Bierselige Vegetarier

Fleischersatz aus Appenzeller Treber

Ein glänzender Chüeligurt, ein Ring im Ohr, Arbeiterhose und ein schwarzes T-Shirt: Fabian

Fritsche ist ein waschechter Appenzeller. In der Hand hält der junge Brauereimitarbeiter ein

Glas mit braunem Pulver und schraubt den Deckel ab. Ein stechender Geruch. Leicht

malzig, fermentiert, ein bisschen erdig. Die gemahlenen Bierrückstände, Treber genannt,

sehen nicht wirklich vielversprechend aus. Doch aus diesem Pulver soll ein genießbares

Fleischersatzprodukt entstehen. Genau das versucht die Brauerei Locher AG in Appenzell.

In der Schweiz ist sie bekannt für ihr Appenzeller Bier, das die Familie Locher seit 1886

braut. Vor zwei Jahren entschloss sie sich, auch die Reste zu verwerten. Früher wurde der

Treber als Abfall entsorgt oder an die Schweine verfüttert.

"100 Prozent vom Treber wollen wir irgendwie wiederverwerten", meint der 26-Jährige. Mit

seinem Geschäftssinn und seiner Leidenschaft fürs Essen ist er am richtigen Ort. Karl

Locher, der Inhaber der Brauerei, ist Herr über die Entwicklung und Verfeinerung der

braunen Pampe zu einem leckeren Fleischersatz. Fritsches Leidenschaft fürs Essen, die ihn

schon von Kindesbeinen an begleitet, erkannte Locher sofort. Vor zehn Jahren schloss

Fritsche die Kochlehre mit Bravour ab. Zwischen Sautieren und Blanchieren besuchte der

Jungkoch die Berufsbildende Mittelschule. Seinen Bachelor in Lebensmitteltechnologie

machte er in Zürich. Doch die Großstadt war nichts für ihn. "Ich wollte immer zurück, weil

hier in Appenzell mein Lebensmittelpunkt ist." Dazu zählt für ihn auch die Pfadfindergruppe

Appenzell.

Zwischen den malerischen Appenzeller Hügeln ist die Industrie nicht sonderlich stark

ausgeprägt. Mit der Empfehlung eines Freundes landete Fritsche in der Brauerei Locher.

Seit gut zwei Jahren ist er dort Bestandteil des Brewbee-Teams. "Brewbee" - so lautet der

Vertriebsname des zu Fleischersatz vergoldeten Treberbreis. Neben Geschnetzeltem und

Gehacktem werden aus den nährstoffreichen Nebenprodukten wie Treber, Bierhefe,

Nebenwürze und sogar dem Bier selbst Produkte wie der Birratone, inspiriert vom

italienischen Panettone, Pizza, Tschipps, Müesli und Trellini, ein Linsen-Malztreber-Snack,

kreiert.

Er steht in einer mit stillstehenden Gerätschaften vollgestopften Halle und trägt ein

Haarnetz. Weiße Kacheln bedecken den Boden. Der malzige Trebergeruch bohrt sich

stechend in die Nase. Fritsche ist von mittelgroßer Statur. Er wirkt winzig neben dem

Metallmonstrum in der Mitte des Raums und erklärt, dass diese Maschine ein

Versuchsextruder sei. Der richtige Extruder sei noch eine Nummer größer. Die Apparatur

formt aus der nassen Treberpampe das Gehackte, das später in der vegetarischen

Bolognese landet. "Bis das Produkt konsumentenfertig ist, braucht es viele Operationen."

Erst muss der Treber getrocknet und gemahlen werden. Dann werden die Appenzeller

Geheimzutaten beigefügt, erzählt Fritsche mit einem Zwinkern. Schließlich kommt die

Maschine ins Spiel. Er musste den Umgang mit dem Metallkoloss lernen und wie man ihn

bei Laune hält. "Es ist grundsätzlich simpel, wenn man die physikalischen Grundkenntnisse

beherrscht." Der komplizierteste Teil bestehe darin, die entstehenden Fehler zu finden. Mit

Fritsches Expertise ist es jedoch leicht, das Rezept so anzupassen, dass das perfekte

Veggiehack entsteht. Er wirft mit Fachbegriffen nur so um sich. Für Otto Normalverbraucher

lautet die Kurzfassung: Ein Riesentrichter verschlingt die Mischung und schleust sie weiter.

Unter enormen Temperaturen und Druck wird sie durch die Maschine gepresst, bis sie

wurmartig aus einem Gitter am Ende des langen Metallrohres herausquillt. Dort werden die

Treberwürmer zerhackt, restgetrocknet und verpackt.

Fritsche wird ernster und spricht über Aufwand und Ertrag. Die Versuchsapparatur wurde für

die anfängliche Entwicklung der Produkte gekauft. Die Anschaffungskosten für den

Originalextruder seien zu hoch. Ebenso ist der Platz begrenzt. Die Brauerei arbeitet deshalb

mit einem Partner. Dieser besitzt einen großen Extruder und Platz für weitere Maschinen.

So verfeinern Fritsche und das Brewbee-Team ihre Produkte vor Ort, während der

Partnerbetrieb für den Markt produziert. Ist das Ziel der hundertprozentigen

Treberverwertung in Reichweite? "Dort stecken wir noch in den Kinderschuhen." Bloß 10 bis

20 Prozent des Gerstenmalztrebers werden heute zu Fleischersatzprodukten verwertet.

Gerade experimentiert das Team an einem Tofu.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.09.2024, S. 26 - Lilly Indermaur, Kantonsschule Trogen

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