Auf der Insel blühte ihnen der Tod

Die schöne Belene hat eine traurige Vergangenheit. Einst war dort ein Arbeitslager.

Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken. Die Wellen der Donau schlagen ans Ufer und hinterlassen Streifen im weichen Sand. Man kann das Zwitschern der Vögel hören, die ihre Flügel ausbreiten, um über dem Wasser und den Wiesen zu schweben. Dieser Ort, der viel Schönheit und Geschichte in sich trägt, heißt Belene und liegt im Norden Bulgariens. Hierher ist der 50-jährige Pater Paolo Cortesi vor zwölf Jahren gekommen. Der katholische Orden der Passionisten hat ihm diese Region als Teil seiner Mission zugewiesen. Sein Orden wurde 1720 in Rom gegründet, und seine zwei Ziele lauten: Missionsarbeit und ein erfülltes Leben. Cortesi landete in Belene. Dort ist der Katholizismus weitverbreitet. Am Anfang weiß der blonde Pater mit seinen braunen Augen und einem warmen Lächeln nichts über das Land. Freimütig räumt er ein: "Ich habe nur von der Hauptstadt Sofia und der Küstenstadt Varna gehört, als ich hierhergezogen bin." Im Laufe der Zeit lernt er die Sprache, die Einheimischen und ihre Kultur kennen. Als Geschichtsliebhaber und Kulturenthusiast besucht Cortesi im ersten Jahr viele bulgarische Städte. "Sofia, Gabrowo, Plewen, Weliko Tarnowo, Plowdiw. Die vielen alten Kirchen, Gebäude und Museen fand ich faszinierend. Aber das, was mir am meisten gefallen hat, sind die Rhodopen." Im Moment träumt er von einer Wanderung zu den Sieben Rila-Seen.


Neben seinen kirchlichen Aufgaben unterstützt der Italiener die karitative Arbeit in der Region. Er hat zum Bau eines Gedenkparks und des Rehabilitationszentrums für Kinder mit Behinderungen beigetragen. Der lokale Märtyrer Eugenio Bossilkoff, der im Jahr 1900 in Belene geboren wurde, hat ihn inspiriert. Er verhalf vielen Juden zur Flucht. Später wurde er von den Kommunisten hingerichtet. Die Hauptaufgabe von Cortesi besteht darin, Orte wie Belene wiederzubeleben. Die Insel Belene, vormals Persin, erhielt ihren Namen wegen ihrer geographischen Nähe zur gleichnamigen grünen Donaustadt. Bekannt ist die Insel für eine traurige Geschichte. Nachdem die Bulgarische Kommunistische Partei die Macht ergriffen hatte, wurde dort 1949 ein Arbeitslager errichtet, in das bis zum Sturz des kommunistischen Regimes 1989 viele Regimegegner deportiert wurden, die dort ermordet wurden.


Cortesi möchte Belene nicht zu einem Ort der Anklage gegen den bulgarischen Kommunismus erheben. Vielmehr schwebt ihm eine europäische Gedenkstätte vor, um die historische Ungerechtigkeit aller totalitären Regimes in Europa aufarbeiten zu können. So will der Pater die Blockadehaltung der örtlichen kommunistischen Partei umgehen. Er nennt Belene "das bulgarische Golgatha". Tausende von Intellektuellen sind dort bis 1989 als sogenannte "Konterrevolutionäre" ums Leben gekommen. 70 bis 80 Stunden am Stück

mussten die Lagerinsassen arbeiten, etwa um ein dort angelegtes Schiff mit 100 Tonnen Gestein zu entladen. Heute ist Belene nicht nur ein Ort der Erinnerung, nicht nur ein Ort für Gefühle von Tod, Ehrlichkeit und Trauer. Die Insel entpuppt sich auch als Paradies für mehr als 200 Vogelarten wie Kormorane, Weißreiher, Gänse, Wildenten und Wachteln. Denn seit mehr als 40 Jahren ist die Donauinsel weitgehend unberührt. Allein über eine stählerne Pontonbrücke lässt sie sich inmitten der Donau erreichen.


"Ich mag fast jeden Winkel Bulgariens, aber am liebsten begegne ich dem Sonnenaufgang am Ufer der Donau auf der Insel Persin. Ich genieße die Natur und die Lieder der Vögel." Cortesi arbeitet dafür, die Botschaft der Freundlichkeit zu verbreiten: "Die Einheimischen kämpfen Seite an Seite dafür, die Vergangenheit ihrer Heimat zu erleuchten."

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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.10.2024, S. 26 - Aleksandra Kostova, Galabov-Gymnasium, Sofia

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