In Stäfa in der Schweiz stieß der Schriftsteller auf die Geschichte von Wilhelm Tell - und gab sie an seinen Freund Schiller weiter.
Einer der ersten Popstars ist Goethe gewesen", sagt Lukas Germann zur bis heute andauernden Starrolle von Johann Wolfgang von Goethe. Vor allem mit seinen "Die Leiden des jungen Werther" wurde er quasi über Nacht in ganz Europa bekannt. Der knapp 50-jährige Lukas Germann arbeitet als Kurator der Lesegesellschaft der Gemeinde Stäfa am Zürichsee und stellt alle halbe Jahre eine neue Ausstellung auf die Beine. Er ist das Gegenteil von einem alten, verkopften Goethe-Griesgram. Mit schwarzen Turnschuhen und einem festen Handschlag begrüßt er zu einer privaten Führung und führt mit schnellem Schritt die Treppe hoch. An einem Tisch erklärt er seine Aufgabe im Museum, und seine Offenheit und ein gelegentliches Lachen kommen dabei nicht zu kurz.
Vor gut 225 Jahren hatte Goethe Stäfa besucht. Deshalb hat Germann die Ausstellung "Goethe in Stäfa" im Ortsmuseum "Haus zur Farb" kreiert, zusammen mit der Szenographin Barbara Pulli. Bei der Vernissage im Mai war der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Michael Flügger, anwesend. Sobald man das Haus zur Farb betritt, wird man vom Goethefieber befallen. Da das Haus bereits existierte, als Goethe im Herbst 1797 in Stäfa war, kann man sich hier gut in Goethes Zeit versetzen. "Die Ausstellung hat keinen Anfang und kein Ende, man soll die Räume für sich selbst entdecken", sagt der Kurator. Mit Absicht wollte er keine einheitliche Ausstellung mit rotem Faden. Die Besucher sollen sich nach Lust und Laune in einzelne Themen vertiefen können. "Es ist schwierig gewesen, sich für nur vier Themen zu entscheiden und mich von unzähligen nicht umgesetzten Ideen zu verabschieden."
Um die "alte Küche", das Herzstück des Museums, in die Ausstellung zu integrieren, wurde sie in eine Art Hexenküche umgewandelt. Sie zeigt Goethes Liebe zu Natur und Alchemie und stellt zugleich die Hexenküche aus Goethes Werk Faust I dar. In ebendieser Küche erläutert Germann enthusiastisch sein Wissen über Goethes Denkweise: "Goethe hat sich zu bestimmten Zeiten seines Lebens eher als Naturforscher statt als Schriftsteller gesehen." Ebenfalls erzählt er nickend, was seine braunen Kruselhaare wippen lässt: "Durch den heutigen Stand der Wissenschaft lässt sich vieles logisch erklären, doch dabei ging ein gewisser Zauber verloren." Denn vieles, was man zu Goethes Zeiten als Zauberei angesehen hat, erklären wir heute wissenschaftlich.
Da Goethe stets auf der Suche nach neuen Ideen war, stieß er in einer Bibliothek auf das Chronicon Helveticum, eine von Aegidius Tschudi verfasste Chronik der Eidgenossenschaft, geschrieben in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Dort fand er die Geschichte von Wilhelm Tell. Die Bibliothek gehörte der Lesegesellschaft Stäfa, die 1793, vier Jahre vor Goethes Besuch, gegründet worden war und die Landbevölkerung bilden sollte. Noch heute betreibt die Lesegesellschaft eine Bibliothek und organisiert kulturelle Events in Stäfa, wie diese Ausstellung. Lukas Germann betont, dass die in der Ausstellung gezeigte Version des Chronicon Helveticum original aus Goethes Zeit stammt. Am 14. Oktober 1797 schrieb Goethe aus Stäfa an Schiller: "Was werden Sie nun aber sagen wenn ich Ihnen vertraue daß, zwischen allen diesen prosaischen Stoffen, sich auch ein poetischer hervorgethan hat, der mir viel Zutrauen einflößt. Ich bin fast überzeugt, daß die Fabel vom Tell sich werde episch behandeln lassen."
Wilhelm Tell ist der Nationalmythos der Schweiz. Ein gutes Jahr vor seinem Tod veröffentlichte Schiller 1804 dieses Drama, das zu einem Welterfolg wurde. Unter Goethes Regie fand die Uraufführung am 17. März 1804 in Weimar statt. Im Museumsraum, der der Tell-Thematik gewidmet ist, hat Germann einen verzerrten Spiegel aufgestellt. "Die Besucher sollen sich in diesem verschwommenen Spiegel ihre eigene Meinung zum Schweizer Nationalmythos machen können." Es ist der Lesegesellschaft und speziell Lukas Germann gelungen, "mit begrenzten finanziellen Mitteln", aber nahezu unbegrenzter Kreativität Goethes Aufenthalt in Stäfa zum Leben zu erwecken. Ihm zu Ehren existieren hier im Ort ein Goetheweg, ein Goethebänkli und sogar ein Goethezentrum. "Goethe hat in Stäfa Spuren hinterlassen, aber auch umgekehrt", das Zitat der Präsidentin der Lesegesellschaft, Romy Arnold, zur Vernissage bewahrheitet sich beim Rundgang.