An vielen Schulen geht es viel zu laut zu

Die Schule für Hörgeschädigte in Schwäbisch Gmünd muss auf leise Töne setzen

 

Es ist 7.30 Uhr an einem Donnerstag. Im Minutentakt kommen die weißen Kleinbusse mit den Kindern auf dem Hof der Schule St. Josef für Hörgeschädigte in Schwäbisch Gmünd an. Fast alle teilen eine Gemeinsamkeit: Sie haben eine mehr oder wenig schwere Hörbeeinträchtigung. Einige kommen aus der unmittelbaren Umgebung, andere aus Ulm, Stuttgart oder Crailsheim. Sie müssen sich teilweise schon um kurz vor sieben auf den Weg machen. Die Schule beginnt um 8.10 Uhr. Die 18-jährige Marie Frey besucht das Sozialwissenschaftliche Gymnasium (SG) der Schule und ist eine der insgesamt 300 Schülerinnen und Schüler. Sie kommt aus der Umgebung. Marie fährt um 7.49 Uhr mit dem Zug nach Schwäbisch Gmünd, um dann vom Bahnhof am Stadtgarten vorbei zur Schule zu laufen. Sie geht durch den Haupteingang, der sich im Altbau befindet. Der kleine Eingangsbereich mit seinen Säulen und einer Heiligenstatue, eingebettet in die Wand, erinnert an eine Kapelle und lässt auf die Schulträger schließen: Es handelt sich um eine Einrichtung der Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Untermarchtal. Die Vinzentinerinnen sind eine katholische Ordensgemeinschaft. Marie geht die Treppen in ein höheres Stockwerk hinauf.

 

"Die Schule ist am Anfang wie ein Labyrinth, man verläuft sich schnell", erzählt sie lachend. Denn St. Josef bietet neben dem Gymnasium noch einen Kindergarten, eine 5-jährige Grundschule, eine Werkreal- und eine Realschule an. Auch die Räume unterscheiden sich von denen einer Regelschule. Betritt man das Klassenzimmer der 13. Klasse des SG, so fallen zwei Dinge auf: die geringe Anzahl an Stühlen und Tischen sowie die Anordnung der Tische. In St. Josef dürfen maximal 11 Schüler in einer Klasse sein; meistens sind es weniger. Sie sitzen alle in einem Halbkreis um das Lehrerpult. Der Abteilungsleiter der Realschule, Stefan Baireuther, erklärt: "Wenn man an die Tafel schreibt, muss man darauf achten, nur dann zu reden, wenn man sich zu der Klasse dreht." An den Wänden sind Lautsprecherboxen, die weniger für das Abspielen von Audiogeräten verwendet werden als vielmehr für die Übertragung des Gesagten. Der Lehrer spricht in sein Mikrofon. So wird das Gesagte laut übertragen und direkt an die Empfänger der Hörgeräte und Cochlea-Implantate gesendet. Bei Klassendiskussionen wird in ein Mikrofon gesprochen, sodass alle teilnehmen können. Marie erklärt, sie könne ohne diese Hilfsmittel nicht am Unterricht teilnehmen. Sie bemerkte ihre Hörschädigung in der Regelschule. Es stellte sich heraus, dass ihr Problem die großen Klassen und die damit verbundene Lautstärke waren und sie dem Unterricht oft nicht mehr folgen konnte. Marie wechselte erst nach ihrem Realschulabschluss: "Die St. Josef hat sehr kleine Klassen, was für mich ein Punkt war, auf diese Schule zu gehen." Auch Ben, der den zweiten Probetag in St. Josef verbringt, berichtet, er finde es viel angenehmer, "ganz anders als an einem Gymnasium". Ganz anders sei auch die Atmosphäre im Klassenzimmer. Die stellvertretende Schulleiterin Heike Eberhard beschreibt diese als "warm, vertraut und intensiv." Man habe durch die kleine Klassengröße eine ganz andere Beziehung zu den Schülern. Die Schule sei für sie und viele Schüler so etwas wie eine zweite Familie. "Jeder kennt jeden und ist miteinander befreundet. Hier wird keiner gemobbt", bestätigt ein Schüler. Marie erklärt ebenso, dass "alle dort sehr herzlich und individuell gefördert werden".

 

Das ist auch auf die sonderpädagogische Ausbildung und die hausinternen Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zurückzuführen, bei denen es darum geht, welche Formen von Hörschädigungen es gibt, wie man damit umgeht, welche Hilfsmittel eingesetzt werden könnten und welche individuellen Fördermaßnahmen hilfreich sein können. Andere umfassende sowie hörbehinderungsspezifische Themen kommen aus den Bereichen Medizin, Hörakustik, Psychologie, Pädagogik und Sprachwissenschaften. Eine große Hilfe sind die mittlerweile vier Assistentinnen, die bemüht sind, der Sprachbarriere ein Ende zu setzen.

 

Hier gibt es auch Schüler ohne Hörschädigung, sie müssen aber Schulgeld bezahlen, da es sich um eine Privatschule handelt. "Wir schauen auch zuerst, ob sie überhaupt in die Klasse passen", sagt Eberhard. Denn der Zusammenhalt spielt eine wichtige Rolle. Die Kinder mit Hörschädigung haben Vorrang.


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2024, Nr. 54, S. 26 - LENI HOLZWARTH, Rosenstein-Gymnasium, Heubach

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