Der Verein "Berliner Unterwelten" macht Touren an dunklen Orten. Sie erzählen von Flucht und Krieg.
Passen Sie auf Ihre Datenspeicher auf - also Köpfe einziehen!" Mit diesem Rat verschwindet Dietmar Arnold schmunzelnd nicht weit vom Bahnhof Gesundbrunnen in den dunklen Tiefen des Berliner Untergrundes. Der 59-Jährige hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Berliner Stadtgeschichte zu erforschen und an Besucher aus aller Welt zu vermitteln. Ausgerüstet mit einer Taschenlampe, führt er zwei Dutzend Neugierige durch eine dunkle Zeit, in der Menschen von Berlin nach Berlin, von Ost nach West, flohen. Sein persönlicher Bezug ist kaum zu überhören: "Ich bin Berliner. Der quasselt ein bisschen schneller als normale Leute." Aufgewachsen in Hermsdorf im Norden Berlins, erlebte Arnold bereits als Kind die geteilte Stadt. "Wenn mein Bruder und ich mit der U-Bahn durch Geisterbahnhöfe gefahren sind, haben wir uns immer die Nasen an der Scheibe platt gedrückt." Neugier und Entdeckerfreude führten ihn schon in jungen Jahren an verborgene Orte. "Mit Freunden haben wir uns in den Flakbunker Humboldthain gebuddelt. Das war für uns ein toller Abenteuerspielplatz." Seine leuchtend gelbe Warnweste bezeugt, dass er seine Faszination für das Unterirdische zum Beruf gemacht hat. Als Student der Stadt- und Regionalplanung half er bei der Vermessung der Pariser Katakomben. Davon inspiriert, kehrte er nach Berlin zurück und gründete 1997 mit sechs Mitstreitern den Verein "Berliner Unterwelten". Das Wappentier: der Berliner Bär mit einer Taschenlampe in der Pfote. "Wir waren die Ersten, die darüber nachgedacht haben, ob ein Bunker vielleicht auch ein Denkmal sein könnte. Wir dachten, wenn die Unterwelt keine Lobby bekommt, dann gehen diese spannenden Geschichtsorte kaputt." Er kramt Tabak aus seiner Westentasche und erinnert sich an schwierige Zeiten: "Anfangs wurden wir als Bunkerküsser und Betonromantiker diffamiert." Seit der Gründung ist Arnold als Vereinsvorsitzender tätig und bekam 2006 mit seinem Bruder Ingmar die Silberne Halbkugel als höchsten deutschen Preis für Denkmalschutz verliehen. Sechs Jahre zuvor konnte der Verein mit der Entdeckung einer Kartei mit Namen von mehr als 3000 Zwangsarbeitern einen Anspruch auf Entschädigung einiger Überlebender erwirken. Diese Kartei und viele weitere Relikte zeigt der Verein in verschiedensprachigen Führungen. Das Themenspektrum ist breit gefächert: von der Berliner Rohrpost über den ersten U-Bahn-Tunnel Deutschlands bis hin zu Luftschutzanlagen aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg.
Arnold entwirft immer wieder neue Projekte. Dazu zählt die Weiterentwicklung einer Tour durch den Tunnel und Bunker in der Dresdener Straße, der seinen Ursprung als Bahnhofsrohbau in der Kaiserzeit fand. "Außerdem bauen wir gerade eine Ausstellung über ehemalige Wasserwege auf. Mein Traum: Als erster Gondoliere Berlins auf einem unterirdischen Kanal zu fahren."
Heute erzählt Arnold mit seiner rauen Stimme von diversen Fluchtversuchen von Ost nach West durch die Kanalisation, Passfälschungen und umgebauten Autos. Metallene Geräusche durchbrechen die gebannte Stille, als zwei Freiwillige aus der Besuchergruppe versuchen, einen Kanaldeckel zu schließen - eine lärmende Angelegenheit, die ihnen im Ernstfall zum Verhängnis hätte werden können. "Nach der Vergitterung der Kanalisation fingen immer mehr Fluchthelfer an, unterirdische Tunnel zu bauen." Nach monatelanger, schweißtreibender Arbeit sollten so vor allem Familien wieder zusammengeführt werden. Doch neben spektakulären Erfolgen reihen sich Fälle von Verrat und bitterem Scheitern in die Erzählungen des Autors zahlreicher Geschichtsbücher ein. Durch dunkle Gänge folgen ihm die Besucher zu einem nachgebauten Fluchttunnel. Kleine Glühbirnen hängen an einem Rohr für die Frischluftzufuhr. Ein Rollwagen konnte den Abraum transportieren, den die Tunnelgräber aus der Erde holten. Zur Kommunikation wurde ein Feldtelefon verwendet, um sich nicht der DDR-Staatssicherheit auszuliefern. Diese vernichtete mit perfiden Methoden die Zukunftsträume vieler Ostberliner. So auch die der Tunnelgräber von der Brunnenstraße 143. Seit vier Jahren ist ihr Bauwerk ein wertvoller Bestandteil der Führung. "Wir haben über 300 Tonnen Berliner Mergelboden bewegt, um einen Besuchertunnel zu bauen, der zum originalen Fluchttunnel führt. Der war damals allerdings nicht erfolgreich: Kurz vor Fertigstellung wurde er an die Stasi verraten." Arnolds Stimme hallt in den Gewölben des ehemaligen Brauereikellers. Unter der Erde ist es etwa so kühl wie oberhalb. Der Unterwelten-Experte hat seine kurzen grauen Haare mit einer braunen Schiebermütze bedeckt und begibt sich nun auf den Rückweg Richtung Gesundbrunnen. Wenige Meter entfernt berichten die rostig-braunen Stahlsäulen der Mauergedenkstätte vom Todesstreifen, der mehr als 100 Menschen das Leben kostete.
Arnolds Schal flattert im Wind, als die U 8 nach Paracelsus-Bad einfährt. Die gelben Türen öffnen sich, und alle Fahrgäste werden binnen weniger Sekunden nach Westberlin mitgenommen. "Damals, am 9. November, konnte ich kaum glauben, dass die Mauer fiel. Ich war drei Tage fast ohne Schlaf am Ort des Geschehens. Das war eine Sternstunde der Menschheit." Doch mit Blick auf die Zukunft ist er nachdenklich gestimmt. "Wir machen hier Touren durch Luftschutzbunker, in denen sich Menschen an anderen Orten gerade vor Raketenbeschuss schützen. Da hat man ein ganz beklemmendes Gefühl."