Also lassen sie das Licht an

Die Synagoge Kadoorie Mekor Haim in Porto ist die größte auf der Iberischen Halbinsel. Der Kurator des Jüdischen Museums im Gespräch.

Die Sinagoga Kadoorie Mekor Haim, die neben dem Gebäude gebaut wurde, in dem sich damals die Deutsche Schule zu Porto befand, wurde im Jahr 1938 eingeweiht. In einer Zeit, als in Nazideutschland Synagogen niederbrannten. Auf der anderen Seite der Deutschen Schule entstand zeitgleich die Igreja do Santíssimo Sacramento, die katholische Kirche des Heiligen Sakraments. Trotzdem habe es nie irgendwelche Probleme zwischen diesen drei Einrichtungen gegeben, die sich in der Rua Guerra Junqueiro in Porto befinden, sagt Hugo Vaz. Vaz ist der Kurator sowohl des Jüdischen Museums, das sich gegenüber der Synagoge befindet, als auch des Holocaust-Museums, keine dreihundert Meter davon entfernt.

"Ich bin sehr stolz darauf, sagen zu können, dass wir auch derzeit sehr gute Beziehungen zu den anderen Religionen in der Stadt haben", betont der 35-jährige kleine Mann mit der Kippa auf dem Kopf.


Im Jahr 1496 wurden die Juden, die 20 Prozent der damaligen portugiesischen Bevölkerung ausmachten, aus Portugal vertrieben. Sie hatten zwei Möglichkeiten: in ein anderes Land zu ziehen oder zu konvertieren. Diejenigen, die konvertierten, wurden "Cristãos-novos" genannt, die Neuchristen.


Neben der Synagoge in Porto gibt es heute in Portugal wieder vier weitere Synagogen: die Ezra & Sasoon Synagoge in Albufeira, die Synagoge Beit Eliahu in Belmonte, die Casa Chabad in Cascais und die Synagoge Shaaré Tikvah in Lissabon. Die Synagoge von Porto ist mit etwa 40 mal 20 Metern die größte Synagoge auf der Iberischen Halbinsel. Und sie war die letzte, die vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurde.


Diese Synagoge wurde vom Art-déco-Stil inspiriert. Es herrscht ein Gefühl der Stille, Ruhe und Sicherheit. Der quaderförmige Bau ist im Inneren mit hebräischen Buchstaben verziert. Es handelt sich um Passagen aus der Thora, ergänzt durch Ornamente im marokkanisch- sephardischen Stil. Auch typisch portugiesische Merkmale finden sich in der Synagoge, wie etwa die zahlreichen Azulejos, das sind handbemalte Fliesen.


Die Deutsche Schule zu Porto wurde 1901 gegründet. "Wir haben nie Probleme mit der deutschen Schule gehabt", sagt der Historiker Vaz. In der Nazizeit sei deren Schulleiter ein Nazi-Gegner gewesen. Es habe damals auch jüdische Schüler an der Schule gegeben, aber viele seien dann ausgewandert.


Laut Vaz bezeichneten die jüdischen Flüchtlinge Portugal als "Paradies". Etwa 50.000 jüdische Flüchtlinge durchquerten das im Zweiten Weltkrieg neutrale Land, um es als Transitland nach Amerika zu nutzen. Zwischen 1940 und 1941 erreichte die Synagoge ihren Höhepunkt bezüglich der Zahl ihrer Vollmitglieder. Aber "nach dem Krieg war dann eine absolute Leere".


Inzwischen sei die Synagoge wieder voll, mit mehr als 1000 erwachsenen Mitgliedern aus mehr als 30 verschiedenen Nationalitäten, darunter vor allem Franzosen, Israelis und Brasilianer. Aber die meisten praktizierten nicht. Die gemeinnützige Organisation wird durch Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert. Wenn ein Mitglied nicht in der Lage ist, den Mitgliedsbeitrag zu zahlen, kann es weiterhin die Synagoge besuchen, sagt Vaz.


Bis vor dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 sah man keine Polizisten, die zu bestimmten Uhrzeiten nachts vor dem verschlossenen weißen Tor der Synagoge stehen. Doch in den ersten Wochen danach patrouillierten ständig zwei Uniformierte auf dem Gehsteig der Rua Guerra Junqueiro. Die Synagoge ist für Touristen geöffnet, allerdings

muss man seinen Besuch vorher anmelden.


Hauptmann Artur Carlos de Barros Basto (1887 bis 1961), der als "portugiesischer Dreyfus" gilt und selbst in eine Familie von Neuchristen geboren wurde, konvertierte nach dem Ersten Weltkrieg zum Judentum. In den Schützengräben in der Schlacht von Flandern soll er einen französischen Offizier gesehen haben, der am Freitagabend den Schabbat- Eingang feierte. Da habe er sich an die Zeremonie des Kerzenanzündens im Hause seines Großvaters in Amarante erinnert.


Barros Basto kehrte 1921 mit seiner Frau nach Porto zurück. Er brachte 20 jüdische Familien zusammen, um die Synagoge in der Rua Guerra Junqueiro in Porto zu gründen. Bis 1933 gelang es ihnen zwar, den ersten weißen Block der Synagoge zu errichten, doch aufgrund der begrenzten Mittel und des Börsencrashs des Jahres 1929 mussten sie die Arbeiten einstellen. Die beiden Brüder Lawrence und Horace Kadoorie beschlossen, ihre Mutter, Laura Kadoorie, nach ihrem Tod 1919 zu ehren, indem sie 5000 Pfund für den zweiten Block der Synagoge spendeten. Die Mutter war Nachfahrin der portugiesischen Juden, die ihr Land wegen der Inquisition verlassen hatten. Der Vater der beiden Brüder, Elly Kadoorie, kam 1880 als armer Mann nach Hongkong. Er baute sich später in Shanghai, Guangzhou und Hongkong ein eigenes Firmenimperium auf, unter anderem mit der China Light and Power und dem Peninsula Hotel. Deshalb trägt die Synagoge den Namen "Kadoorie", und Hauptmann Barros Basto hatte ihr zuvor den Namen "Mekor Haim" gegeben.


Der sprachbegabte Hugo Vaz, der Latein, Portugiesisch, Spanisch, Italienisch, Englisch und Hebräisch spricht, erklärt, dass die Kadoorie-Mekor-Haim-Synagoge orthodox sei. Ein liberaler Jude besuche auch eine orthodoxe Synagoge, während ein orthodoxer Jude eine liberale Synagoge nicht betreten würde. Die orthodoxen Synagogen, wie die in der Rua Guerra Junqueiro, unterscheiden sich von den liberalen Synagogen darin, dass die Männer ebenerdig und die Frauen auf der Galerie im oberen Stockwerk sitzen.


"Juden haben viele Regeln, insgesamt 613 Gebote, aber es gibt viele Möglichkeiten, ihnen zu entkommen", verrät Vaz verschmitzt. Vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Sonnenuntergang am Samstag dürfen orthodoxe Juden keine Arbeit verrichten, zum Beispiel Feuer machen oder kochen. An diesem Tag, der der Familie und Gott gewidmet ist, treffen sich viele in der Synagoge. "Am Schabbat dürfen wir nicht kochen, also essen wir Vorgekochtes vom Vortag. Aber wir wollen ja kein kaltes Essen essen, also halten wir das Essen auf heißen Platten warm. Und wir wollen auch nicht im Dunkeln essen, also lassen wir das Licht an. Aber wir wollen auch keine sehr hohe Stromrechnung bezahlen. Also haben wir ein automatisches An-und-Abschalt-System."


Um seine Gäste zu testen, stellt Vaz ihnen gern folgende Frage: Alle Synagogen sind in Richtung Jerusalem ausgerichtet. "Wohin zeigen die Synagogen in Jerusalem?" In Richtung Klagemauer, löst der braunhaarige Mann mit ovalem Gesicht und Brille das Rätsel auf.

"Extremisten und Radikale gibt es in jeder Religion, und Juden sind da keine Ausnahme. Tief im Inneren haben wir alle dieselben Werte, wir praktizieren sie nur auf unterschiedliche Weise." Eine Lebensregel schärft er den jugendlichen Besuchern ein "Wir wenden Gewalt nur an, wenn wir Angst haben. Und wir haben nur Angst, wenn es uns unbekannt ist.

Deshalb müssen wir tolerant und offen sein, um neue Kulturen kennenzulernen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.10.2024, S. 26 - Constança Hörster, Deutsche Schule zu Porto

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