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Schreiben - das rockt: Die Autorin Alice Gabathuler war früher Grundschullehrerin

Ich finde es total wichtig, dass Jugendliche lesen und schreiben", sagt die 62 Jahre alte Schweizer Autorin Alice Gabathuler. "Es öffnet dir das ganze Leben, wenn du verstehst, was du liest." Doch nur zu lesen sei nicht genug, man soll auch schreiben, da man dann selbst darauf achten muss, dass die Leser einen verstehen. Die Haare sind das Erste, was an Gabathulers Äußerem auffällt. Durch ihre Kürze und ungebändigte Form strahlen sie eine aufgeweckte und etwas verrückte Energie aus. Unterstrichen wird das durch zwei lange Zöpfe, die sie über ihre Schultern trägt. Gabathuler schreibt ausschließlich Jugendbücher. In den meisten geht es um Jugendliche, die auf irgendeine Art verloren oder "kaputt" sind. "Hundert Lügen" (2017) handelt von einem Geschwisterpaar, das eine turbulente Kindheit und Jugend durchlebt hat und nun mit deren Auswirkungen leben muss. Das Spezielle am Buch ist unter anderem die Musik. Es basiert auf dem Lied "Dragon" von The Beauty of Gemina, Gabathulers Lieblingsband. Am Anfang des Buches und in der Hälfte sind je eine Strophe aus dem Lied zu finden. Die Musik zieht sich durch Gabathulers Werk.


Für die Serie "Lost Souls Ltd." hat sie sich mit Michael Sele, dem Sänger ihrer Lieblingsband, zusammengetan. Er schrieb für das zweite Buch das Lied "Into Black". Auch die anderen Bände haben ein eigenes Lied bekommen, von anderen Sängern und Songwritern wie Ernst Eggenberger oder Dennis Mungo. Schon als kleines Mädchen war es Gabathulers größter Wunsch, Rockstar zu werden. Sie wollte immer singen und Gitarre spielen können, doch leider habe sie absolut kein Musikgefühl, meint sie. So wählte sie ihren zweiten Wunschberuf als realistischeres Ziel. Gabathuler wurde Grundschullehrerin und Geschichtenschreiberin nebenbei. Schon vor ihrer Zeit als Lehrerin hat sie geschrieben, nicht um mal Autorin zu werden, sondern um ihren Gefühlen Raum zu geben.


Ihr Zuhause ist ein kleines Mehrfamilienhaus in Werdenberg im Kanton St. Gallen. Im zweiten Stock befindet sich ihre Schreibwerkstatt. Auf ihrer Website schreibt Gabathuler: "Das Tolle am Schreiben ist, dass man es überall tun kann! Ein paar Lieblingsorte: draußen in der Natur, in der Bahn, im Café, im Bett und noch ein paar andere." Sie schreibe schon seit ihrer Jugend Tagebuch. Als sie etwa 40 war, begann sie, kürzere Geschichten zu schreiben. "Dann wollte ich einen längeren Text schreiben, denn ich mag keine Kurzgeschichten." Lange blieb sie Lehrerin und schrieb nur in ihrer Freizeit. Bis sie eine ihrer längeren Geschichten nach vier Jahren Arbeit an einen Verlag schickte. Das war zunächst nicht so erfolgreich. Sie war kurz davor, ihre Geschichte gratis zum Lesen ins Internet zu stellen. Sie dachte, "so kann es irgendjemand lesen, wenn es ihm Spaß macht".

Doch dann fand sie über eine Kollegin einen Agenten, der ihr half, ihre Geschichte noch etwas auszuarbeiten. Dieser brachte sie auf den Thienemann-Verlag, der ihre Geschichte mochte, und so wurde ihr erstes Buch "Blackout" angenommen.


Gabathuler sah sich aber noch nicht wirklich als Autorin - bis sie der Verlag 2006, noch vor der Veröffentlichung von "Blackout", fragte, wann sie denn das nächste Buch schreibe. So ist sie in die Rolle der Autorin hineingerutscht. In ihrer Jugend hat sie einfach für sich geschrieben, doch als sie wirklich zu schreiben lernen wollte, musste sie ihr Können erweitern. Sie hat einfach geschrieben, geschrieben, ihre Texte von jemand anderem lesen lassen und wieder geschrieben. Das, sagt sie, sei die beste Art, das Schreiben zu lernen: durch Übung und Durchhaltevermögen. "Ich war in einem Forum, in dem sie den Text einfach auseinanderseziert haben, zerrissen haben in der Luft." Das habe ihr geholfen, da ihre Texte zwar komplett auseinandergenommen wurden, aber auf eine nette, wenn auch sehr direkte Art. Sie sagt, es sei wichtig, seine Texte von jemandem querlesen zu lassen, der einem klar ins Gesicht sagen kann, was sie noch brauchen.


Manche Charaktere aus ihren Büchern sind komplett erfunden. Manchmal ist es aber auch eine reale Person, die sie kennt oder kennengelernt hat, die sie zum Schreiben einer neuen Figur anregt. Wenn sie das tut, übernimmt sie oft eher die schlimmen Eigenschaften. Sie hat sich einmal für einen Charakter in einem ihrer Bücher von einem Lehrer, den sie kannte, inspirieren lassen. Er war total schrecklich mit seinen Schülern umgegangen. Als sie wieder in die Schule zurückging, fragte sie ein Lehrer, ob diese Person auf ihm basiere, doch es war ein komplett anderer Lehrer. "Ich finde es sehr interessant, wie sich Personen in den Charakteren wiederfinden können, auch wenn sie auf jemand anderem basieren."


2009 entschied sich Gabathuler hauptberuflich Autorin zu werden. Sie arbeitete immer weniger als Lehrerin und unterrichtete 2015 ein letztes Mal. "Und dann habe ich zwei Jahre Krise geschoben." Der Druck, dass sie jetzt nicht mehr nur schreiben durfte, sondern schreiben musste, habe sie total blockiert. Es ging eine ganze Weile, bis sie sich mit dieser neuen Lebenslage abfinden konnte. Und sie ist sich immer noch nicht ganz sicher, ob es eine gute Idee war. Jedoch können sie und ihr Mann problemlos von ihrer Arbeit und seinem Job leben. Die Kinder sind schon erwachsen. Und sie ergänzt: "Mich muss niemand mehr einstellen wollen, fixe Arbeitszeiten machen mich fertig."

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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.09.2024, S. 26 - Colin Früh, Kantonsschule Trogen

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