Um "Finnegans Wake" zu lesen, braucht man in der Zurich James Joyce Foundation zehn Jahre. Der Ire hatte eine enge Beziehung zu der Stadt, in der er begraben ist.
Wir übernehmen keine Verantwortung für die Sucht", stellt Ursula Zeller klar. Jedoch nur scherzweise. Die lebhafte Frau verkauft nicht etwa Suchtmittel, sondern ist Kuratorin der "Zurich James Joyce Foundation". Mit dieser Stiftung beherbergt die bevölkerungsreichste Stadt der Schweiz eine der größten Forschungsstätten weltweit, die sich dem irischen Schriftsteller James Joyce und allem, was mit ihm in Verbindung steht, widmet.
In einem Raum, umgeben von Regalen mit Büchern und Trouvaillen, erzählt die 64-Jährige leidenschaftlich von dem Autor, dem sie seit ihrer Studienzeit verfallen ist. Ihre roten Haare wippen zu ihren Handbewegungen. Ein Lächeln umspielt ihre Lippen. Es unterstreicht die Begeisterung, die die gebürtige Zürcherin für Joyce und sein Leben und vor allem seine Literatur hegt. Interessierte kämen von weit her, um Joyces Werke zu lesen. Die James Joyce Stiftung in Zürich bietet wöchentliche Lesegruppen an. Sie hätten Personen, die aus Basel oder Bern kämen, um jede Woche eineinhalb Stunden mit einer Lesegruppe in einem von Joyces Werken zu lesen. Doch wie kommt es zu einem solchen Joyce-Interesse in der Schweiz?
Die James Joyce Foundation befindet sich im zweiten Stock eines alten Riegelhauses mitten in der Altstadt. Durch die kleinen Doppelfenster dringen sachte Windstöße herein. Draußen herrscht graues Wetter. Die Wolken bilden eine dichte, tiefhängende Decke. Spannung liegt in der feuchten Luft. Angespannt muss es auch gewesen sein, als James Joyce durch die Straßen Zürichs schlenderte. Den Ersten Weltkrieg verbrachte der 1882 geborene Schriftsteller in der Schweiz sowie einige Wochen des Zweiten Weltkriegs. Immer an seiner Seite: Nora Barnacle, seine große Liebe. Nora war Joyces größte Inspiration und sein Halt im Leben. "Er hat nichts ohne sie gemacht", erzählt Zeller. Das Genie Joyce war abhängig von einer "stabilen, geerdeten, selbstbewussten Person, wie es Nora war". Sie habe eine eigene Meinung gehabt und sei geistig unabhängig gewesen von ihrem Mann. In Joyces bekanntestem Werk "Ulysses" bildet Nora die Inspiration für die weibliche Hauptfigur Molly Bloom. Sogar sprachlich beeinflusste Nora Joyces literarische Figur. "Interpunktion hat sie nicht gekannt. Nora hat immer ohne Strich, Punkt und Komma geschrieben." Dieselbe Sprache ist im letzten Kapitel von "Ulysses" zu finden, in dem Molly Bloom allein spricht beziehungsweise ihren Gedanken nachhängt.
Zusammen verließen Nora und James Joyce Irland, unverheiratet und nur vier Monate, nachdem sie sich kennengelernt hatten. "Das war ein absolutes Tabu", sagt Zeller, "vor allem in den kleinbürgerlichen Kreisen des katholisch geprägten Irlands, aus denen sie beide stammten." Es war ein Aufbruch aus den religiösen und gesellschaftlichen Normen ihres Heimatlandes. Die Norm und die Kirche waren generell nicht Joyces Sache. Künstlerisch sowie in seinem privaten Leben rebellierte er dagegen. So heiratete das Paar auch nicht, als es zwei Kinder bekam. James Joyce erachtete sich selbst als Genie. Mit der festen Überzeugung, von Irland weg zu müssen, um ein erfolgreicher Künstler werden zu können, reiste er mit seiner Geliebten los. Das Ziel: Zürich. Das Paar zog nach seinem ersten Halt in Zürich schnell weiter, nachdem sich eine freie Stelle als Englischlehrperson als Irrtum erwiesen hatte.
Sie lebten in Triest, kurz in Rom, gingen zurück nach Triest, und zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg lebten sie in Paris. Doch während der Weltkriege diente die neutrale Schweiz als Refugium für die Familie. "Das waren wichtige Jahre für ihn." Er schrieb die Hälfte seines berühmtesten Werks "Ulysses" in Zürich. Dies nahm einige Einflüsse auf den Roman; er enthält zum Beispiel ein wenig Schweizerdeutsch, hebt Zeller hervor. "Herr Hurhausdirektorpräsident Hans Chuechli-Steuerli" heißt beispielsweise ein internationaler Delegierter in einem parodistischen Abschnitt des zwölften Kapitels. "Vor allem hat er hier enge Freundschaften geschlossen." Manches habe sich in seinem Leben zum Positiven hin gewendet. Sein künstlerisches Schaffen erhielt erstmals Unterstützung, und er hatte einen kreativen Durchbruch. James Joyce starb 1941 in Zürich während seines zweiten Aufenthalts im Zweiten Weltkrieg. Er ist dort begraben. Seine Frau Nora lebte bis zu ihrem Lebensende, zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes, in Zürich. Die beiden hatten schlussendlich doch noch geheiratet, im Jahr 1931. Allerdings nur, um seine Kinder Lucia und Giorgio sowie Nora zum Erbe zu legitimieren, wie Joyce es begründete.
Dafür, dass es zur "Zurich James Joyce Foundation" gekommen ist, brauchte es zusätzlich einige Zufälle und vor allem viele interessierte und engagierte Personen. 1985 wurde die Stiftung gegründet mit Fritz Senn als Direktor. Senn ist einer der renommiertesten Joyce-Forscher. Auch Ursula Zeller ist schon seit 33 Jahren in der Stiftung tätig. "Es macht wirklich süchtig. Wer hier arbeitet, betreibt es in der Regel als lebenslängliche Passion." Heute ist die Stiftung einerseits eine Forschungsstätte, andererseits bietet sie ein Kulturangebot für die Öffentlichkeit. Das Ziel ist es, die Erinnerung an Joyce und sein Werk le-bendig zu erhalten. Der Autor und sein künstlerisches Schaffen seien ein "reiches Universum", wie es die Expertin ausdrückt. "Joyce ist so vielschichtig", fast alle weiteren Interessen, die man habe, könnten in der Arbeit mit Joyce eingebracht werden. Beispielsweise würden Musikbegeisterte durch die zentrale Rolle, die die Musik in Joyces Werken einnimmt, angesprochen. Viele Zitate aus Liedern seien in seine Texte eingeflossen. Nebst anderen Veranstaltungen organisiert die Stiftung wöchentliche Lesegruppen zu den zwei bekanntesten Werken von Joyce. "Gut zehn Jahre braucht es, um 'Finnegans Wake' zu lesen", Joyces letzter Roman. Für "Ulysses" seien es 'nur' etwa drei Jahre. Da versteht es sich, dass Joyce eine Sucht ist.
Kirchenglocken erklingen von draußen. Die tiefhängenden Wolken und der Nieselregen erinnern an Irland. Genau wie das Wetter an diesem Tag ist die Zürcher James Joyce Stiftung ein Stück Irland im Herzen von Zürich.