Alles ist teilbar, sogar das Leben

Norzita Omar kam aus Malaysia nach Deutschland und dann in die Schweiz

Über Klang, einem Distrikt mit 800.000 Einwohnern im mittleren Teil von Malaysia, ging die Sonne auf. Das markierte für Norzita Omar und ihre sieben Geschwister den Beginn ihres täglichen zwei Kilometer langen Schulwegs. Der schmale Straßenrand als Gehweg und die Gefahr der vorbeifahrenden Autos begleiteten ihre Reise. All das liegt mehr als 40 Jahre zurück. "Man kann von Glück reden, dass wir nie angefahren wurden, egal bei welchem Wetter", erinnert sich Omar.

Heute ist sie 50 Jahre alt und 1,50 Meter groß. Sie hat schwarze lange Haare und eine braun gebrannte Haut. Ihre Augen sind so dunkel, dass sie schwarz erscheinen. Sie wirkt offen und sympathisch. Omar ist mit drei Schwestern und vier Brüdern aufgewachsen. Ihre Kindheit war geprägt von Entbehrungen, besonders in der Regensaison von Oktober bis März. "Dann war es am schlimmsten, weil wir komplett nass wurden und nur eine Uniform hatten, die wir jeden Tag anziehen mussten." Der tägliche Kampf gegen die Elemente formte ihre Charakterstärke und Fähigkeit, selbst in schwierigen Situationen zu bestehen. Sie lebte in einem Reihenhaus aus Holz in einem kleinen Dorf. "In meiner Kindheit musste ich viel lernen zu teilen. Buntstifte teilen, Essen teilen, Kleider teilen. Das war nicht immer leicht, denn oft war nicht genug da für alle."

Mit 18 Jahren machte sie ihr Abitur, es folgten ein neunmonatiges Praktikum in einer Bank und eine Anstellung in einer Firma als Assistant to the Managing Director. "Ich habe zum ersten Mal erfahren, wie wertvoll es ist, eine Ausbildung zu haben und Geld verdienen zu können." Aus finanziellen Gründen verließ Omar den traditionellen Universitätsweg und entschied sich für eine Abendschule in BWL.

Ihr Leben führte sie auf unerwartete Wege, auch in der Liebe. Über Onlineplattformen lernte sie Menschen aus der ganzen Welt kennen, darunter im Jahr 2000 ihren zukünftigen Mann aus Deutschland. "Unsere Beziehung wurde mit der Zeit ernster und ernster, und wir fingen an, über die Ehe zu reden." Nach einem dreimonatigen Aufenthalt in Deutschland 2001 wagte sie den Umzug. Sechs Monate später haben sie in Malaysia geheiratet, sie bekam ein Visum, weil sie mit einem deutschen Mann verheiratet war. Der Neuanfang war nicht ohne Schwierigkeiten. Omar erinnert sich an die Herausforderungen, ein neues soziales Netzwerk aufzubauen, besonders aufgrund der Sprachbarriere. "Es war schwer für mich, alle meine Freunde und Familie zurückzulassen und an einem Ort, an dem ich die Sprache nicht kannte, ein komplett neues Leben aufzubauen." Trotz einiger skeptischer Stimmen in ihrem Umfeld ließ sie sich nicht entmutigen. "Viele meinten, dass die Menschen in Europa sehr rassistisch sind und keinen Platz für mich haben. Oder dass mein deutscher Mann es mit mir nicht ernst meinen würde." Sie vermisst ihre Geschwister und ihre Mutter in Malaysia und findet es schade, dass sie sie nur einmal im Jahr besuchen kann.

Ihre Reise führte sie schließlich in die Schweiz, weil ihrem Mann dort 2005 eine bessere Stelle in der IT-Branche angeboten wurde. Der Wechsel von Deutschland in die Schweiz war überraschend reibungslos. Omar fand die Schweizer als offene und freundliche Menschen vor. Die Schweiz sei sehr anders als Malaysia.

"Ich lebe seit mehr als 20 Jahren in Europa. Der große Unterschied ist, wie die Leute denken, reden, die Offenheit. Die Schweizer Kultur schätzt die Diversität der Menschen viel mehr." Auch an das kalte Klima und die Jahreszeiten musste sie sich gewöhnen. Und die unterschiedlichen Teile der Schweiz seien, obwohl es nur so ein kleines Land ist, sehr divers. "Das politische System unterscheidet sich auch sehr. Hier mit den sieben Bundesratsmitgliedern und in Malaysia mit dem König und Sultan." Jedes Jahr besucht sie in den Sommerferien mit ihrem Mann und ihrer 16-jährigen Tochter ihr Zuhause in Malaysia. Zu Beginn hatte sie oft Heimweh. Jetzt hat sie es nur noch selten, weil sie die Schweiz nun als ihr Zuhause sieht. Sie hat viele Freundinnen gefunden, die auch aus Malaysia und Singapur kommen und eine ähnliche Geschichte haben.

Heute arbeitet sie bei der Asea Brown Boveri AG in der BWL-Branche und lebt in Stäfa, einem Dorf am Zürichsee. "Man weiß nie, was einen im Leben erwartet. Immer offen zu sein und nie aufzugeben öffnet Türen, von denen man niemals gedacht hätte, dass sie sich öffnen würden."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2024, Nr. 82, S. 26 - SHAILA DARR, Kantonsschule Uetikon am See

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