Am Ende ist alles im Eimer

In einem Recyclingbetrieb passiert immer das Gleiche

Sammeln, verwerten, handeln - drei Wörter bringen ihr tägliches Tun auf den Punkt. Die Loacker Recycling Gruppe hat 1350 Mitarbeiter und 25 Tochterfirmen in acht Ländern. Eine davon ist die Schläpfer Altmetall AG in St. Gallen in der Ostschweiz. Der 57-jährige Ruedi Stüssi ist dort seit sieben Jahren Geschäftsführer. Stüssi hat ein seriöses Auftreten, ist aber redselig. Er gestikuliert viel. Seine Hose ist, anders als bei den meisten Mitarbeitern, sauber. Er ist gelernter Maler, aber als Quereinsteiger ins Recycling gerutscht. "Und do hets mir halt gfalle." Bevor er Leiter wurde, war er fünf Jahre auf dem Platz. "Bagger gfahre, mit de Schrottscher gschaffet und denn bini ufs Büro umgstiege." Auch Patric Kolb ist schon lange bei Schläpfer. Nach seiner Lehre als Recyclist arbeitete er zwölf Jahre im Büro. Seit zehn Jahren ist er Betriebsleiter. Früher seien die Vorgänge weniger umweltfreundlich gewesen, heute schaue man mehr darauf. Der 36-Jährige bezeichnet sich als "Meidli für alles". Er ist für die knapp 40 Mitarbeiter zuständig und Ansprechperson für alle, die ein Problem haben. 

 

Das Areal erstreckt sich über 50.000 Quadratmeter. Ob Transporter, Bagger oder Mitarbeiter, alles läuft hier auf Hochtouren. Männer mit großen S3-Sicherheitsschuhen und neongelben Arbeitspullovern schreiten durch die Hallen. Viele haben Dreck im Gesicht oder auf den Klamotten. Tagtäglich arbeiten sie mit Schrott und tragen dazu bei, dass dieser wieder gebraucht werden kann. Man sieht riesige Transporter und Haufen aus verschiedenen Abfällen. Es gibt Grünzeug, Äste und Blätter, daneben liegen Plexiglasscheiben, vorne Keramikschüsseln und Teller. Weiter hinten steht ein Isoliercontainer, für Giftstoffe und Spezialabfälle. Sie sind in Deckelfässern aus Eisen verstaut. Draußen befindet sich ein Bahnwagen, am Boden sind Schienen zu sehen. In der Halle beladen die Arbeiter die Wagen, bevor sie ins Schmelzwerk gelangen. Mit einem riesigen Bagger sortiert ein junger Mann den gerade eingetroffenen Schrott, ehe er in der 800 Tonnen schweren Schrottschere zerkleinert wird. "Es isch, wie e Rüebli wod schnidisch, du hebsch es, luegsch dass es nöd wegrolle cha und denn chunt vorne halts Messer wos schnided", erklärt Kolb. Der Weg, den die Wertstoffe zurücklegen, ist immer der gleiche. PET-Abfälle werden mit Lastwagen abgeholt. Ein Mitarbeiter entfernt Fremdkörper. Das sei wirklich ein "Knochejob", meint Kolb. Er sei froh, dass er das als Betriebsleiter nicht machen muss. Danach werden die Abfälle zu PET-Ballen gepresst, dann in einer weiteren Recyclinganlage aufbereitet und nach Farben sortiert. Es werden "Flakes" erzeugt, geschredderte Kunststoffteilchen, die zu sauberem Granulat verarbeitet werden, aus dem neue PET-Flaschen entstehen. Die Flakes können nur begrenzt wiederverwendet werden. Nach einigen Durchgängen sind sie zu klein und abgenutzt. Das funktioniere neun-, vielleicht zehnmal, meint Kolb. 

 

Beim Altmetall sieht es anders aus. Etwa 90 Prozent stammen von Firmen, zehn Prozent von Privatpersonen. Das ankommende Material wird auf einer großen Waage gewogen, um den Preis zu bestimmen. Metall müsse man aufwendiger sortieren, Unreinheiten überprüfen und schauen, ob es direkt ins Schmelzwerk kann. Ist es zu groß, müsse es durch die Schrottschere. Wurden zwei Metalle miteinander verschweißt, schneide man sie mit dem Autogenbrenner auseinander. Falls dies nicht gehe, müsse es geschreddert werden und komme in die Schwimmsinkanlage. Darin befindet sich Wasser, das mit Zusatzstoffen versehen ist. So lassen sich Blei und Kupfer trennen. Da Blei eine höhere Dichte hat, sinkt es ab, Kupfer schwimmt obenauf. 

 

Sie bekommen auch Holz. Dort unterscheiden sie vier Arten. A1 sind Holzverpackungen. Die kann man problemlos verbrennen. A2- und A3-Holz werden eher für Möbelstücke wiederverwendet. Zur Kategorie A4 zählen alte Fenster von Bauernhäusern, die druckimprägniert sind. Das Holz enthält Schadstoffe und muss in die Kehrichtverwertungsanlage. Alle Vorgänge haben denselben Zweck: Wiederverwertung. Selbst wenn ein Stoff verbrannt wird, kann man dessen Energie für die Fernwärme nutzen. 

 

Es lauern auch Gefahren auf einem Recyclinghof. Lithiumbatterien zum Beispiel, die schnell entflammen, oder Maschinen, die bei falscher Bedienung leicht zu Verletzungen führen. Besonders gefährlich ist es, wenn der Kunde beim Sperrgut giftige Gase unterschmuggelt, weil es billiger ist. Das sei vor einiger Zeit passiert. Als der Arbeiter den Schrott sortieren wollte, griff die Baggerkralle in den Behälter mit dem Gift, das sich rasch in der Halle ausbreitete. Zwei Mitarbeiter mussten wegen Atemnot ins Spital. Zum Glück habe niemand ernsthafte Schäden erlitten, aber das hätte einfach nicht sein müssen, meint Kolb empört. Laut Kolb interessieren sich kaum noch Jugendliche für den Beruf als Recyclist, da man dort schmutzig wird. Alle wollen ein gutes Gefühl haben und erwarten, dass man viel recycelt, aber kaum noch jemand will es selbst tun. Auf das Privatleben wirke sich der Job nicht stark aus. Klar, man trenne zu Hause Glas, PET und so weiter. "Aber i nerv niemert dihei." 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. Dezember 2024, Nr. 303, S. 26 - Sara Fiore, Kantonsschule Trogen

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