Als führten sie ein Bilderbuchleben

Das Evangeliar Heinrichs des Löwen und Mathildes von England begeistert seit Jahrhunderten.

Als Christian Heitzmann das kleine Büro im Lessinghaus in Wolfenbüttel betritt, strahlt er Begeisterung aus. Das Lessinghaus gehört zur Herzog-August-Bibliothek. In den Händen hält er ein dickes Buch, dessen Einband durch einen Schuber geschützt ist. In einer Ecke steht ein gemütliches Sofa mit einem Tisch. Als er das Buch darauf ablegt, sticht der Titel ins Auge: "Das Evangeliar Heinrichs des Löwen und Mathildes von England." Jahrzehntelang wurde dieser besondere Bestandteil der Bibliothek nur als "Evangeliar Heinrichs des Löwen" bezeichnet. Heitzmann wundert sich, dass unsere Vorfahren nicht schon auf den Gedanken gekommen sind, Mathilde in die Namensgebung aufzunehmen. Schließlich steht die Fürstin auf Abbildungen im Evangeliar, die die Krönung der beiden zeigen, Heinrich gleichrangig zur Seite. "Wenn der liebe Gatte sonst wo unterwegs war, hat sie hier in Braunschweig praktisch die Geschäfte geführt und vor allem auch das kulturelle Leben am Hof eigentlich selbst bewältigt", berichtet der gebürtige Baden-Württemberger. Die Rolle der Fürstinnen gerät in den letzten Jahrzehnten verstärkt in den Blick der Forschung. 

 

Bei dem Buch handelt sich es sich um ein Faksimile des Evangeliars, das 2018 von Bernd Schneidmüller und Harald Wolter-von dem Knesebeck herausgegeben wurde. Diese Ausgabe enthält die Bildseiten des Evangeliars, es wurden nur wenige Textseiten reproduziert. Dafür ist sie aktueller als andere Ausgaben und stellt den neuesten kunsthistorischen Forschungsstand dar. Auch wenn das Faksimile eine verkleinerte Version des Originals ist, schwärmt Heitzmann. "Das, was es ausmacht, ist ja auch nicht unbedingt der Inhalt. Der ist ja in allen Evangelien im Grunde der gleiche. Was es ausmacht, ist diese wunderschöne Malerei." Kunsthistoriker versuchen auf deren Grundlage und ihrer stilistischen Besonderheiten herauszufinden, aus welcher Werkstatt oder aus welchem Kloster die Evangeliare kommen, und sie zu katalogisieren. Das Besondere an diesem Evangeliar ist, dass der Name des Mönches, der an der Entstehung beteiligt war, bekannt sei. Auf einer der Seiten habe sich der Mönch Hermann verewigt, der vom Abt der Benediktinerabtei Helmarshausen beauftragt worden sei, der den Auftrag wiederum von Heinrich und Mathilde erhalten habe. Solche Projekte, bei denen Handschriften mit Buchmalerei katalogisiert und einer Werkstatt zugeordnet werden, sind eine große Herausforderung. Heitzmann kann sich vorstellen, dass Künstliche Intelligenz helfen könne, Schnörkel, Verzierungen und Ornamente zu erkennen und einzuordnen. "So etwas ist im Moment aber noch Zukunftsmusik." 

 

Die Beschäftigung mit solchen Handschriften gehört zur Arbeit des Achtundfünfzigjährigen als Leiter der Abteilung Handschriften und Sondersammlungen. Seit 20 Jahren ist er in der Herzog-August-Bibliothek tätig. Zuvor hat er Latein und Geschichte studiert. Besonderes Interesse zeigte er für mittelalterliches Latein und Textüberlieferung im Mittelalter. "Da ergab sich dann der Bezug zu Handschriften." In seiner Position ist er als Kurator tätig. Heitzmann ist unter anderem dafür zuständig, dass mit den Handschriften sorgsam umgegangen wird, nicht nur durch Wissenschaftler im Lesesaal oder im Rahmen von Projekten, sondern auch in der Fotowerkstatt, in der Werke digitalisiert werden. Besonders aufregend findet er den Kauf von neuen Stücken, um den Bestand zu erweitern. 

 

Dass Heitzmann das Evangeliar nicht im Original zeigen kann, hat den Grund, dass es in der Regel nur alle zwei Jahre für maximal sechs Wochen unter besonderen Bedingungen ausgestellt werden darf. Aufbewahrt wird es in einem Tresor. Nur wenige Leute haben Zutritt. Des Weiteren herrscht dort ein gleichmäßiges Klima, also eine konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit. "Das ist ganz, ganz wichtig, gerade bei Pergamenthandschriften mit Buchmalerei, um die Erhaltung zu gewährleisten. Es gehört schließlich zu den kostbarsten Handschriften der Herzog-August-Bibliothek." Als das Buch 1983 auf einer Auktion für über 32,5 Millionen D-Mark ersteigert wurde, "war das sensationell, weil das der höchste Preis war, der jemals für ein Buch bezahlt wurde". Bis 1945 sei es im Besitz der Welfenfamilie gewesen, also des alten Herrscherhauses von Hannover und Braunschweig. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war es allerdings nicht für die Forschung zugänglich. Zum Zeitpunkt der Versteigerung sei man sich der Existenz des Evangeliars zwar bewusst gewesen, "aber es war verschollen oder unzugänglich, und keiner wusste, wo es eigentlich aufbewahrt wird. Deshalb war es auch so aufregend, als es dann wieder zum Vorschein kam." Den gigantischen Preis begründet Heitzmann zum einen mit der prachtvollen Buchmalerei, zum anderen mit dem historischen Wert. Heinrich der Löwe und Mathilde von England waren im 12. Jahrhundert wichtige Persönlichkeiten in Deutschland und speziell in dieser Region Niedersachsens. Braunschweig war ihre Residenz, dort sind sie im Dom beigesetzt worden, und für ihn wurde diese "Prachthandschrift" angefertigt. 

 

Heitzmann interessiert sich auch für die Materialitätsforschung. Mit naturwissenschaftlichen Methoden wird ermittelt, welche Farbstoffe verwendet wurden. Er listet nur einige der unzähligen Fragen auf, mit denen sich Kunsthistoriker beschäftigen. "Woher stammt das Blau? Ist das Lapislazuli, ein kostbarer Halbedelstein aus Afghanistan? Oder waren es doch Ersatzstoffe? Kommen die Pigmente aus der Region, oder wurden exotische Dinge gekauft?" Spannend ist auch die Herkunft des Pergaments. Durch Radierproben könne die DNA der Tiere untersucht werden, die das Pergament beigesteuert haben. 

 

Das Evangeliar ist ein Werk religiöser Kunst. Die dargestellten Szenen aus dem Neuen Testament sind laut Heitzmann für einen religiös empfindsamen Menschen von Bedeutung und entfalten, unabhängig vom Prunk und Gold, eine atemberaubende Wirkung. Sorgsam befreit er die Faksimile-Ausgabe aus dem Schuber und schlägt sie vorsichtig auf. Bedächtig blättert er darin, bis er zur gewünschten Seite gelangt. Zu sehen ist eine Darstellung der Krönung von Heinrich dem Löwen und Mathilde von England. Das Evangeliar lag in der Sakristei im Braunschweiger Dom und wurde an Festtagen benutzt. Da im 12. Jahrhundert der Glaube an das Fegefeuer und die Angst davor besonders stark ins Bewusstsein drangen, sei es möglich, dass Heinrich und Mathilde durch ihre, wenn auch nur im übertragenen Sinne, Teilnahme an den Gottesdiensten ihre Zeit im Fegefeuer zu verkürzen glaubten, indem Teilnehmende des Gottesdienstes sie in ihr Gebet einschließen. Heitzmann vermutet, dass das Evangeliar sowohl Ausdruck von Frömmigkeit als auch von Herrschaftswillen und von absoluter gesellschaftlicher Spitzenposition ist. 

 

Die Herzog-August-Bibliothek besitzt auch andere bedeutsame Stücke. Der groß gewachsene Kurator berichtet von einer Handschrift, die doppelt so alt wie das Evangeliar ist, in der es um Landvermessung und Städteplanung geht, ein eher trockenes Thema. Durch die schönen Abbildungen findet er sogar diese Handschrift sehr ansprechend. Auch "schäbige" Stücke, die Schäden durch Holzwürmer tragen, die den Buchdeckel angenagt haben, findet er gerade durch diese Hinfälligkeit faszinierend. "Jede Handschrift hat eine eigene Geschichte. Alle sind auf ihre Weise schön und interessant." 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Dezember 2024, Nr. 299, S. 26 - Charlotte Weise, Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

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