Stets 'ne Runde weiter

Champions-League: In der Fankneipe Casa FC Porto lassen die Anhänger dem Ball, Bier und ihren Emotionen freien Lauf.

 

Kurz vor 19 Uhr. Es ist bereits dunkel, und in der Nacht wird es kalt am Fluss Douro im Fischerdorf Afurada in Vila Nova de Gaia. In der Rua António dos Santos riecht man noch den Duft von gegrilltem Fisch und Meer. Man hört ein paar Leute reden und Kinder spielen. Vor einem hellblauen Haus, das nachts dunkelblau erscheint, stehen leere Stühle und Tische. Es ist ein Februarabend. Über der Sonnenmarquise steht der Schriftzug "Casa Futebol Clube do Porto Dragões Afurada", an der Hauswand ist ein Schild angebracht, auf dem "Casa F.C. Porto" und "Dragões da Afurada 19/02/2005" zu lesen ist.

19. Februar 2005: Das ist das Eröffnungsdatum des Hauses FC Porto in Afurada, das am 15. Mai 2009 von Jorge Nuno Pinto da Costa, dem Präsidenten des FC Porto, offiziell eingeweiht wurde.

Vítor Rola und João Santos, der Vorsitzende und der Vizepräsident des Hauses, kennen sich schon seit vielen Jahren, da sie Straßenfreunde sind. Angefangen hat alles, sagen beide, weil es in Afurada, einem Viertel mit vielen FC-Porto-Anhängern, kein einziges Haus des FC Porto gab. Erst als Vítor Rola, der das Haus seiner Großeltern geerbt hatte, den unteren Teil mietete, bekam der FC Porto eine Bleibe an der Douromündung. Und so war die Casa FC Porto in Afurada geboren. Draußen ist es still, drinnen tönen Lachen und Gespräche, der Klang der Getränkeautomaten und des Fernsehers.

In Blau gestrichen, die Farbe des Vereins, fallen die unzähligen Bilder und Fotos an den Wänden ins Auge: eines mit Pinto da Costa und den vom Verein gewonnenen Pokalen, ein anderes vom Dragão-Stadion in Porto, ein weiteres von einem alten FC-Porto-Spiel. Das Symbol des Vereins sticht hervor, es ist eingerahmt, daneben ein Bild der aktuellen Besitzer in Vereinskleidung. Alles ist voller Gegenstände, die auf den Verein verweisen, wie Tassen in Blau-Weiß und das Maskottchen in Miniatur.

Vor allem aber sticht der Dragão de Ouro 2009/2010, "der Goldene Drache", hervor, eine besondere Auszeichnung, die an Personen und Institutionen verliehen wird, die sich bei der Förderung des FC Porto hervorgetan haben. Er befindet sich vor der Wand, durch Glas geschützt. An einem Tisch vor der kleinen Getränketheke sitzen fünf Menschen, die gespannt auf den Beginn des heutigen Spiels warten. Kurz vor 20 Uhr betreten die Spieler das Feld, und die Champions-League-Hymne wird gespielt. Das ist alles, was man in dem kleinen Raum hört. Alle schweigen, ihre Augen sind auf den Fernseher gerichtet. Und dann beginnt das Spiel.

1'04'': Bastoni und Pepê rennen um den Ball, wobei Pepê jammernd zu Boden fällt. In dem kleinen Raum hört man schon die Kommentare der Fans, die ihre Mannschaft verteidigen: "Das ist ein Foul! Hey, Scheiße!" Durch Beschimpfungen oder stärkere Ausdrücke lassen sie ihre Wut, ihren Stress und ihre Nervosität heraus, tun so, als ob sie einen Freund verteidigen würden. Sie greifen nach der Bierflasche und lehnen sich entnervt in ihrem Stuhl zurück, um sich zu beruhigen. Sie unterhalten sich über das Spiel und die verschiedenen Spieler der einzelnen Mannschaften und kommentieren, wie sie spielen.

6'57'': Barella mit dem Ball am Fuß kommt dem portugiesischen Tor immer näher, jede Sekunde näher. Im Café lehnen sich die Körper nach vorn, die Fans sprechen lauter, werden aufgeregt und nervös. Doch als Bernardo Folha, Portos Mittelfeldspieler, den Spielzug abfängt und den Ball sofort zu Grujic weiterleitet, beruhigen sich die Fans, da sie keine Gefahr mehr sehen. Wenige Minuten später ertönen Fangesänge von der Tribüne. Auf den Gesichtern der Fans im Raum zeigt sich ein breites Grinsen, von Ohr zu Ohr, die Augen zeigen kleine Fältchen der Rührung. Sie lachen und fangen an, vor dem Fernseher stolz mitzusingen. Immer hört man das Wort "wir", wenn sie über die Mannschaft sprechen. "Wir", ein normales Pronomen, das aber ihr Zusammengehörigkeitsgefühl, ihre Verbundenheit mit der Mannschaft zeigt. Alles, was die Mannschaft fühlt, fühlen auch die Fans hier.

"Wir leiden, wenn Porto schlecht spielt und nicht gewinnt. Wir fühlen das als eigene Schwäche", sagt einer der Männer im Café, mit großen leuchtenden Augen. Das Spiel geht weiter. Sie reden miteinander, als wären sie die besten Freunde. Sie lachen und schreien, erzählen Witze und diskutieren, als wären sie eine große Familie. Als Diogo Costa, Portos Torwart, einen schwierigen Schuss von Çalhanoglu abwehrt, klatschen sie in die Hände und sagen, sie hätten "den besten Torwart der Welt".

Nach viel Nervosität, Stress, Geschrei, Erschrecken, Kommentaren und Ereifern kommt die fünfzehnminütige Halbzeitpause. Aufgeregt beginnen sofort Gespräche über das Spiel und über alles, was damit zusammenhängt.

Das Champions-League-Spiel, auch wenn es nicht als sehr wichtig angesehen wird, konnte die Fans bewegen und ihre Emotionen wecken. Die Spiele, die sie als Höhepunkte empfinden, sind jedoch die nationalen Spiele, insbesondere das zwischen Benfica und Porto. Auf die Frage nach der Rivalität zwischen den beiden Vereinen und warum sie sich für Porto entscheiden, antworten sie: "Es ist unsere Stadt, die Invicta-Stadt - die Stadt der 'Unbesiegten', wie sich Porto aufgrund geschichtlicher Ereignisse selbst nennt. Wer vom Norden kommt, liebt den Norden." Sie erzählen auch, dass Benfica früher der Verein des Regimes war,vor allem vor dem 25. April 1974, der Nelkenrevolution. Zu dieser Zeit war der FC Porto nicht sehr bekannt. Mit dem Amtsantritt von Pinto da Costa als Präsident änderte sich die Lage. Der Verein wuchs und wuchs und wurde zu einer der stärksten und erfolgreichsten Mannschaften Portugals. Kurz darauf startet die zweite Halbzeit des Spiels. Und damit starten auch wieder die angeregten Unterhaltungen, die nervösen Reaktionen, wie das Klatschen der Hände auf den Tisch und das Wackeln der Beine.

54'14'': Die Spieler von Porto nähern sich dem Mailänder Tor. Die Augen der Fans folgen starr dem Geschehen, ohne jemals den Blick vom Fernsehen zu wenden. Und dann: Erster Schuss! Zaidu schießt, der Schuss wird von einem Milan-Spieler "gerettet". Die Zuschauer sitzen gespannt auf dem Stuhlrand. Zweiter Schuss! Zaidu schießt wieder, der Schuss wird dieses Mal von Milan-Torwart Onana festgehalten. Die Fans erheben sich leicht, mit angezogenen Knien. Dritter Schuss! Dieser kommt von Taremi, und er wird wieder von Onana abgewehrt. In diesem Moment sind die Zuschauer schon auf den Beinen, die Hände auf dem Kopf gefaltet und die Münder offen, ungläubig darüber, was geschehen ist. Das Spiel geht weiter, die Emotionen kochen hoch. Manche reagieren nervös, wie in der 73. Spielminute, als Taremi einen Fehlschuss auf das Mailänder Tor macht. Einer der Fans hält nervös den Atem an, verzieht das Gesicht, schlägt die Hände an den Kopf und schließt die Augen. Mit zusammengebissenen Zähnen wendet er seinen Kopf wieder dem Bildschirm zu, ein paar Sekunden später ist er entspannter.

Minuten später ist der Stress wieder da. Otávio erhält nach einem Foul an Çalhanoglu seine zweite Gelbe Karte und damit Rot. Im Raum hört man Diskussionen und Sätze wie "ich wusste, dass das passieren würde" und "was jetzt?". Kurz zuvor, als Otávio die erste Gelbe Karte erhalten hatte, wurden die Fans schon nervös, weil sie das Gefühl hatten, dass es nicht dabei bleiben würde. Und so war es auch.

Doch es geht weiter, das Spiel wird unruhiger, die Fans werden nervöser, denn die Mannschaft hat einen wichtigen Spieler verloren. Und in Minute 85'15'' ändert sich die Atmosphäre komplett. Lukaku trifft mit dem ersten Schuss die Torlatte, dann mit dem Nachschuss das Tor von Porto: 0:1.

Im Raum wird es still. Die Fans sind traurig, enttäuscht. Einige trinken ihr Bier leer, starren auf den Tisch, spielen mit den Kronkorken und schauen auf ihre Füße. "Scheiße", sagte einer. Am Ende schoss der FC Porto kein Tor, und so blieb es beim 0:1 für Inter Mailand.

Schnell lachen sie wieder und sagen, dass Porto trotz der Vorkommnisse gut gespielt habe, und das mache sie glücklich. Dass sie während des Spiels von anderen FC-Porto-Fans umgeben waren, ist ihnen wichtig. "Ich könnte das Spiel auch zu Hause ansehen, aber ich wollte hierherkommen." Alle sagen, dass die Atmosphäre hier etwas ganz anderes ist. "Man könnte sogar meinen, ich sei mit diesen Jungs schon seit Jahren befreundet, aber nein. Ich bin zum ersten Mal da", meint einer. Die Nacht ist dunkler geworden, der Fischgeruch schwächer.

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2023, Nr. 276, S. 26 - Leonor Resende, Deutsche Schule zu Porto

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