Alle tanzen aus der Reihe

Wirklich alle? Beim Umzug in São Paulo wetteifern Sambaschulen

 

Es gibt nur zwei Dinge, die alle sozialen Schichten Brasiliens vereinen: das SUS und die Sambaschulen", sagt der mehrfach preisgekrönte Samba-Enredo-Komponist Aquiles da Vila. Die Abkürzung SUS steht für Sistema Único de Saúde, Brasiliens öffentlich finanziertes Gesundheitssystem.

 

Wenn der Rhythmus der Trommeln unüberhörbar wird, wenn Gesang und Tanz harmonieren und die Stadt in Aufruhr ist, dann weiß jeder: Der Karnevalsumzug hat begonnen. Am 9. Februar, einem Freitag, um 23 Uhr, versammelten sich 35.000 Zuschauer auf den Tribünen des Anhembi Sambódromo in São Paulo in Brasilien, um den Sambaschulen bei ihrem Wettbewerb zuzusehen. In der von vielen Brasilianern am sehnlichsten erwarteten Nacht des Jahres zogen etwa 17.500 Menschen aus sieben verschiedenen Schulen in einem Spektakel aus Lichtern, Farben, Choreographie und Musik durch das Anhembi Sambódromo im Stadtteil Santana, um den Karnevalsmeister zu ermitteln. In der darauffolgenden Nacht setzen weitere sieben Schulen den Wettbewerb fort, und wenn er zu Ende ist, haben die Sonnenstrahlen São Paulo bereits wieder erhellt.

 

Das Herz dieses pulsierenden Festes ist das Sambódromo, das aus einer zentralen Allee besteht, die von zwei Tribünen flankiert wird. Es wurde 1991 speziell für das Samba-Spektakel gebaut. Auf der zentralen Fläche, wo 2500 bis 3000 Menschen pro Schule paradieren, wird eine Geschichte erzählt: "Als wäre es eine Wanderoper", sagt der Sambakomponist. Die Geschichte wird von einer Gruppe Künstler, der Comissão da Frente, pantomimisch und tänzerisch dargestellt. Ihr Ziel ist es, das Publikum zu begrüßen und seine Aufmerksamkeit zu erregen. Die Seite der Allee wird von 15 bis 20 Gruppen gesäumt, die man als Alas bezeichnet. Sie bestehen aus 80 agilen Sambatänzern, die alle in das gleiche üppige und farbenfrohe Kostüm gekleidet sind. Passend zur Handlung der Schule thematisieren sie ebenfalls die Story. "Die Person, sobald sie ein Kostüm anzieht, lebt diese Figur in diesem Moment", sagt da Vila. Sie tanzen in perfekter Harmonie und Koordination.

 

Um die jeweilige Schule zu präsentieren, hält die Porta-Bandeira die Flagge der Sambaschule hoch, begleitet von ihrem Partner, dem Mestre-Sala. Zum Umzug gehören auch geschmückte Festwagen. Jede Schule hat eine Stunde Zeit, um die 1,5 Kilometer lange Allee zu durchqueren. Um den Takt zu halten, geben die Trommeln der Schlagzeuger den Rhythmus vor. Normalerweise spielen sie 146 Schläge pro Minute, um einen ansteckenden Rhythmus zu erzeugen und Energie zu produzieren, erzählt der Komponist. "Neben dem Neurochirurgen, der Schlagzeug spielt, könnte auch ein kleiner Junge trommeln, der nichts zu essen hat", sagt der große, tätowierte Mann mit lockigem Haar. "Wenn du einen Jungen fragst, hat er nicht nur eine Fußballmannschaft, für die er glüht, sondern auch eine Sambaschule." Das Ereignis bringe Brasilien zusammen. "Hier feiert man die Kultur und Geschichte und zeigt die Identität des Landes." Erreicht die Sambaschule den letzten Abschnitt des Parcours nicht rechtzeitig, wird sie disqualifiziert. Entlang der Strecke gibt es 40 Jurymitglieder, die die Schritte bewerten, das Trommeln, den Samba-Enredo, die Choreographie, das Zusammenspiel, die Entwicklung, die Handlung, die Allegorien, die Requisiten und die Kostüme.

 

Der 47-jährige Mann erklärt, dass früher die Ausgaben jeder Sambaschule für Instrumente, Kostüme, Dekorationen, Sicherheit und vieles mehr von ihren "Patronos" bezahlt wurden. Es handelte sich um Leute, die an Jogo do Bicho, einer Art Lotterie, beteiligt waren. Zur Prestigepflege und Imageaufbesserung finanzierten die "Patronos" bedürftige Sambaschulen. Auf diese Weise wurden sie von den Schülern als Helden angesehen. "Die Sambaschulen sind das, was der Realität des Landes am nächsten kommt", sagt da Vila.

 

Zur Zeit der Sklaverei mussten die Schwarzen hart arbeiten und hatten keine Unterhaltung. Die Sklaven trafen sich zu einer sogenannten Pagode, einer Zusammenkunft von Sambatänzern und Sambasängern. "Die Batuques kamen aus Afrika. Der Samba selbst kam aus Bahia, aber die Sambaschulen entstanden in Rio de Janeiro. Eigentlich waren es keine Sambaschulen, sondern Blocos und Cordões, das bedeutet Gruppen von maskierten Feiernden, die in einer Reihe liefen, wobei die Teilnehmer hintereinander gingen und tanzten, also bescheidenere Dinge, aber auf jeden Fall war es das erste Mal, dass es eine Organisation von Menschen gab, die an einem Ort wie eine Prozession durch ein Lied mit einem Thema marschierten, das zum Samba-Enredo wurde", erklärt der Samba-Enredo-Komponist.

 

Für die Brasilianer beginnt der Karneval, wenn für die Sambaschulen ein Zyklus endet. Dieser Zyklus beginnt immer im März, wenn der Carnavalesco, der Kommandant und "Architekt" der Parade, das gesamte Konzept des Umzugs entwirft. Die Sambaschulen wie Mocidade Unida da Mooca, Camisa Verde e Branco und Nenê de Vila Matilde, die Stadtteile und Gemeinden repräsentieren, arbeiten das ganze Jahr über intensiv, um sicherzustellen, dass die Aufführung planmäßig verläuft. Jeder Teilnehmer ist mit Leib und Seele dabei, übt die präzisen Bewegungen und perfektioniert die Choreographie, die die Zuschauer in ihren Bann ziehen soll. Die "Sambaschule ist die größte audiovisuelle Prozession, die es auf diesem Planeten geben kann", sagt Aquiles da Vila.

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2024, Nr. 138, S. 26 - Constança Hörster. Deutsche Schule zu Porto

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