Auf der Suche nach dem Rest der Welt

Knapp 60 Länder fehlen dem Weltreisenden Wolfgang Boffa noch auf seiner Länderliste

 

Schon seine Hochzeitsreise war nicht gewöhnlich. Sie dauerte ganze eineinhalb Jahre. Aber auch sonst ist der meistgereiste Bartholomäer Bürger speziell, denn sein Ziel ist es, alle 195 Länder der Welt zu bereisen. Momentan fehlen ihm noch 59, sagt Wolfgang Boffa. Bis jetzt hat der 59-jährige Halbitaliener aus dem Ostalbkreis 136 Länder geschafft. Er hat eine Karte mit "schwarzen Flecken", also Ländern, in denen er noch nicht war. Nochmals in dasselbe Land will er nicht. Die nächsten Reiseziele sollen in Asien liegen, vermutlich Japan, Nord- und Südkorea und Taiwan. Boffa sucht sich stets mehrere Ziele aus, die möglichst nah beieinanderliegen, um direkt mehrere Länder abzuhaken. Wirklich gesehen habe er ein Land nur, wenn er mindestens einen Monat dort war. Für ihn ist alles unter vier Wochen kein richtiger Urlaub. Dies gilt auch für kleinere Länder, es sei denn, er hat schon in kürzerer Zeit alles in einem Land gesehen, wie zum Beispiel auf kleinen Inseln wie in der Karibik. Seit 2005 hat er sich vorgenommen, jedes Jahr für etwa sechs Monate zu verreisen. Das heißt: immer ein halbes Jahr arbeiten und ein halbes Jahr reisen.

 

Für ihn bedeutet das Reisen raus aus der Normalität und rein ins Ungewisse. Boffa ist sich bewusst, wie kurz das Leben sein kann und dass die meisten ihre Pläne immer wieder aufschieben, mit der Idee, in der Rente reisen zu gehen. Doch er möchte sein Leben jetzt genießen und so viel wie möglich von der Welt sehen. Besonders die Herzlichkeit, Offenheit, Kontaktfreudigkeit und Gastfreundschaft sind es, die Boffa begeistern und berühren. Viele Deutsche seien nicht so offen und sogar fast ein bisschen "kontaktscheu". Dass er selbst in ärmeren Ländern wie etwa in Kasachstan zum Essen oder sogar zum Übernachten eingeladen wird, ist für ihn nicht selbstverständlich. Für ihn bedeutet dieses Zwischenmenschliche sehr viel. Boffa ist dankbar für sein Leben und dafür, dass er all das erleben darf. Er denkt, dass alles im Leben mit Glück und Zufall zu tun hat. Und dass dies schon damit beginnt, in welchem Land man geboren wird. Seine Reiselust hat er schon in jungen Jahren entdeckt, doch mit dem Zählen der Länder hat er erst begonnen, als er von einem Mitbürger aus seinem schwäbischen Dorf Bartholomä gereizt wurde. Der habe großspurig behauptet, er sei der Bartholomäer, der die meisten Länder bereist habe. Doch schon damals sei Boffa selbst in weit mehr Ländern unterwegs gewesen.

 

Seine ersten Länder hat er überwiegend auf dem Landweg bereist und immer so günstig wie möglich. Die Kostenfrage ist wichtig. Er plant stets sparsam und setzt sich ein Budget. Inlandsflüge waren für ihn nie eine Option, lieber wandert er auch mal weite Strecken oder fährt 30 Stunden mit dem Bus. Umweltbewusst zu sein ist ihm wichtig.

 

Auf seiner Hochzeitsreise waren er und seine Frau mit vier Freunden unterwegs. Damals waren sie in Österreich, Jugoslawien, Griechenland, der Türkei, Iran, Pakistan, Indien, Singapur, Neuseeland, Osttimor, auf den indonesischen Inseln und in Prag.

 

Für ihn ist es auch schön, zu Hause zu sitzen mit seiner Familie. Sie sei für ihn das Wichtigste, erzählt der Lockenkopf lächelnd: seine Frau Marlies und seine beiden Söhne. Am liebsten würde er auch immer mit seiner Familie reisen, doch wenn dies nicht möglich ist, reist er allein oder mit anderen, die er meist auf irgendwelchen Reisen kennengelernt hat. Boffa meint, wenn man zu zweit oder mit mehreren auf Reisen ist, teilt man Gutes und Schlechtes miteinander. "Alles steht und fällt mit dem Partner." Er ist glücklich, seine Marlies zu haben, die ihn unterstützt. Viele Reisen durfte er auch mit seinem inzwischen verstorbenen Vater unternehmen. Unvergessen sei eine lange Wohnmobiltour durch Amerika in den Jahren 1999 und 2000.

 

Unterwegs fällt Boffa vor allem auf, dass er einer der ältesten Reisenden ist. Für viele ist es eben nicht mit dem Job zu vereinbaren. Boffa sagt, dass er nicht wirklich fest angestellt sei, aber trotzdem, wann immer er zu Hause ist, ganz normal arbeiten geht. Momentan arbeitet er im Vertrieb von Solaranlagen. Meistens begegnet er Leuten, die gerade mit der Schule oder dem Studium fertig sind. Viele seien auch unbedarft und leichtgläubig unterwegs, während für ihn klar ist: niemals die Sachen allein lassen und Geld immer bei sich tragen.

 

Boffa hält oft Vorträge. Die Zuhörer fragen nach dramatischen Erlebnissen. Was gefährlich war, ob er ausgeraubt wurde? Als ungewöhnlich blieb ihm das Essen in manchen Ländern in Erinnerung, etwa in China oder Bolivien, wo teilweise die Restaurants aussahen wie "Tierhandlungen" und man sich sein Essen noch lebendig aussuchen konnte. Vor 20 Jahren wurde er in Ecuador mit K.-o.-Tropfen eingeschläfert, in Venezuela wurden sein Vater und er mit Gewehren bedroht. Nach Handgreiflichkeiten rannte sein Vater dem Angreifer hinterher. In Kolumbien haben sie oft vor gut bewachten Gebäuden oder der Polizeistation mit dem Auto übernachtet.


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.06.2024, Nr. 144, S. 26 - Lena Staudenmaier. Rosenstein-Gymnasium, Heubach

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