Wo gehört man hin?

Zwischendrin: Zwei Mädchen, drei Kulturen

 

Die meisten Menschen, die in Deutschland leben, müssen sich über ihre kulturelle Identität keine Gedanken machen. Der größte Teil hat keinen Migrationshintergrund. Wie fühlt sich es aber an, wenn beide Eltern aus einer anderen Nation stammen? Oder je ein Elternteil aus einer anderen Nation? Wird man sich jemals zu einer Kultur komplett hingezogen fühlen? Eine Spurensuche zeigt: Es bleiben immer zwei Herzen, die in der Brust schlagen. Kommt man in das Zimmer von Lareen Gilgenbach-Koe-nen, so fällt einem nichts auf, das es von Räumen Gleichaltriger unterscheidet. Wären da nicht das Foto von ihrem Vater und die amerikanische Flagge an der Wand. Das ist allerdings nicht das Einzige, was Lareen an die Vereinigten Staaten erinnert. Die 18-Jährige besitzt einen amerikanischen und einen deutschen Pass. Sie ist in Deutschland geboren und wohnt bei ihrer Mutter in Wiesbaden. Ihr Vater lebt seit der Trennung der Eltern in Alabama, Lareens weiterem Wohlfühlort. Sie vermisst ihn täglich, wünscht sich, ihn häufiger sprechen zu können, und schwärmt: "Mein Vater ist wie mein bester Freund, ich lerne so viel von ihm." Traurig sagt sie: "Wobei der Abstand das echt nicht leichter macht." Die beiden trennen 7725 Kilometer Luftlinie und mit Glück bei der Buchung etwa 1000 Euro für einen Flug.

 

Anders sieht dies bei Hanna Rizvanovic aus. Die 18-Jährige lebt mit ihren Eltern, die aus Bosnien stammen, in einem Haus in Taunusstein. Ihre Eltern lernten sich in Bosnien kennen, zogen dann nach Deutschland, wo Hanna und ihr Bruder geboren und bosnisch großgezogen wurden. Sie kennt also hauptsächlich die bosnische Kultur aus ihrer Kindheit und kann sich gar nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, nur mit der deutschen Kultur aufgewachsen zu sein. Hanna kennt wesentlich mehr bosnische Kinderlieder als deutsche. Sie fühlt sich hier wohl, hat aber einige Erinnerungsstücke an Bosnien. Eine Jacke mit der Lilie der Bosniaken hängt in ihrem Schrank, im Auto baumelt eine kleine Flagge, auf der ebenso die Lilie ist.

 

Der Weg nach Bosnien wird mit dem Auto bewältigt und ist nicht ganz so kostspielig, um den Rest der Familie zu treffen. Hanna findet die bosnische Geschichte interessant und will jedes Mal, wenn sie dort ist, Neues darüber lernen. "Bosnien gibt mir ein Kindheitsgefühl, was ich von klein auf kenne und wo ich mich wohlfühle. Es fehlt etwas, wenn ich nicht da bin."

 

Wenn es um ihre Heimat in der Ferne geht, wird die sonst so lebhafte Lareen schnell leiser, ihre Stimme schwindet. Sie sucht oft die passenden Worte. Das liegt nicht zuletzt an den fehlenden Vokabeln. "Gefühle kann ich nur auf Englisch ausdrücken, alles andere fällt mir sehr schwer und ist teilweise auch unangenehm für mich", erklärt Lareen. Woran das liegt, kann sie sich selbst nicht erklären.

 

Nicht immer läuft der Alltag harmonisch ab. Wenn Lareen ausgeht, trägt sie immer die Angst mit sich, dass sie wegen ihrer Hautfarbe in Konflikte gerät. Lareen ist nämlich schwarz. Für sie ist es oft nicht so leicht, in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein. Sie kennt es, dass ihr die Menschen unterwegs Blicke hinterherwerfen oder sie lange anstarren. Sie entwickelt dadurch andere Perspektiven in vielen Alltagssituation. Das klingt für Außenstehende schrecklich, und man denkt, sich vorstellen zu können, wie unangenehm das sein kann, aber Lareen ist überzeugt: "Wenn man nicht in derselben Haut steckt, wird man Rassismus nie so empfinden können wie jemand, der schwarz ist."

 

Anders bei Hanna, der man äußerlich nicht ansieht, dass sie Wurzeln aus zwei Kulturen hat. Sie ist 1,74 Meter groß, hat braune, lange Haare und helle Haut. Sie seufzt erleichtert. "Zum Glück hatte ich keine Erfahrungen in dieser Hinsicht, jedoch kann ich mir das schon als sehr belastend vorstellen." Jährlich passieren laut dem Mediendienst Integration rund 9000 Übergriffe mit rassistischem Hintergrund. Hanna lebt lieber in Deutschland als in Bosnien. "Bosnien ist frisch aus dem Krieg heraus, der viele Spuren hinterlassen hat. Gerade die Spannungen zwischen den Kroaten, Serben und Bosniern verbessern die Situation nicht unbedingt. Die Leute, die dort leben, sind meistens arm und befriedigen nur ihre Grundbedürfnisse." Aber jeder Besuch dort sei immer wieder schön. Sie fährt mindestens einmal im Jahr zu ihrer Familie, um ihr Land weiter zu erkunden. Am Ende will sie dann kaum nach Deutschland zurück. In dem Moment wird auch sie stiller, sie flüstert: "Jedes Mal, wenn ich gehe, weine ich."

 

Lareens Pläne sehen auf jeden Fall ein Leben in den Vereinigten Staaten vor: "Ich würde mich einfach dem System dort anpassen und meinen Alltag danach umstrukturieren. Einer Zukunft dort stünde definitiv nichts im Weg." Das Leben, der Lifestyle, das Essen, die Menschen und das heimische Gefühl sind ihr nahe, und man merkt, dass ihr das Land am Herzen liegt. Sie kann es kaum erwarten, dort zu leben, und lacht: "Wenn ich könnte, würde ich sofort meine Koffer packen und losfliegen." Das Abitur erfolgreich zu absolvieren steht jetzt aber im Vordergrund.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2023, Nr. 91, S. 30 - Leonie Katzung, Friedrich-List-Schule, Wiesbaden

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