Alles ist mit allem verwoben

Ein Museum widmet sich der Präsentation und Konservierung der Wandteppiche von Portalegre.

Portalegre liegt in der Mitte Portugals. Hier befindet sich das Ende der Vierzigerjahre gegründete Museum der Wandteppichkunst. "Es besitzt eine Sammlung von 28 Wandteppichen", sagt Elsa Quintino, die technische Assistentin. Sie erzählen Geschichten von Schlachten, zeigen idyllische Landschaften und geben Einblick in die Kultur und Geschichte von Portalegre und Portugal. "Die Verwendung der 'portugiesischen Flachwebetechnik' verleiht ihnen eine unverkennbare Textur und Tiefe."


Ihre Herstellung ist eine Kunst für sich: Sie erfordert Präzision, Geschicklichkeit und Geduld. "Nachdem die Weberinnen den Webstuhl vorbereitet haben, wobei sich das Webmuster auf Augenhöhe und die Wollknäuel etwas höher befinden, führen sie ihre Arbeit aus. Dem Webmuster folgend, bewegen sie den Teppich vorwärts und spielen dabei auf der Kette wie auf einer Harfe. Dabei müssen sie immer wieder entscheiden, wie sie ein Detail, eine perfekte Kurve, bei der aufgrund der Stichgröße von zwei Millimetern keine Unregelmäßigkeiten sichtbar sind, am besten umsetzen." Der Teppich beginnt unten und arbeitet sich nach oben. Die Weberinnen weben die Fäden horizontal von links nach rechts und wieder zurück. Es wird von innen nach außen gewebt, um das Muster zu erzeugen. Der Teppich wächst drei bis zehn Zentimeter pro Tag. "Wenn er vom Webstuhl kommt, müssen wir ihn noch fertigstellen, ihn mit Mottenschutz versehen und mit dem Säumen beginnen."


Der Schaffensprozess beginnt mit Zeichnungen portugiesischer und ausländischer Maler. "Die Initiative kann vom Maler ausgehen, aber auch von einem Kunden, der sein Bild als Wandteppich reproduziert haben möchte. Die Reproduktion erfolgt dann mit Genehmigung des Künstlers. Er unterschreibt das Bolduc - ein Stoffschild auf dem Wandteppich mit Werknummer und -serie, Titel, Maßen und seinem Namen." Es gebe mehr als 7000 registrierte Farbtöne. "Die Auswahl erfolgt im direkten Vergleich mit dem Original des Künstlers. Zwei Materialien werden verwendet: Baumwolle aus Nordafrika und Wolle aus Neuseeland", sagt Quintino. Der größte Wandteppich, "A Rendição de Argel", misst 14 mal vier Meter, der kleinste, "Pequeno Castelo", 45 mal 35 Zentimeter. Auf jedem Teppich sind die Initialen MTP zu finden, für "Manufactura de Tapeçarias de Portalegre". "Der Wert eines Wandteppichs wird auf 9000 bis 20.000 Euro pro Quadratmeter geschätzt. Die tägliche Pflege besteht im Abbürsten mit einer weichen Bürste. Die Teppiche können von innen nach außen gesaugt werden, eine gründlichere Reinigung erfolgt in der Manufaktur."


Zu bewundern seien die Teppiche in Luxushotels wie dem Ritz oder dem Altis in Lissabon. "Auch im portugiesischen Parlament und im Palast des Präsidenten hängt ein Exemplar. Außerdem schmücken sie die Gerichte in Portalegre, Nisa und Estremoz." Es gebe auch internationale Privatkäufer. 1946 beschlossen zwei Freunde, Guy Fino und Manuel Celestino Peixeiro, die Tradition der Knüpfteppiche in Portalegre wieder aufleben zu lassen und gründeten die MTP. Das derzeit älteste Werk stamme aus dem Jahr 1947, das jüngste aus dem Jahr 2012. "Damals beauftragte Manuel do Carmo Peixeiro, der Vater von Manuel Celestino, die beiden jungen Männer mit der Herstellung von Wandteppichen nach einem Knotenpunkt, den er Jahre zuvor als Textilstudent in Roubaix erfunden hatte. Der erste Wandteppich, "Diana, die Jägerin", gewebt von der damals 14-jährigen Maria do Rosário Ramalho, entstand 1947 nach dem Entwurf von João Tavares", sagt Quintino. Er zeigt eine große weibliche Figur neben einer stilisierten Eiche. Rehe, Vögel sowie Braun, Ocker, Schwarz und Wollweiß erinnern an die regionale Flora und Fauna.

"Le Coque Guerrier", ein Werk des französischen Tapisseriekünstlers Jean Lurçat, besteht aus zwei Wandteppichen, von denen einer in Frankreich und der andere in Portalegre gewebt wurde. Guy Fino besuchte Lurçat mehrmals, einmal in Begleitung seiner Frau Mercedes, in der mittelalterlichen Burg von Saint-Céré. Als sie sich trennten, schenkte der französische Künstler der Frau von Guy Fino das Kissen (Gobelin Français), das er als Sitz mit seinem berühmten Hahn benutzt hatte. Guy Fino bat Lurçat um die Erlaubnis, den Hahn in der Portalegre-Technik zu reproduzieren. 1958 besuchte Lurçat die Manufaktur. In der Zwischenzeit hatte Guy Fino den kleinen Wandteppich, den Lurçat seiner Frau geschenkt hatte, reproduziert und präsentierte ihn ihm mit dem Original. "Versuchen Sie, herauszufinden, welcher von beiden Ihnen gehört", bat er. Lurçat betrachtete die Teppiche aus der Ferne und entschied sich für den aus Portalegre. "Von da an entwickelte sich eine große Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen den beiden Männern."


Für die Bewohner von Portalegre sind die Wandteppiche nicht nur Kunstwerke. "Sie sind Symbole unserer Vergangenheit und kulturellen Identität", erklärt Quintino. Das Museum zeigt moderne Werke wie "Deux musiciens" von Le Corbusier oder "Ave do paraíso" von Joana Vasconcelos. Auf dem Teppich "A proclamação da independência" von João Tavares aus dem Jahr 1947 sieht man einen König, der von seinem Volk umgeben ist. Im Jahr 1640 bestieg König João IV. den portugiesischen Thron und begründete die vierte und letzte portugiesische Dynastie. Das Werk "O mar tenebroso" von Costa Pinheiro zeigt das dunkle Meer, Prinz Heinrich der Seefahrer in der Mitte mit Vasco da Gama auf der linken und Pedro Alvares Cabral, dem Entdecker Brasiliens, auf der rechten Seite. Es ist farbenprächtig und technisch anspruchsvoll, da das Meer wie echte Pinselstriche wirkt, aber aus kleinen Wollknoten besteht. "Es ist von entscheidender Bedeutung, diese Tradition am Leben zu erhalten", betont Quintino. "Denn in den Fasern dieser Teppiche sind die Geschichten unserer Vorfahren verwoben."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.11.2024, S. 26 - Catarina de Matos Azevedo Deutsche Schule zu Porto

zurück