Und nicht die Mädchen, die gehen zur Schule.
Strahlende Gesichter blicken dem Zuschauer entgegen. Klobige Schulbänke wurden nach draußen getragen. Die ganze Ititu Primary School, ungefähr 300 Schulkinder von der ersten bis zur achten Klasse inklusive Lehrern, Köchinnen und Direktor, haben sich zwischen den beiden langen Flachbauten versammelt, um den Besuch der Mitglieder des Vereins "Wasser für Kenia e. V." aus Deutschland zu empfangen. Die Region Ititu liegt im südlichen Kenia, etwa 100 Kilometer südöstlich von der nahe am Äquator gelegenen Hauptstadt Nairobi entfernt. Die in grün-türkiser Uniform gekleideten Schulkinder kommen aus den umliegenden Dörfern und stehen vor einem großen Wassertank. Diese gemauerte Regentonne mit Dach ist das Herzstück der Schule und der Grund für die Versammlung. Kenia leidet unter extremer Dürre, und der von den Müttern der Schüler selbst aufgebaute Tank speichert 50 Kubikmeter Wasser aus den Regenzeiten.
Almut und Christoph Stein sitzen inzwischen wieder zu Hause in Wolfsburg an ihrem Wohnzimmertisch. Vor dem Gründerehepaar liegt ein Klimadiagramm Kenias. "Hier, zwischen Mai und Oktober, fällt fast kein Regen. Das ist die große Trockenzeit", erklärt Christoph Stein. In den zwei Regenzeiten gibt es allerdings umso mehr Niederschlag, im November und Dezember jeweils über 100 Liter pro Quadratmeter. "Wenn der Regen in diesen Zeiten gesammelt und dann gespeichert wird, reicht das Wasser auch für die ganze Trockenzeit."
Nicht nur mit Infografiken informieren die fast 80-Jährige und ihr 81-jähriger Ehemann über ihre Projekte. Auch mittels einer VR-Brille und 360-Grad-Aufnahmen von Kenia präsentiert der Verein "Wasser für Kenia" sein Schaffen Schülergruppen in Braunschweig und Umgebung. 15 Minuten lang kann man dem weißhaarigen Ehepaar virtuell auf einem ihrer Besuche in Ititu folgen. Die Größe des Wassertanks lässt sich gut abschätzen, da eines der Schulmädchen neben dem Tank steht: Der gemauerte Speicher ist über zwei Meter hoch und überragt die Schülerin. Dank des großen Fassungsvermögens müssen die Mädchen in den Trockenzeiten keinen Unterricht mehr verpassen. "Traditionell holen die Mädchen in Kenia das Wasser. Oft müssen sie während der Schulzeit einen nicht selten 20 Kilometer langen Fußweg auf sich nehmen und verpassen dadurch im Verhältnis viel mehr Unterricht als die Jungen. Deswegen haben sie auch einen Nachteil in der Schule", klärt das rüstige Rentnerpaar auf. "Die ursprüngliche Idee zur Gründung der Initiative und später des Vereins ist, dass den Mädchen bessere Chancen in der Schule und damit auch im späteren Leben gegeben werden." 2009 fand sich durch einen Vortrag der Steins erstmals eine Gruppe Gleichgesinnter zusammen. Anfangs kooperierten sie noch mit der Welthungerhilfe. Finanziert werden die jeweils 50 Kubikmeter fassenden, rund 10.000 Euro teuren Tanks hauptsächlich durch Spendenläufe an Schulen. Vor allem Schüler von Gymnasien in Braunschweig und Wolfsburg joggen für den guten Zweck. Neun der 36 gebauten Wassertanks wurden von Schulen außerhalb der Region aus Niedersachsen, vom Ulrichsgymnasium Norden bis zum Theodor-Heuss-Gymnasium Göttingen, und aus Hamburg gefördert.
Die Steins präsentieren stolz viele große, bunte Fotos von strahlenden Schulkindern, Müttern und Lehrern. Seit den 1970er-Jahren fliegen die beiden ehemaligen Lehrer im Zweijahresrhythmus in die Nähe des Äquators. "Wenn man erst mal in Afrika war, will man immer wieder hin", sagt Almut Stein mit lachenden Augen. "Die Menschen in Kenia sind sehr gastfreundlich und fröhlich. In Afrika muss Neues erst ausgiebig im Gemeinderat diskutiert werden, bis auch wirklich der oder die Letzte überzeugt ist." Auch über den Bau eines Wassertanks wird in dieser Weise debattiert.
Der Verein arbeitet mit der Partnerorganisation "Anglican Development Services Eastern" zusammen. Sie hat ihren Sitz in Machakos auf dem halben Weg zwischen Nairobi und Ititu und sucht die zu fördernden Dörfer und Schulen aus. Sie stellt ihnen das Projekt vor. "Wir wollen nicht mehr die Europäer sein, die den Afrikanern etwas Neues aufdrängen, weil wir meinen, dass es gut wäre", sagt Christoph Stein klar. Für die Tanks werden nur das Material, die Transportkosten, die Bezahlung einiger weniger, meist kenianischer Experten sowie jeweils eine Mittagsmahlzeit verwendet. Den Aufbau übernehmen die 200 Mütter der Schulkinder selbst. Über Monate verrichten die Frauen schwerste Arbeit ohne maschinelle Hilfe. Selbst der Zement wird mit reiner Muskelkraft angerührt, und die Steine werden von Hand zu Hand weitergereicht. "Uns war klar, dass die alte Form der Entwicklungshilfe scheitert", sagt der ehemalige Erdkundelehrer. "Die Projekte von den 'weißen Elefanten', wie die Europäer oder Amerikaner dort auch genannt werden, waren Entwicklungsruinen. Wir wollen den Afrikanern keine Geschenke, sondern Hilfe zur Eigenverantwortung geben." Er betont: "Wir fördern nur diejenigen, die wirklich ihre eigene Umgebung verbessern wollen." Das Trinkwasser versorgt die komplette Trockenzeit über die 300 Schüler. Und 150 Mädchen haben die Chance auf ein besseres Leben.