Auf Biegen und Brechen

Salômé leitet mit viel Einsatz ein Pilates-Barre-Studio in einer alten Schreinerei

 

Man nimmt, was man bekommt, und versucht das Bestmögliche daraus zu erschaffen", Salômé Delaïa Reisch zuckt mit den Schultern und lacht. Die Rede ist von der Gsundheits-Werkstatt in Tägerwilen, die die 30-Jährige im Dezember ins Leben rief. Mit der Unterstützung von Familie, Freunden und ihrem Partner ist in einer leer stehenden Schreinerei ein Pilates-Barre-Studio entstanden. Ohne ihren Vater hätte ihr der Mut für die Besichtigung der Schreinerei gefehlt. "Ich habe mich nie getraut. Ich würde doch nicht einfach hingehen und fragen. Also ist mein Vater gegangen."

 

Wo früher Maschinen und Holz standen, stehen heute Sportgeräte. "Ohne meine positive Einstellung wäre ich nicht in der Lage, alles zu meistern." Die vor Energie sprühende Thurgauerin hat ein ansteckendes Lachen. Ihre trainierten Beine kommen in den dunklen Leggins gut zur Geltung. Dazu trägt sie einen weißen Pullover. Die Haare sind zu einem Dutt gebunden. Im Schneidersitz sitzt sie auf einem Reformer. Das ist ein Gerät, auf dem man Pilates-Übungen ausführen kann. Pilates ist ein Ganzkörpertraining zur Kräftigung der Muskulatur, primär von Beckenboden, Bauch und Rücken. Auch für die andere Sportart, Barre, benötigt sie Geräte. Barre ist ein Fitnessworkout, das in den USA populär wurde. Es vereint Pilates, Yoga und Ballett und wird meist an einer Ballettstange praktiziert. Im Studio gibt es vier mobile Stangen. Bei Barre werden "mit sehr kontrollierten Bewegungen Müskäli beansprucht, die man sonst gar nicht kennt", schmunzelt sie. Viele unterschätzen, wie anstrengend das sein kann. "Hauptsächlich unterrichte ich Frauen jeder Altersklasse, hin und wieder verirrt sich aber auch ein Mann in mein Studio." Gerade die Männer seien häufig erschrocken, wenn ihr Körper plötzlich vor Anstrengung zittert. "Wir atmen nicht nur, wir fordern unseren Körper auch wirklich." Die Kurse finden dreimal wöchentlich mit maximal zehn Personen statt. "So stelle ich sicher, dass ich allen genug Aufmerksamkeit schenken kann."

 

"Ich liebe Sport seit meiner Kindheit." Beruflich verschlug es sie zunächst in eine andere Richtung. Nachdem sie ihre Ausbildung bei einer Kosmetikfirma in Kreuzlingen gemacht hatte, bildete sie sich weiter im Bereich Buchhaltung. Dann arbeitete sie als Finanzberaterin für die Belimed AG in Sulgen. Nebenher war sie im Familienunternehmen, einem Elektrobetrieb, tätig. Als Belimed ihr im September 2019 einen Job in Amerika anbot, zögerte sie nicht. Neben haufenweise Arbeit entdeckte sie in South Carolina die Liebe für Barre. "Ich bin dann jeden Morgen ins Barre-Studio gegangen, bevor ich mich in den Arbeitsalltag gestürzt habe." Ihr kam die Idee, in der Schweiz etwas Ähnliches zu gründen. "Irgendein Studio, das einfach eine Community schafft." Sie zeichnet mit ihren Händen einen Kreis in die Luft. "Ein Zusammenkommen von Menschen, die die gleichen Interessen haben, vielleicht aus ganz unterschiedlichen Berufen kommen, aus unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedlichen Geschichten, aber alle mit der gleichen Begeisterung für Sport." Nach ihrer Rückkehr im Juli 2020 begann sie eine 450-stündige Pilates-Barre-Fusion-Ausbildung in Zürich. Noch während ihrer Ausbildung begann Salômé selbst zu unterrichten. Zuerst gab sie einige Stunden in einem Kreuzlinger Pilates-Studio, später ermöglichte ihr der Leiter eines Boxstudios, dort zu unterrichten. "Mitten im Raum ist ein Boxring gestanden." Der Kontrast zum Pilates habe eine "coole Atmosphäre" erzeugt.

 

Zwei Monate benötigte Salômé, um die komplett verdreckte Schreinerei in Trägerwilen auf Vordermann zu bringen. Zusammen mit ihrem Umfeld wurde durchgehend "geputzt, geschrubbt und kiloweise Laugenpulver verwendet". Sie ließ sich nicht entmutigen. "Ich habe mich über jeden Erfolg gefreut", verrät sie ihre Strategie, mit der Überforderung umzugehen. "Zum Beispiel habe ich gedacht: Oh mein Gott, jetzt ist der Dreck nicht mehr schwarz, sondern hellgrau."

 

Wer das Obergeschoss heute betritt, erblickt helle Wände, Fenster, die von weißen Vorhängen umrahmt sind, und zwei hohe Spiegel. Links steht eine Kommode mit Kerzen und Postkarten, im rechten Eck ein Tisch mit einem Teetablett. In der Mitte des Raums sind zwei Reformer. Alte Holzbalken, die zur Decke führen, und der von weißen Farbklecksen übersäte Holzboden scheinen absichtlich alt belassen worden zu sein. Ruhige Popmusik dudelt im Hintergrund, der Duft von ätherischen Ölen und altem Holz liegt in der Luft. Besucher sollen sich hier wohlfühlen. "Ich finde den Raum mega lässig." Auch der hintere Geräteraum wird von ihr genutzt.

 

Salômé arbeitet momentan noch zu 80 Prozent im Familienbetrieb, zudem unterrichtet sie fünf bis sechs Stunden pro Woche Finanzwesen an der Berufsschule Weinfelden. Letzteres will sie aber spätestens nächsten Winter aufgeben. Die Pilates-Lektionen und deren Vorbereitung sind zwar Zeitfresser, "aber durch die lässigen Leute fühlt es sich nicht nach arbeiten an". Salômé weiß, dass ihr Herzensprojekt nicht ewig bestehen kann. Das Gebäude ist ein Abbruchprojekt. Die Eigentümer werden es in den kommenden fünf bis zehn Jahren abreißen und durch ein Mehrfamilienhaus ersetzen. "Leider habe ich nur einen Mietvertrag für die nächsten drei Jahre, da das die gesetzliche Regelung für Abbruchobjekte ist", berichtet sie ernüchtert. "Dafür ist die Miete tief." Zudem ermöglicht ihr die Frist zu testen, ob ihr die Kursleitung wirklich Freude bereitet. Nach den drei Jahren könnte sie eine Verlängerung des Mietvertrags aushandeln. "Es macht mich glücklich, wenn der Raum bis dahin so viel wie möglich genutzt wird und auch andere ihre Kurse und Workshops hier anbieten können", sagt die Optimistin und zeigt zu einem Fenster: "Das Fenster hat einen Sprung, hatte schon vorher einen Sprung, so Sachen werden nicht mehr repariert." Oft muss sie abwägen, was im Budget liegt, damit das Studio letztlich schwarze Zahlen schreibt. Was sie nach dem Abbruch machen will, steht in den Sternen. "Ich lebe lieber im Moment."


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.06.2024, Nr. 132, S. 26 - Adriana Fluri, Dennis Bührer. Kantonsschule Kreuzlingen

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