Da lässt man etwas von sich hören

Die Hörspielfabrik Hohen Neuendorf produziert am laufenden Band

 

Große Boxen, ein riesiger Bildschirm, herumliegende Mikrofone, ein Keyboard, ein Klavier, dessen Innenleben sichtbar ist. Intensives Gelb und Rot sowie gleichfarbige Schaumstoffplatten zur Tonverbesserung an den Wänden. Und mittendrin: Jens-Uwe Bartholomäus. Der 61-Jährige mit vergleichsweise langem, welligem Haar produziert hier seit 2010 eigene Hörspiele - "für Kinder, mit Kindern, für Erwachsene und mit Erwachsenen".

 

Das sei seine Passion, erzählt er, während er sich seine Brille im Haar zurechtrückt. "Ich stehe total auf Geschichtenerfinden und -erzählen." Die Herausforderung dabei: Dem Zuhörer muss bei Hörspielen, anders als im Film, allein durch akustische Inszenierung ein lebendiges Bild in den Kopf gezaubert werden. Die perfekten Geräusche kreieren, die richtigen Sprecher finden und die am besten passende Musik komponieren: All das gehört zu einer guten Hörspiel-Produktion dazu. Dabei ist es für Bartholomäus hilfreich, dass er ursprünglich Musiker war. Er erzählt, wie er als Kind und Jugendlicher Klavier, Gitarre und Schlagzeug lernte und im Gesang unterrichtet wurde. Noch größeres Interesse hatte er aber am Equipment der Musikproduktion. Die Geräte seien jedoch unglaublich teuer gewesen. Mit der Erfindung der ersten massenweise verfügbaren Sampler und sogenannten MIDI-Sequencer zu Beginn der 1980er-Jahre änderte sich das, und Bartholomäus' Weg in die Musikproduktion ebnete sich. Nachdem er mit seiner ersten eigenen Platte, dem Konzeptalbum "Terry Darp", 1997 im Berliner Planetarium am Insulaner mit einer Show debütierte und in den Folgejahren preisgekrönte Hörspiele im Radio veröffentlichte, kam der Hörverlag, einer der führenden deutschsprachigen Hörbuchverlage, auf ihn zu und fragte an, ob er Lust hätte, den Roman "Der Bericht des Arthur Gordon Pym" von Edgar Allan Poe als Hörspiel zu vertonen. Das Angebot nahm er an. Dass Bartholomäus seinen Traumberuf in der Hörspielbranche fand, war keine Überraschung, schließlich war er immer schon ein großer Konzeptalbum-Fan. Dort stehen die einzelnen Titel nicht isoliert, sondern folgen einem übergeordneten Thema. "Da ist es zum Hörspiel nicht so weit." Nach einigen Jahren der freiberuflichen Produktion von Aufträgen wollte Bartholomäus zunehmend selbst kreativ werden, eigene Geschichten erfinden und diese vertonen. So kam es 2010 zur Gründung der Hörspielfabrik. Mit Leidenschaft werden hier seitdem akustische Kulissen zu seinen Geschichten gebaut. "Das Bauen von Sounds, die es so nicht gibt, empfinde ich als die absolute Herausforderung. Und da bin ich auch manchmal selbst Geräuschemacher." Dafür liegt im Tonstudio viel "Krempel" herum, mit dem er auf kreative Art und Weise Töne erzeugt, die alltägliche Geräusche so nachahmen, dass sie Zuhörer in die Welt der Geschichte holen. "Du musst die Vorstellung, die du als Bild hast, so zur akustischen Kulisse umbauen, dass sich auch jemand anderes das vorstellen kann. Zum Beispiel kann man mit einer Kleiderbürste und einem Kopfkissen leichte Wasserwellenbewegungen aus der Ferne nachahmen." Etwa 50 Hörspiele hat er mittlerweile umgesetzt - ganz allein, als Autor, Musiker, Regisseur und zum Teil auch als Sprecher. Was am längsten dauere, sei der Schreibprozess. Dafür nimmt sich der Fan von Pink Floyd und David Bowie zweimal im Jahr eine Pause und zieht sich in einen Urlaub, etwa an die Ostsee, zurück. Diese Zeit nennt er liebevoll "Schreibwerkstatt". "Dann bin ich im Nirgendwo, Telefon ist offline, und ich tauche komplett ein." Die einzigen Unterbrechungen des Schreibprozesses seien dann die Kaffeepausen.

 

Wichtig sind für ihn auch die Sprecher, die den Figuren seiner Geschichten ihre Stimmen leihen. Dafür hat er mit prominenten Stimmen zusammengearbeitet: So spricht immer wieder Daniela Hoffmann, die deutsche Stimme von Julia Roberts, für seine Hörspiele ein. Auch die deutschen Stimmen von Johnny Depp (David Nathan), Richard Gere (Hubertus Bengsch) und Keira Knightley (Giuliana Jakobeit) waren schon in der Hörspielfabrik. Bartholomäus legt großen Wert auf die Qualität. "Das spiegelt sich dann aber eben auch im Preis der Produktionen und der verwendeten Technik wider." Sorgen bereitet ihm die Künstliche Intelligenz. Diese könne bereits "beunruhigend gut" Videos und Tondateien so manipulieren, dass Schauspieler sogar lippensynchron in Originalstimme in anderen Sprachen sprechen. Die Synchronsprecherbranche sei mit Blick in die Zukunft in großer Unsicherheit. In der Gegenwart zaubert Bartholomäus jedoch weiter in seiner Hörspielfabrik akustische Welten, die den Zuhörern die Möglichkeit bieten, den Alltag aus- und das Kopfkino anzuschalten.


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.05.2024, Nr. 116, S. 30 - Felix Schulz. Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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