Orgelbauer Jörg Stegmüller entlockt den Königinnen der Instrumente alte und neue Klänge
Ein schlichter Schrank aus amerikanischem Kirschbaumholz steht in der Werkstatt von Jörg Stegmüller in Wilhelmshorst südlich von Potsdam. Wenn er ihn an den Strom anschließt und Atemgeräusche erklingen, wird klar, dass es kein Kleiderschrank ist: Öffnet man seine Türen, strahlen einem die Pfeifen einer neugotischen Orgel entgegen. "Es ist mein Meisterstück", sagt der Orgelbauer. 2000 Stunden baute er daran, man brauche viel Geduld. Musikalität und handwerkliches Geschick seien auch von Vorteil. Es wird unter anderem gesägt, gehobelt, gelötet, gestimmt und intoniert. Nach der kleinteiligen Arbeit fließt schließlich Luft durch die Pfeifen und erzeugt schillernde, warme, hohe und tiefe Töne. Denn Orgeln verfügen nicht nur über eine Vielzahl an Klangfarben, sondern sie haben auch das größte Tonspektrum aller Instrumente.
Man kann heute nicht unbedingt bessere Orgeln bauen, "aber Maschinen erleichtern die körperlich anstrengende Arbeit", erklärt Stegmüller. Er trägt eine blaue Arbeitsschürze - passend zum strahlenden Himmel. Ein leichter Wind weht. Den braucht man auch in einer Orgel. Im Barock, der Blütezeit der Orgel, waren dafür noch Menschen, sogenannte Kalkanten, verantwortlich. Ihre Aufgabe war es, die Blasebälge zu treten. Heute pusten große Windmaschinen Luft durch die Pfeifen. Für einen Orgelbauer gehört der Blick in die Vergangenheit zum Berufsalltag. Kaum ist der Dreck aus einer alten Orgel geholt, folgt der Gang ins Archiv. Die Geschichte des Instrumentes zu verstehen ist bei der Restaurierung unerlässlich.
"Es macht unglaublich viel Spaß, wenn du etwas in der Orgel siehst und dich dann fragst: Wie kann das sein? Was ist verändert worden?" Der Neugotik-Liebhaber nimmt vor allem Restaurierungen und Reparaturen vor, er ist als eine Art Arzt für Orgeln tätig. "Manchmal habe ich das Glück, dass eine Oma auf die Empore kommt und sagt: ,Früher, als ich Konfirmandin war, klang das Instrument genau so.' Das ist eine schöne Belohnung für die Arbeit." Wenn der 59-Jährige auf besonders alte Orgeln stößt und Nachforschungen betreibt, ähnelt seine Arbeit der eines Archäologen. Er gräbt Klänge aus, die mithilfe der Instrumente konserviert wurden. Weil Schall und Rauch so flüchtig sind, ist das eine der wenigen Möglichkeiten, in die Vergangenheit zu hören. Bei den Reparaturen ist er schon einmal auf ein Fuchsskelett gestoßen. Verendete Marder, Fledermäuse und vor allem Vögel sind keine Seltenheit. "Die pesen tagelang durch die Kirche und setzen sich, wenn sie schlapp sind, auf die längste Pfeife. Wenn sie dann kraftlos reinfallen, haben sie auch keine Chance mehr rauszukommen. Das ist immer wieder tragisch." Ab und zu schlüpft der Orgelbauer in die Rolle des Künstlers, zum Beispiel, wenn er sich an seine große Zeichenmaschine setzt und an Entwürfen tüftelt. Er hat auch die Orgel für die Michendorfer Kirche entworfen. Sonne und Mond aus bemaltem Holz, die auf der Orgel thronen und rotieren können, eine Kuckucksstimme sowie die Möglichkeit hineinzuschauen: "Das Instrument versucht Kinder möglichst früh anzulocken."
Vor fünf Jahren nahm er am Maus-Türöffner-Tag, einem WDR-Projekt teil, und erklärte jungen Besuchern, wie er die Orgel restauriert hatte. "Orgelbauer haben immer weniger Nachwuchs, dabei ist das ein total schöner Beruf." Allerdings schränkt die Kälte mit zunehmendem Alter körperlich ein. Oft muss er in kalten Kirchen arbeiten. Würde man sie heizen, würden sich die Pfeifen ungleichmäßig erwärmen, und ein Stimmen wäre unmöglich. Menschen, die liebevoll für ihn die Kirche heizen, erweisen ihm damit einen Bärendienst. Auch im Keller seiner Werkstatt ist es kühl. In Kombination mit einer hohen Luftfeuchtigkeit sind das optimale Bedingungen zum Restaurieren.
An Werkzeug fehlt es nicht. Ob Kreissäge, Hobelmaschine oder Bandsäge: Das gestapelte Holz wird bald in neue Formen gebracht, wie der Holzduft verrät. Ein gelber Gehörschutz hängt an einem Regal. Wichtig sind auch die fünf verschiedenen Staubsauger mit guten Abluftfiltern. Staub fällt mehr als genug an, und er soll auf keinen Fall in die Pfeifen oder die "Lunge der Orgel", die Windlade, kommen. Zahlreiche Werkzeuge für die Metallbearbeitung finden ebenso Platz in der Werkstatt, die Stegmüller selbst entworfen hat. Mit wenigen Handgriffen klopft er Beulen aus einer Metallpfeife. Durch die breiten Fenster blickt man auf die Wildblumen im Garten. An eine Espressomaschine ist ebenfalls gedacht. "Die ist vom Chef." Er schmunzelt. Das ist er selbst. "Ich bin in der Selbständigkeit genau richtig aufgehoben."
Obwohl er mitunter bis zu 80 Stunden wöchentlich arbeitet. Oder für zehn Minuten Arbeit 130 Kilometer Fahrtweg in Kauf nimmt. Manchmal mit dem Fahrrad. Sein aktuelles Herzensprojekt kann er direkt in seiner Werkstatt in Wilhelmshorst angehen. Feine Ornamente schmücken die Orgel von 1712. "Es ist traumhaft, dass vieles im Originalzustand ist." Das Schmuckstück fiel vermutlich dem Vandalismus der Hitlerjugend zum Opfer und war lange nicht bespielbar. Seit drei Jahren kümmert sich Stegmüller um die Kapellenorgel. "Ich könnte mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Wenn dann so ein Instrument wieder steht und spielt, das ist ein extrem schönes Gefühl."