Zuerst wirken sie wie Fremdkörper

Ein Orthopädietechniker berichtet, wie mit Prothesen Menschen geholfen wird. Die Anpassung ist nicht leicht.

 

Geräusche von Maschinen und Werkzeugen ertönen aus den Werkstätten der Abteilung Orthopädietechnik im Zürcher Universitätsspital Balgrist. Hier werden Prothesen für Menschen angefertigt, die nach einem Unfall oder einer Erkrankung ein Körperteil verloren haben. Hauptsächlich werden Prothesen von Unter- und Oberextremitäten hergestellt. Im Bereich Bandagistik hilft man Menschen mit Verbrennungsanzügen. "Leute unterstützen und betreuen zu können, gerade dann, wenn sie ohne Gliedmaßen oder mit einer starken Verbrennung oder einem schweren Schicksal zu uns kommen und wir sie mit einer Maßanfertigung wieder ein Stück in den Alltag integrieren können, ist das, was meinen Beruf ausmacht", sagt Sergio Stefanelli, Leiter der Orthopädietechnik im Bereich Prothetik und Bandagistik.

 

Stefanelli koordiniert die Aufträge. Bei den Visiten besucht er mit dem Ko-Chefarzt die Patienten. Die Sprechstunden hält er ebenfalls selbst. "Ich habe mich schon immer sehr für Technik und die Anatomie des Menschen interessiert. Mein Beruf führt das schön zusammen. Schon immer fand ich es spannend, mit vielen verschiedenen Problemfällen zu tun zu haben. Wenn man ein lösungsorientierter Mensch ist wie ich, hat man das dementsprechend gerne", sagt der 46-Jährige. Nach seiner vierjährigen Lehre als Orthopädietechniker bildete er sich in der Prothetik, Orthetik und Reha-Technik weiter. Er wurde Führungsfachmann und machte eine Ausbildung mit dem Schwerpunkt Betriebswirtschaft in Chur. "Der Beruf basiert klar auf einer handwerklichen Tätigkeit, es ist wichtig, dass man gutes handwerkliches Geschick besitzt." Geht man den Flur entlang, sieht man konzentrierte Mitarbeiter, 25 Leute arbeiten in der Orthopädietechnik. Überall sind Prothesen zu erkennen. Sie unterscheiden sich in Farbe, Größe und Komplexität. Manche sehen dem Originalkörperteil zum Verwechseln ähnlich, andere gleichen einem Skelett. Sie bestehen fast nur aus dem Rohbau und sind auf die minimalistische Funktion reduziert. "Wenn ein Patient beispielsweise am Unterschenkel amputiert wird, untersucht man zuerst den Stumpf und versucht, das Stumpfvolumen mithilfe von Bandagen dünner zu machen. Wenn sich das Volumen des Stumpfes fünf Tage nicht verändert, wir nennen es auch ein stabiles Volumenverhältnis, hat man ein definitives Maß für die Anfertigung der Prothese. Anschließend wird ein Gipsabdruck gemacht, und der Schaft kann angefertigt werden. Ungefähr zwei, drei Tage später wird der Schaft respektive die Prothese als Ganzes im Rohbau bei uns anprobiert", führt Stefanelli aus. Für die Herstellung des Unterbaus werden verschiedene Materialien eingesetzt. Oft verwendet man Aluminium- oder Titanteile. Es gibt aber auch Gelenke, die aus Carbon hergestellt werden. Mechanische Teile sind meist aus Kunststoff oder aus Titan und Aluminium. Der Schaft, also die Maßanfertigung selbst, besteht oft aus Kunststoff. Es werden Carbon- oder Glasfasern eingesetzt, weil diese die Stabilität erhöhen.

 

"Dann kommt die Physiotherapie. Dort lernt der Patient, mit der Prothese zu laufen. Wir arbeiten eng mit dem Arzt und der Physiotherapie zusammen. Wenn jemand etwas sieht, was noch zu verbessern ist, muss der Austausch untereinander gut sein. Der Patient lernt schnell laufen. In den ersten zwei, drei Wochen ist das Programm sehr intensiv und anstrengend. Da sich die Muskeln zurückgebildet haben, muss man diese wieder auftrainieren. Wenn der Patient noch nicht so weit ist, die Prothese zu tragen, kann man zuerst den Rumpf trainieren", erklärt der Mann im weißen Kittel.

 

"Die schwierigste Prothesen-Versorgung war eine sechsjährige Patientin mit einer angeborenen Missbildung des rechten Oberschenkels. Die Problematik bestand darin, ihren erhaltenen Fuß so zu positionieren, dass er keine Druckstellen bekommt und zugleich korrekt belastet werden kann, damit ein gutes Gangbild entsteht. Das Mädchen war sehr aktiv und hatte komplizierterweise zu der bereits vorhandenen Dysmelie eine schwere knöcherne Hüftdeformität. Dies erschwerte es, den idealen statischen Aufbau der Prothese zu erreichen und ein befriedigendes dynamisches Resultat zu erzielen."

 

Beim Bau muss bedacht werden, dass die Prothese leichter als das gesunde Glied ist. Generell wird eine Prothese, weil sie ein Fremdkörper ist, als eher schwer vom Patienten wahrgenommen. Man kann es sich so vorstellen: Wenn man einen Skischuh trägt, hat man zuerst das Gefühl, man trage einen Klotz am Fuß. Nach einem Tag Ski fahren hat man sich aber daran gewöhnt. Je enger die Symbiose zwischen Stumpf und Prothese ist und je schöner sie sitzt, als desto leichter wird sie empfunden, die Gewöhnung verläuft einfacher. "Die erste Priorität hat die Passform. Sie ist unglaublich wichtig. Denn sonst kann es zu chronischen Schmerzen und schlechter Stimmung beim Patienten führen. Die Ästhetik darf auch ein bisschen eine Rolle spielen. Nicht alle Patienten legen gleich viel Wert darauf, da muss man individuell vorgehen. Einige möchten farbige Prothesen, es gibt aber auch welche, die gar keine Kosmetik bevorzugen", erzählt Stefanelli. Für den Leistungssport, etwa an den Paralympics, kommen gezielt Kunststofffedern aus Carbonfasern beim Sprinten zum Einsatz. Für jüngere Menschen, die am Unterschenkel amputiert wurden und sich ein Hilfsmittel zum Surfen oder Wakeboarden wünschen, lassen sich ebenfalls Prothesen anfertigen, die wasserdicht sind. Grundsätzlich wird fürs Wasser keine Prothese empfohlen. "Wenn die Prothese nicht komplett wasserdicht ist, kann sie sich mit Wasser füllen und den Menschen runterziehen, was schnell gefährlich werden kann."

 

Stefanelli sagt: "Prinzipiell ist es so, dass der Patient, der amputiert wurde, ein Recht auf ein Hilfsmittel hat. Das soll aber auch nach bestem Wissen und Gewissen entschieden werden. Wir haben oft Patienten, die im hohen Alter sind und sich selbst nicht sicher sind, ob sie eine Prothese wollen. Dann liegt es an uns, den Fachpersonen, im Plenum zu entscheiden, ob ein Hilfsmittel überhaupt Sinn macht." Da spielt teils mit, wie zum Beispiel die Wohnsituation aussieht. Die letzte Entscheidung liegt beim Patienten, und diese wird so akzeptiert. "Es ist oft ein großer Sprung, den man dem Patienten ermöglicht. Den Leuten helfen zu können ist eigentlich das Schönste an dem Beruf."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2023, Nr. 67, S. 26 - Hannah Gerster, Kantonsschule Uetikon am See

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