt. In unserer Heimat mussten wir zu Hause bleiben, weil wir Hindus und noch dazu Mädchen waren. Die Taliban erlaubten uns Mädchen nicht, die Schule zu besuchen. Mädchen religiöser Minderheiten wie Hindus und Sikhs dürfen nicht einmal ohne Kopftuch das Haus verlassen. So konnte uns niemand darauf vorbereiten, wie schwierig es sein würde, als Flüchtling die deutsche Sprache zu lernen.
Vor etwa sechs Jahren hatte es angefangen, dass unsere Familie an eine Flucht dachte. Wir Schwestern wollten von den lauten Stimmen der Pistolen weg. Unsere Familie hatte von dem Zeitpunkt an auch keinen Grund mehr, in Afghanistan zu leben, da die kranken Großeltern gestorben waren. Wir lebten in Kabul, wo mein Vater als Verkäufer arbeitete; meiner Mutter war keine Arbeit erlaubt. Im November 2017 haben wir die Reise nach Deutschland auf uns genommen. Das Haus der Großeltern, in dem wir lebten, wurde verkauft: Das Geld war nötig, um die Reise zu planen, die Flüge zu bezahlen. Es hieß, ein durch und durch militärisch verwaltetes Land, ein Kriegsgebiet, zu verlassen.
"Ich habe Hunger, Mama, kannst du mir was zu essen holen?", fragte meine kleine Schwester Liza damals, als wir Mitte Dezember in Deutschland angekommen waren. "Ja, meine Liebe, aber wie soll ich das sagen, der Bäcker spricht unsere Sprache nicht, und wir verstehen kein Deutsch", antwortete Mama. Die Schwierigkeiten im Alltag waren ab dem ersten Tag präsent.
Verwandte unserer Familie haben uns als Geflüchtete bei einem Erstaufnahmecamp in Nordrhein-Westfalen registriert. Zwei Monate lang wohnten wir dort. "Wo schlafen wir?", fragte meine mittlere Schwester Daisy. "Schlafen wir alle fünf in einem Zimmer?", fragte Liza. Wir waren alle sehr nervös und hatten auch Angst. Im neuen Land war alles unbekannt. Aber es war überall ruhig, eine gute Atmosphäre. Im Februar verließ unsere Familie das Camp. Wir bekamen eine Übergangswohnung in Schaumburg. "Ich freue mich, dass wir eine eigene Wohnung mit Küche und Bad bekommen haben", sagte ich, die älteste Schwester. "Ich bin so froh, dass wir ab jetzt nicht so eng schlafen müssen. Wir haben ein extra Zimmer für uns drei Schwestern bekommen, yeah", sagte Daisy. Das Leben wurde ein bisschen leichter. Einkaufen, sich mit anderen unterhalten war jedoch hart. Man kommt nicht klar. Aber wenigstens konnten wir ein wenig Englisch. Wir Schwestern durften zum ersten Mal die Schule besuchen. Die Arbeiterwohlfahrt hat das alles organisiert. Liza ist in den Kindergarten gekommen, Daisy zur Grundschule, und ich wurde am Gymnasium angemeldet. Wir haben DaZ-Unterricht, Deutsch als Zweitsprache, bekommen. Auch zu Hause haben wir uns bemüht und innerhalb von wenigen Monaten die neue Sprache gelernt. Das waren eigentlich zwei Sprachen: ein Deutsch im Alltag, mit dem man sich verständigen kann; und dann dieses komplizierte Deutsch in der Schule und auf Ämtern. Jeder neue Antrag auf Verlängerung unseres Aufenthaltsstatus war für uns ohne Übersetzungshilfen schlicht nicht ausfüllbar. Das Allerschwierigste war für Daisy, als sie in der sechsten Klasse eine weitere Fremdsprache neben Englisch lernen musste. Auch ich brauchte das für mein Abitur. "Wir beide könnten Spanisch lernen. Was denkst du?", sagte Daisy. Also haben wir Spanisch gewählt.
Nach zwei Jahren konnten wir Schwestern fließend Deutsch für den Alltag. Jedoch war es noch schwierig, sich im Unterricht zu beteiligen und die Sprache auf das erforderliche Niveau zu bringen. Was bedeutet Tugend? Wie und warum schreibt man eine Gedichtanalyse? Worum geht es in diesem Sachtext? Und warum wurde ich gerade ausgelacht? Warum beleidigt man uns? Immer wieder Missverständnisse, immer wieder Misstrauen. Das behindert das Erlernen einer Sprache.
Unsere Eltern hatten auch Schwierigkeiten, wenn sie beim Einkaufen nicht wussten, wo sie was finden konnten, und die Mitarbeiter sie nicht verstanden. Manche wollten Flüchtlingen eigentlich auch nicht helfen, manche hassen Flüchtlinge, aber die meisten versuchten zu helfen. Das Leben in Deutschland aus Sicht von Fremden ist nur dann schöner, wenn man die Sprache sprechen kann. Einmal war unser Vater zu Hause sehr krank. Es war Mitternacht, er hatte starke Bauchschmerzen. Unsere Familie wusste nicht, was sie tun sollte, wie sie den Notarzt anrufen sollte, und vor allem, was sie ihm sagen sollte. Ich habe versucht, die Nachbarn zu rufen. "Mama, frage mal den Doktor, warum leidet mein Vater so unter Schmerzen", sagte Liza, und "warum nehmen die unseren Vater mit?", wollte Daisy wissen. Die Nachbarn haben dann den Krankenwagen gerufen und sind selbst mit mir zum Krankenhaus gefahren. An diesem Tag erfuhr unsere Familie, dass Sprache auch Hilfsbereitschaft bedeuten kann. Die Antwort ist Dankbarkeit.
Als Flüchtling in einem fremden Land zu wohnen ist sehr schwierig. Vor allem, wenn man keine Unterstützung in der Umgebung bekommt: Freunde zu finden hat lange gedauert. Einen Vorteil hatten wir Schwestern allerdings aus unser Heimat mitgebracht: Ein Nachbar, Hindu wie wir, konnte uns in Englisch, Geographie, Mathematik und im Umgang mit dem Computer vieles beibringen. Das hat den schwierigen Weg erleichtert. Man kann sich vorstellen, wie es denjenigen ergeht, die nicht einmal diese Voraussetzungen in einer Lebenssituation haben, bei der alles von null anfängt.
Nach zwei Jahren fanden wir Schwestern Deutschland sehr angenehm. Der Grund: Wir konnten gut Deutsch sprechen. "Endlich leben wir ohne die lauten Stimmen der Waffen", sagt Liza. Unsere Familie hat mehrmals Gott und seinen vielen Gesichtern im Hinduismus dafür gedankt, dass wir von unserer Heimat Afghanistan weggekommen sind, sie will nie wieder zurück in die Heimat reisen. Wir Schwestern fühlen uns sicher und sind glücklich, dass wir zur Schule gehen dürfen und einen Plan für die Zukunft haben können. "Hier darf ich auch Kleider anziehen", sagt Daisy. "Auch dürfen wir unsere Haare offen lassen", meint Liza. "Das Wichtigste ist, wir haben Freiheit in Deutschland", betont Daisy.
Alle sind sehr bemüht und wollen studieren und einen Traumjob bekommen. Zurzeit besuchen wir Schwestern das Gymnasium. Ich werde 2024 mit der Allgemeinen Hochschulreife abschließen. Die Flucht nach Deutschland ist die beste Entscheidung meiner Familie für uns Schwestern gewesen. Für manchen beginnt es bei null, aber wie viele Einsen oder Nullen man davor oder dahinter setzen möchte, ist allen selbst überlassen. Daisy und Liza werden es schaffen. Als große Schwester weiß ich das.