Marie-Christin Zeisset begeistert Jugendliche für den Stepptanz
Schon von Weitem sind die hölzern-metallischen Klänge und die rhythmische Musik aus dem kleinen Berliner Tanzstudio zu hören. Marie-Christin Zeisset, eine schlanke, dunkelhaarige, 52-jährige Frau, gibt mit kräftiger Stimme Anweisungen. Vier junge Leute im Alter von 15 bis 21 Jahren nehmen am Unterricht teil. Sie bewegen ihre Füße gemäß den angesagten Schritten: Zum Beispiel tippen sie nur mit der Fußspitze auf, was "toe" genannt wird, oder sie setzen die Hacke ab, was als "heel" bezeichnet wird. Alle tragen Schuhe mit Metallplatten unter der Sohle, mit denen die Töne auf dem Parkettboden erzeugt werden. Konzentriert schauen sie auf ihre Lehrerin und in den großen Wandspiegel, in dem sie ihr Abbild kontrollieren können. Die Musik verstummt, die Gesichter entspannen sich, alle lächeln. Die Tanzpädagogin lobt ihre Schüler, von denen sie manche seit dem Grundschulalter unterrichtet. Die Schülerin Leoni Eberl sagt: "Am Stepptanz gefällt mir besonders, dass es eine freie Tanzart ist. Durch die Choreographien hat man die Möglichkeit, sich selber auszudrücken. Und ich habe nach jeder Steppstunde immer bessere Laune als davor."
Stepptanz fördert die Motorik, die Koordination und den Gleichgewichtssinn. Außerdem werden Kondition, Gedächtnis und verschiedene Muskelgruppen trainiert. "Kinder toben sich aus und eifern ihren Vorbildern nach, Jugendliche kann man technisch wie körperlich richtig fordern, Menschen im Seniorenalter freuen sich über kleine Choreos auf schöne Musik", sagt Marie-Christin Zeisset. Mit neun Jahren begann sie, Ballett zu trainieren, was sie 14 Jahre lang intensiv betrieb. Zum Stepptanz kam sie nach dem Abitur: "Ich mochte diese alten Filme mit Fred Astaire und Ginger Rogers. Eine Ballettfreundin hat mich dann zu einer Hobby-Steppklasse mitgeschleppt. Da ist der Funke sofort übergesprungen, und ich habe mich entschieden, mit einer professionellen Stepptanzkarriere zu beginnen." Nach der Ausbildung bei international tätigen Stepptanzlehrern wie Pascal Hulin, Andreas Dänel und Sam Weber folgten Meisterklassen in den USA. Zeissets eleganter Tanzstil wurde durch ihr großes Vorbild, Eleanor Powell, geprägt, die 1935 den Titel "Weltmeisterin im Stepptanz" erhielt. Begeistert war Zeisset zudem vom Gastspiel des Musicals "Black and Blue" in Berlin in den 1990er-Jahren, wo sie Bunny Briggs steppen sehen konnte: "Er schien mit unglaublicher Leichtigkeit über die Bühne zu schweben und gab die feinsten und schnellsten Töne von sich, die ich je gehört hatte." Im Lauf ihrer Karriere ist Zeisset in 29 Ländern auf drei Kontinenten aufgetreten und gehörte zur American Tap Division von "Magic of the Dance", der berühmten Irish Dance Show. In der Weihnachtsshow "Jingle Bells" im Berliner Friedrichstadtpalast trat sie als Steppsolistin auf. Die meisten ihrer Kostüme hat sie selbst entworfen und geschneidert.
Neben den Auftritten war ihr das Unterrichten immer wichtig. "Ich habe schon im Kindergarten den anderen Kindern gerne etwas beigebracht. Mit 13 Jahren habe ich dann das erste Mal eine Ballettklasse aushilfsweise unterrichtet." 2003 übernahm Zeisset die Stepptanzschule von einem Kollegen. Obwohl sie mit ihrer Tanzschule mehrmals umziehen musste, behielt die Leiterin ihre fröhliche Grundeinstellung. Sie freut sich, dass ihre treue Schülerschaft zum jeweils neuen Standort des Studios kommt. So wie Lola Witzmann: "Ich finde Stepptanz an sich schon großartig, weil es eine wunderbare Kombination aus Musikalität und Technik ist." Zeisset sagt: "Das Tanzen verbindet uns und schafft diese wunderbare Gemeinschaft, die ich gerne als 'Tap-Family' beschreibe. Ich liebe es, wenn wir generationsübergreifend auftreten, zum Beispiel bei unserer jährlichen Weihnachtsshow im Café Theater Schalotte in Berlin-Charlottenburg."
An der Universität der Künste in Berlin bringt sie Studenten im Fachbereich "Musical" grundlegende Schritte und die Geschichte des Stepptanzes bei. Diese Tanzart hat ihre Wurzeln in den 1830er- Jahren in Amerika, verschiedene ethnische Gruppen kamen zusammen, und es entwickelte sich ein eigener Stil, der zusammen mit dem Jazz Anfang des 20. Jahrhunderts eine Blütezeit erlebte. Tänzer wie Bill "Bojangles" Robinson, der als Vater des modernen Stepptanzes gilt, und später Gregory Hines waren in Shows am Broadway zu sehen. In Deutschland wurde der Stepptanz so populär, dass Tanzschulen ihn in ihr Programm aufnahmen.
Zeisset etablierte sich 2001 als Assistentin und Trainerin im Friedrichstadtpalast Berlin. Sie choreografierte Filme mit Hannelore Elsner und Lars Eidinger sowie Musikvideos für Annett Louisan, Rosenstolz und Wir sind Helden. Die Zahl der Theaterproduktionen, bei denen ihr Name als Choreografin genannt wird, ist lang: "Singin' in the Rain", "Me and My Girl", "Frau Luna", "Jesus Christ Superstar", "Follies" und "Lady in the Dark".