Sie können doppelt von Glück sprechen

Zweisprachig aufwachsen hat viele Vorteile - drei Jugendliche erzählen


Mittwoch, 9.53 Uhr. Valentin König, Sohn einer chinesischen Mutter und eines deutschen Vaters, sitzt in der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon, wo er zur Schule geht. "Vor allem früher war das so. Ich habe mich nirgendwo zu Hause gefühlt. In China war ich anders, und die Leute haben auch gesagt, dass ich anders aussehe. Dort war ich der Schweizer, und hier bin ich der Chinese." Diskriminierende Erfahrungen habe er sonst keine erlebt. Ähnlich beschreibt es Ava Ahmadi, Tochter einer russischen Mutter und eines iranischen Vaters. "Wenn, dann aufgrund meines Nachnamens. Es waren Fragen wie: 'Verstehst du das? Weißt du, was das bedeutet?', die sie mir gestellt haben", sagt sie über ihre früheren Klassenkameraden. Hingegen sagt Bowin Peng ohne zu zögern: "Ganz, ganz, ganz oft. Ich wurde in der Primarschule sehr oft verprügelt. Ich war wie in so einem Film in einem Mobbingkreis." Peng ist der Sohn eines taiwanischen Paars. Alle drei jungen Menschen haben eine Gemeinsamkeit: Sie wuchsen zweisprachig auf.

Der 16-jährige Valentin wurde in der Schweiz geboren und besucht China von Zeit zu Zeit. "Wenn wir zu dritt sind, mein Vater, meine Mutter und ich, sprechen wir partiell Schweizerdeutsch und manchmal Hochdeutsch. Wenn ich nur mit meinem Vater spreche, spreche ich Hochdeutsch. Rede ich nur mit meiner Mutter, dann auf Mandarin oder Hochdeutsch." Auch wenn Valentin zwischen den Sprachen täglich hin und her wechselt, klagt er nicht über die Gefahr, die Sprachen zu vertauschen.

Ava ist an derselben Schule wie Valentin. Auch sie ist 16 Jahre alt. Für sie und ihre Familie bot sich Deutsch als Ausweichsprache an. Ihre Eltern, beide verschiedensprachig, haben sich in einem Studentenheim in Bern kennengelernt. Sie verständigten sich schon damals ausschließlich auf Deutsch. "Mit meinem Vater sprach ich zuerst Persisch und mit Mama nur Russisch", sagt sie. Den Bezug zum Persischen habe sie leider verloren, und sie bezeichnet sich daher nicht als dreisprachig.

Bowin ist 20 Jahre alt, gebürtiger Taiwaner und Maturand desselben Gymnasiums wie Valentin und Ava. "Meine Eltern sind beide Immigranten aus Taiwan. Deshalb ist ihre Muttersprache Mandarin, und sie sprechen mit mir auch Mandarin. Als ich noch klein war, überlegten sie, ob sie es versuchen sollten, mit mir Deutsch zu sprechen. Ein bisschen Deutsch konnten sie. Sie realisierten aber, dass ich wahrscheinlich mit Sprachfehlern aufwachsen würde, wenn sie dies täten." Bowin wurde in der Schweiz geboren und wuchs ab und an bei Pflegemüttern auf, um seine Sprachkenntnisse in Deutsch zu verbessern. Den größten Teil seiner Kindheit verbrachte er jedoch bei seinen Eltern und wuchs bis zum Kindergartenalter primär mit Mandarin auf. Heute könne er die Sprachen gut trennen. Das Einzige, was bei ihm konstant auf Mandarin sei, sind Zahlen und Fluchwörter.

Bowin spielt zwei Instrumente: Klavier und Cello. Schon früh habe er sehr viel Zeit dafür investiert. Er war bei vielen Wettbewerben und stand oft auf dem Podest. "Ich habe sehr viel dafür gemacht. Auf der Schwelle zwischen national und international habe ich dann aufgehört. Schlussendlich hängt es nicht nur davon ab, wie viel du übst, es hängt genauso davon ab, wie effizient man mit der Zeit umgeht." Seiner Meinung nach halfen ihm seine zwei Muttersprachen ein wenig beim Erlernen der Instrumente.

Laut der Arbeit "Sprach- und Musikverarbeitung bei Kindern: Einflüsse musikalischen Trainings" von Sebastian Jentschke und Stefan Koelsch sind sprachliche und musikalische Strukturverarbeitung eng miteinander verknüpft; ihnen liegen ähnliche neuronale Prozesse zugrunde. Auch Ava spielt zwei Instrumente: Klavier und Geige. Sie ist Violinistin in einem Jugendorchester, hat viele Auftritte hinter sich und durfte mit ihrem Jugendorchester auf Tournee nach Südkorea. "Beim Spielen macht man mit beiden Hirnhälften etwas anderes. Es kann schon sein, dass die Leistung deshalb ansteigt, aber ich weiß zu wenig darüber Bescheid", sagt sie.

Die meiste Zeit des Tages spricht Valentin Deutsch und denkt daher auch primär auf Deutsch. Früher hatten er und sein Bruder täglich ein festes Ritual. "Wir lasen immer eine halbe Seite von einem Buch oder von einer Zeitung und lernten ein neues Wort auf Mandarin." Heute sei es leider zu stressig für ihn und seinen studierenden Bruder, dies tagtäglich zu tun. "Mandarin ist besonders im letzten Jahrzehnt aufgekommen. Wenn man da schon so eine Zweitsprache hat, ist das von großem Vorteil. Man muss sie nicht mehr lernen, man wuchs halt damit auf. Teilweise kann es einem auch weiterhelfen", findet Bowin. "Vor einem Jahr habe ich ein Praktikum in der Notaufnahme in einem Spital gemacht. Dort haben wir tatsächlich Patienten gehabt, die fast kein Deutsch konnten, sondern Mandarin sprachen. Die Ärzte haben mich dann angeschaut und gefragt, ob ich das verstehe. Ich konnte es verstehen. Das war von großem Vorteil. Ich war zwar sehr nervös, aber schlussendlich ist alles gut gelaufen", sagt Bowin und lächelt.

Auch Ava empfindet das bilinguale Aufwachsen als Nutzen. Vor zwei Jahren musste sie ein Schwerpunktfach wählen. Sie entschied sich für Latein, das sich nun als Vorteil herausstellt. "Ich kann mehr Sachen miteinander verknüpfen, und es hilft enorm bei den Altsprachen. Russisch hat viele Begriffe aus verschiedenen Sprachen aufgenommen. Es ergibt sich wie ein Puzzle", sagt sie lächelnd.

"Ich bin wie mit einem Bonus geboren worden. Ich könnte theoretisch einfach nach China gehen und mich dort mit den Menschen verständigen", meint Valentin und streicht sich durch die schwarzen Haare, die bis zu seinen Wangen reichen. "Wenn ich jetzt nicht mit den zwei Sprachen aufgewachsen wäre und Mandarin neu lernen müsste, wäre das viel zu kompliziert, bräuchte viel zu viel Energie, und ich müsste zu viel Zeit darin investieren."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2024, Nr. 1, S. 30 - Ana-Julia Hürlimann Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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